Für acht Millionen Euro Ablöse hat Fabian Reese die Seiten gewechselt: Weg von seinem vermeintlichen Herzensklub Hertha BSC hin zum gerade in der Fanszene wenig geschätzten VfL Wolfsburg.
Frage: Herr Reese, sind Sie ein Fußball-Romantiker?
Fabian Reese: In erster Linie bin ich ein hochprofessioneller und ehrgeiziger Fußballspieler.
Frage: Konkreter: Können Sie etwas mit den Gesetzen mancher Fans anfangen, nach denen Spieler gerade bei Transfers sehr moralisch handeln sollten?
Reese: Ich kann vieles nachvollziehen, wenn ich mich in die Standpunkte anderer hineinversetze. Beispiel Montagsspiele: Das ist für Fans, die arbeiten müssen, nicht ideal. Aber generell muss man den Status des Fußballprofis als Job definieren. Wir sind bei einem Verein angestellt, das ist unser Arbeitgeber, für den wir alles geben. Wenn sich eine Tür bei einem anderen Arbeitgeber öffnet, bei dem ich bessere Perspektiven habe oder einen längeren Vertrag bekomme, muss man darüber nachdenken, diese Chance zu nutzen. Aber ich denke, Fußballer haben auch immer die Möglichkeit zu beweisen, dass sie leidenschaftlich für den Verein spielen.
Frage: Was meinen Sie genau?
Reese: Wechsel zu Konkurrenten oder gar Rivalen sind schwierig, das verstehe ich aus der Fanperspektive. Und dennoch gab es bei meinem Ex-Verein auch Spieler, die nach solchen Wechseln bewiesen haben, dass sie das Herz am rechten Fleck haben. Man sollte sich schon die Mühe machen, jeden Aspekt eines Wechsels zu betrachten.
Frage: Erklären Sie Ihre Perspektiven in solchen Diskussionen?
Reese: Ich bin der Letzte, der seine Sichtweise nicht erklären würde. Aber dafür braucht man die richtige Gesprächsebene. Es bringt wenig, das in einer sehr emotionalen Situation zu versuchen. Getroffene Entscheidungen Jahre später mit viel mehr Wissen zu bewerten, ist unfair – auch sich selbst gegenüber. In dem Moment haben sie sich richtig angefühlt. Daher bin ich da mit mir im Reinen.
Frage: Das heißt, Sie würden in Ihrer Karriere nichts anders machen?
Reese: Natürlich gibt es immer auch Entscheidungen, die man im Nachhinein vielleicht anders treffen würde. Das ist nicht nur im Fußball so. Aber die wichtigsten Entscheidungen in meiner bisherigen Karriere habe ich aus voller Überzeugung getroffen. Man muss in unserem schnelllebigen und dynamischen Geschäft berücksichtigen, dass sich Pläne und Ziele schnell verändern können – das gilt für Vereine genauso wie für uns Spieler.
Frage: Auf die Frage, ob Sie im ruhigen Wolfsburg etwas gegenüber der Metropole Berlin vermissen, sagten Sie, Sie seien in einer neuen Phase in Ihrem Leben. Was meinen Sie damit?
Reese: Ich bin in erster Linie Fußballprofi, der alles dafür opfert, sportlich die bestmögliche Leistung abzurufen. Wolfsburg ist viel ruhiger als Berlin. Das genieße ich. Die vergangenen Jahre waren die bisher besten meines Lebens. Aber sie waren auch so intensiv, dass sie an das Maximum der Belastbarkeit bei mir gingen.
Frage: Brauchen Sie den Trubel der Großstadt gar nicht mehr?
Reese: Ich vermisse ihn nicht. An freien Tagen besuche ich aber auch gerne Freunde, die in größeren Städten leben.
Frage: In Berlin haben Sie gerne Ihre Sachen auf einem Flohmarkt verkauft. Haben Sie das auch schon in Wolfsburg gemacht?
Reese: Als ich noch im Hotel gelebt habe, war dort in der Nähe ein Trödelmarkt, über den ich geschlendert bin. Das aktive Verkaufen kommt sicherlich noch.
Frage: Sie sind aus Berlin nach Wolfsburg gezogen und haben dabei etwas ausgemistet. Was sind die heißesten Artikel auf dem Stand von Ihnen und Ihrer Verlobten?
Reese: Einrichtungsgegenstände, Klamotten, manchmal Schuhe, die nicht ausgetragen, aber nicht mehr die Hot Takes bei uns sind. Wir richten uns gerade ein und fühlen uns sehr wohl.
Liebling der Fans: Reese (r.)Frage: Wie empfinden Sie, dass Wolfsburg gemeinhin in Deutschland kaum Erfolg gegönnt wird?
Reese: Ich konzentriere mich lieber auf Menschen, die uns Zuspruch geben. Die Fakten sind nun mal, dass wir in der zweiten Bundesliga den wertvollsten Kader haben, die meisten Transferausgaben, aber auch die höchsten Transfereinnahmen. Wolfsburg ist kein klassischer Zweitligist. Da ist es einfach, uns die Favoritenrolle zuzuschreiben. Damit müssen wir umgehen. Ich sehe es als Privileg, in einer solchen Mannschaft zu spielen. Aber ein Selbstläufer wird es deshalb nicht. Wir müssen einen Spirit entwickeln, ein Team bilden.
Frage: Wie wichtig ist Ihnen, wie Sie in der Öffentlichkeit gesehen werden?
Reese: Man kann nicht der perfekte Mensch sein. Perfektion ist eine Illusion. Menschen, die Lust darauf haben, Teil meiner Reise zu sein, sind herzlich eingeladen, mich zu verfolgen. Wenn jemand davon genervt ist, darf er gerne wegschauen. Das ist für mich völlig in Ordnung.
Frage: Wer kennt Fabian Reese zu 100 Prozent?
Reese: Meine Eltern, mein Bruder, meine Verlobte, unsere kleine Hündin (lacht).
Frage: Wo setzen Sie die Grenze für alle anderen, wenn Sie Dinge von sich preisgeben?
Reese: Dabei gibt es kein Limit. Jeder entscheidet das selbst. Jürgen Klopp hat direkt zu Beginn seines neuen Jobs eine Grenze in Bezug auf seine Familie gezogen. Das kann ich verstehen. Wenn du dich öffnest, besteht immer die Gefahr, dass du angreifbar bist. Wir leben in einer Welt, die oftmals nur Schwarz oder Weiß kennt. Damit ist alles, was du in die Öffentlichkeit gibst, eine große Wette, was du damit gewinnst oder verlierst. Die Waage schlägt inzwischen oft ins Negative.
Frage: Was sind Ihre größten Ziele?
Reese: Privat möchte ich Erfüllung mit meiner Familie. Sportlich möchte ich die beste Version meiner selbst sein, viele Spiele gewinnen und Erfolg mit dem VfL Wolfsburg haben.
Frage: Und endlich Bundesliga spielen?
Reese: Die Lehre aus den vergangenen Jahren ist, dass man viel über Ziele sprechen kann, sie damit aber noch lange nicht erreicht hat. Ich schaue nicht mehr so weit in die Zukunft, sondern möchte heute alles geben, um die Chance auf Erfolg zu vergrößern.
Frage: Wie wichtig ist Ihnen, in der Mannschaft und beim Trainer anerkannt zu sein?
Reese: Mit dem Trainer habe ich ein sehr gutes Verhältnis. Ich bin im Mannschaftsrat und in einem Alter, in dem man Führungsspieler sein kann.
Frage: Sie sind im Gegensatz zur vergangenen Saison jetzt nicht Kapitän geworden. Waren Sie sauer?
Reese: (lacht) Nein, gar nicht. Mich hat das Jahr mit der Binde sehr reifen lassen. Aber in Wolfsburg ist alles neu für mich. Das ist eine Herausforderung. Die Frage stellte sich nicht. Und für mich wäre das Kapitänsamt auch nicht infrage gekommen. Wir haben einen super Kapitän (Maxi Arnold; d. Red.).
Frage: In einer Doku über Hertha ist zu sehen, dass Sie viele sehr intensive Ansprachen in der Kabine halten. Sind diese Worte spontan oder bereiten Sie das vor?
Reese: Ich schaue viele Dokus über Leadership und große Sportler und Trainer. Aber sich etwas abzuschauen, ist schwierig, denn es muss zur aktuellen Lage passen. Natürlich habe ich einen Leitfaden. Mir hilft es, wenn ich meine Gedanken vorher aufschreibe. Und ich habe auch Menschen außerhalb des Fußballs, mit denen ich oft über solche Dinge spreche und mir Ratschläge hole. Aber ich reagiere auch gerne spontan darauf, welche Reaktion mir die Mitspieler geben, was mir die Blicke sagen. Da treibt das Herz die Worte.
Frage: Sie sagten, dass sich ein Teamgeist entwickeln muss. Wie sehr müssen Spieler befreundet sein, damit die Mannschaft Erfolg hat?
Reese: Man versteht sich mit einigen Spielern von Beginn an sehr gut, es können auch Freundschaften entstehen. Entscheidend ist aber, dass Sympathie und Respekt füreinander da sind. Schauen Sie sich unser Training an, wie wir dort miteinander umgehen. Wir machen in der Freizeit viel zusammen. Das ist die Basis. Aber dann kommt der nächste wichtige Punkt: sportlicher Erfolg. Siege schweißen zusammen. Schwierige Momente sind der Test, wie belastbar das alles ist.
Frage: Was ist ein No-Go in einer Mannschaft?
Reese: Jeder muss sich dem Ziel, erfolgreich zu sein, unterordnen und alles für die Gemeinschaft geben. Der Einzelne strahlt nur, wenn das Team erfolgreich ist. Wir haben Regeln. Wir haben einen Knigge aufgestellt, an den sich alle halten müssen. Das hat die gesamte Mannschaft erarbeitet und dem Trainer präsentiert, um am Wochenende Spiele zu gewinnen und uns unter der Woche bestmöglich darauf vorzubereiten.
Frage: Steht in dieser Team-Charta zum Beispiel, dass auch in jedem Training 100 Prozent gegeben werden muss?
Reese: Ja, das ist tatsächlich einer der Punkte. Diese Regeln helfen uns auch dabei, uns immer wieder selbst zu bewerten, wie weit wir als Team sind.
Frage: Sie sind sehr extrovertiert und modebewusst. Aber Ihre typischen Haarbänder tragen Sie, weil Ihre Großeltern Sie immer schnell im Fernsehen erkennen wollen. Klappt das?
Reese: (lacht) Ja, sie sind sehr froh. Ich habe vom Verein ein Stirnband bekommen, über das ich mich sehr gefreut habe. Meine Verlobte hat noch weitere in dem Stil mit dem VfL-Wappen nachgemacht. Jetzt bin ich versorgt und gut für die Saison gerüstet.
Frage: Apropos Haare: Sind Ihre unterschiedlichen Frisuren Ausdruck Ihrer unterschiedlichen Lebensphasen?
Reese: Gerade als junger Mensch erlebt man immer wieder neue Einflüsse und andere Lebensphasen. Dann findet man modische Trends gut. Ich bin experimentierfreudig. Aber meine momentane Frisur habe ich schon recht lange. Damit bin ich happy. Raspelkurz, so wie ich es mit 17 Jahren bei Schalke trug, ist bei der Entwicklung meiner Geheimratsecken nicht mehr die richtige Wahl (lacht).
Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke