Konstantinos Karetsas und Giannis Konstantelias beim BVB, Afonso Moreira in Leverkusen, Nathan De Cat bei der TSG Hoffenheim: Die teuersten Einkäufe vieler Bundesligaklubs sind in diesem Jahr keine gestandenen Top-Profis mit jahrelanger internationaler Erfahrung, sondern junge Top-Talente. Was steckt hinter dieser Strategie?
„Es ist wichtig, dass wir Werte für Borussia Dortmund schaffen, sodass wir auch in Zukunft dauerhaft gut dastehen“, sagte der Sportdirektor der Westfalen Ole Book bereits zu Beginn des Sommers. Der BVB war in den vergangenen Monaten wohl das auffälligste Beispiel für den Trend.
Neben dem 18-jährigen Karetsas und dem 23 Jahre alten Konstantelias, die für jeweils rund 30 Millionen Euro kamen, verpflichtete der Vizemeister unter anderem Joane Gadou (19/rund 20 Millionen Euro), Kauã Prates (18/etwa sieben Millionen Euro) sowie Justin Lerma (18/etwa vier Millionen Euro).
„Wertsteigerung“ als Schlüsselwort bei Transfers
Weil sich Konstantelias beim Bundesliga-Auftakt direkt einen Kreuzbandriss zuzog, legt der BVB spät und wenige Minuten vor Schließung des Fensters erneut nach: Ethan Nwaneri (19 Jahre) kommt vom FC Arsenal auf Leihbasis. „Für uns war Ethans Verpflichtung die sportlich nun bestmögliche Lösung“, sagte Dortmunds Sportvorstand Lars Ricken. Er bezeichnete Nwaneri als „technisch enorm versierten Mittelfeldspieler“.
Im Optimalfall sind einige der jungen Profis eine Soforthilfe. Oft noch wichtiger ist jedoch: Die Verantwortlichen sehen in den Spielern enorme Entwicklungspotenziale. Das gilt auch für den 21 Jahre alten Moreira bei Bayer 04 und den 18-jährigen De Cat bei der TSG.
„Dabei geht es dann auch direkt um die Perspektive der Wertsteigerung mit dem Ziel, die Spieler weiterzuverkaufen. Diese Strategie haben mittlerweile fast alle Clubs in der Bundesliga“, sagte Sportökonom Christoph Breuer von der Deutschen Sporthochschule Köln.
Aus Leipzig zu Real Madrid: Yan DiomandeBeispiele, wie sich das finanziell lohnen kann, gibt es genug. Nach nur einem Jahr verkaufte RB Leipzig den 19-jährigen Yan Diomande zuletzt für rund 125 Millionen Euro an Real Madrid. Transfergewinn: 105 Millionen Euro. Der SC Freiburg nimmt für den aus der eigenen U19 hochgezogenen Schweizer Yohan Manzambi, der zu Aston Villa wechselte, eine Vereinsrekordablöse von bis zu 70 Millionen Euro ein. In den Vorjahren machte sich vor allem auch Eintracht Frankfurt mit teuren Weiterverkäufen einen Namen.
Strategie funktioniert, „solange das nicht alle machen“
„Mit dieser Strategie sind einige Klubs gut gefahren. Sie funktioniert aber nur, solange das nicht alle machen“, analysiert Breuer. „Wenn die Mehrheit der Clubs das macht, steigen die Preise für die Talente. Die Wahrscheinlichkeit, ein Schnäppchen zu machen, wird geringer.“
Bei immer höheren Preisen für immer jüngere Spieler, die häufig noch gar nicht auf hohem Niveau zeigen konnten, ob sie wirklich das Zeug für eine große Karriere haben, steigt das Risiko. Einerseits müssen Manager und Kaderplaner der Konkurrenz voraus sein. Andererseits wollen sie die Gefahr minimieren, eine falsche Wette auf die Zukunft abzugeben. Viele Klubs sind auf Transfereinnahmen angewiesen.
Mittlerweile gebe es „sehr, sehr wenige Vereine, die keine Transfererlöse benötigen, um die Kostenseite in den Griff zu bekommen“, wird Werder Bremens Geschäftsführer Klaus Filbry in der „Süddeutschen Zeitung“ zitiert. Wissenschaftler Breuer sagt: „Letztendlich ist die Bundesliga, wenn man Bayern München ausklammert, eine Ausbildungsliga geworden.“
Nachteil für die Nationalmannschaft?
Beim Rekordmeister – und ligaweit – sind Offensivmann Ismael Saibari und der deutsche Nationalspieler Nathaniel Brown die Top-Transfers des Sommers. Kostenpunkt: jeweils 50 Millionen Euro. Der VfB Stuttgart holte den deutschen U21-Nationalspieler Dzenan Pejcinovic vom VfL Wolfsburg.
Viele andere Klubs setzen dagegen auf Hoffnungsträger aus dem Ausland – und das ausgerechnet in einem Jahr, in dem nach dem frühen WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft über Versäumnisse bei der Entwicklung einheimischer Nachwuchsfußballer und mangelnde Spielpraxis auf höchstem Niveau diskutiert wird.
Erneuter Einnahmenüberschuss
„Für deutsche Talente ist das natürlich nicht gut. Ihre Wahrscheinlichkeit auf Einsatzzeit sinkt“, sagte Breuer. „Es ist ein klarer Zielkonflikt zwischen den Zielen der Nationalmannschaft und den kurzfristigen Zielen der Klubs. Es wird da wenig Rücksicht genommen auf die Belange der Nationalmannschaft.“
Bis Dienstagmorgen hatten die 18 Bundesligisten laut transfermarkt.de rund 670 Millionen Euro ausgegeben und etwa 770 Millionen Euro eingenommen. Damit wurde, wie bereits im vergangenen Transfersommer, ein Überschuss erzielt. Vor einem Jahr hatten die Klubs 863 Millionen Euro ausgegeben und etwas über eine Milliarde eingenommen.
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