Das Pferd bäumt sich auf, scharrt mit den Hufen und hat sein Ziel fest im Blick. Es will diese eine letzte Hürde, die schier unüberwindbar scheint, endlich meistern. Ob es das schafft, daran gibt es immer mehr Zweifel. Nicht nur von Außenstehenden, sondern – so macht es den Eindruck – auch von dem Pferd und seinen Reitern selbst.
In diesem Fall sind das Lewis Hamilton und Charles Leclerc. Die beiden Formel-1-Piloten haben sich nichts Geringeres vorgenommen, als mit Ferrari Weltmeister zu werden. Es wäre der erste Erfolg des italienischen Rennstalls seit 2008. Damals gewann die Scuderia die Konstrukteursmeisterschaft. Ein Jahr zuvor konnte Kimi Räikkönen als bis dato letzter Ferrari-Pilot den Fahrertitel einheimsen.
Jetzt also Leclerc und Hamilton. Dass zumindest Letzterer das Potenzial dafür besitzt, hat er in seiner Karriere eindrucksvoll bewiesen. Mit dem Gewinn von sieben Weltmeisterschaften und 106 Rennsiegen ist Hamilton der erfolgreichste Fahrer in der Geschichte der Formel 1. Dass er mittlerweile 41 Jahre alt ist, scheint den Briten nicht zu bremsen. Mitte Juni konnte er beim Großen Preis von Spanien in Barcelona gewinnen.
Hamilton sagte damals nach seinem ersten Grand-Prix-Erfolg im roten Rennanzug: „Wir haben die Möglichkeit, die Weltmeisterschaft zu gewinnen. Das ist unser Anspruch und unser Ziel.“ Doch so schnell, wie Hamilton kurz zuvor über den Circuit de Barcelona-Catalunya gerast war, so schnell bremste er auch wieder die Erwartungen: „Das Team und ich geben alles dafür, damit wir dieses Ziel erreichen. Jeder geht den entscheidenden Meter mehr. Deswegen ist nichts unmöglich – aber es wird ein harter Kampf. Es ist die eine Sache, die Grundlage dafür zu schaffen, und eine andere, den Schritt dann auch zu gehen.“
Leclerc: ein sehr guter, aber eben kein titeltauglicher Pilot?
Teamkollege Leclerc weiß das nur zu gut. Der Monegasse, der seit 2019 für Ferrari fährt, zählt seit jeher zu den Titelkandidaten. Dem Ferrari-Kronprinzen, der vor Kurzem mit seiner Vertragsverlängerung bis Ende 2028 zum dienstältesten Piloten in der Historie des Rennstalls avancieren wird, ist es aber nie gelungen, sich zum König der Königsklasse des Motorsports zu krönen. Das lag teils am Material, aber allen voran an ihm selbst.
2022 galt Leclerc als designierter Champion, führte über Wochen die Fahrerwertung an. Doch technische Probleme und diverse leichtfertige Fahrfehler ließen ihn am Ende nur WM-Zweiter werden. Im Fahrerlager hat der neunmalige Grand-Prix-Sieger längst den Stempel, ein sehr guter, aber eben kein titeltauglicher Pilot zu sein. Der Tenor ist eindeutig: Je größer die Chance auf die Weltmeisterschaft, desto dünner das Nervenkostüm des Monegassen. Oder um es in Ferrari-Worten zu sagen: Mit Leclerc gehen dann regelmäßig die Pferde durch.
Auf der Strecke ein nicht immer entspanntes Aufeinandertreffen: Charles Leclerc vor Lewis HamiltonDas passiert Hamilton nur, wenn er auf Leclerc auf der Strecke trifft. Wann immer die beiden Ferrari-Piloten diese Saison um eine Position kämpfen, ist ein Raunen des Publikums garantiert. Meist entscheiden bei den über mehrere Runden andauernden Rad-an-Rad-Duellen nur Zentimeter darüber, ob der eine den anderen überholt oder beide im Kiesbett landen. Was für die Fans Spektakel pur ist, dürfte das Herz von Teamchef Fred Vasseur zum Galoppieren bringen.
Einen Doppelausfall kann sich Ferrari nicht erlauben. 87 Punkte beträgt der Rückstand der Scuderia auf Mercedes in der Konstrukteurswertung. Selbst wenn Mercedes zwei Rennwochenenden punktlos bliebe und die Scuderia jeweils die ersten beiden Plätze einfahren würde, hätte der deutsche Rennstall noch einen Zähler Vorsprung. Die Silberpfeile sind (vorerst) enteilt.
Aufgeben wird Vasseur dennoch nicht. Der Franzose weiß, dass es zwar prestigeträchtiger wäre, wenn sich entweder Hamilton oder Leclerc zum Weltmeister krönen würde, doch für das Team wäre der Sieg in der Konstrukteursmeisterschaft wertvoller. Im wahrsten Sinne des Wortes. In den Sponsoring-Verträgen mit Firmen wie dem IT-Unternehmen IBM, dem Sportartikelhersteller Puma, dem Mineralöl-Konzern Shell und der italienischen Großbank UniCredit sind Sonderzahlungen in Millionenhöhe für diesen Fall verankert.
Hamilton: Kindheitstraum und Rekord im Blick
Die gibt es auch in den Arbeitspapieren mit den Piloten. Das Luxusproblem der Scuderia: In diesem Fall ist es der Rennstall, der eine mittlere einstellige Millionensumme an Hamilton oder Leclerc auszahlen muss. Ein Bonus, den beide liebend gerne nach dem Saisonfinale Anfang Dezember als vorzeitiges Weihnachtsgeschenk erhalten würden. Dabei geht es weder Hamilton noch Leclerc um das Geld. Mit einem Grundgehalt von rund 55 Millionen beziehungsweise 34 Millionen Euro verdienen die beiden Piloten ein Vielfaches von dem, was sie für den Gewinn der Weltmeisterschaft einfahren würden.
Während Hamilton sich zum einen seinen Kindheitstraum, mit Ferrari Weltmeister werden, erfüllen will, geht es für ihn noch um etwas Größeres. Der Brite ist zwar bereits der erfolgreichste Fahrer in der 76-jährigen Geschichte der Formel 1, aber mit sieben Weltmeisterschaften teilt er sich die entscheidende Bestmarke mit Michael Schumacher. Ein achter Erfolg mit dem dritten unterschiedlichen Rennstall (McLaren, Mercedes, Ferrari) würde die Debatte um den besten Fahrer aller Zeiten zweifelsfrei beenden. Zumal Hamilton sich dann auf die Fahne schreiben könnte, dass er – wie zuvor Schumacher – Ferrari wieder an die Spitze geführt hätte.
Für Hamilton geht es um die Krönung seiner Karriere – für Leclerc um die Rettung seines Rufs. Der Monegasse will seinen zunehmend mehr werdenden Kritikern beweisen, dass in ihm ein Weltmeister steckt. Dass für ihn der Gewinn der Weltmeisterschaft auch die Erfüllung eines Lebenstraums ist, wird da beinahe schon zur Nebensache.
Zu zweit auf dem Podium – ein seltenes Bild: In Silverstone siegte Charles Leclerc, und Lewis Hamilton wurde DritterDie Wahrscheinlichkeit, dass es dazu kommt, scheint schwindend gering. Hamilton ist zwar mit Mercedes-Pilot George Russell punktgleich Zweiter in der WM-Wertung, doch bei den vergangenen drei Rennen verpasste er jeweils das Podium. Hamilton war zwar in der laufenden Saison bei keinem der Hauptrennen schlechter als Rang sechs, doch bei zwölf Großen Preisen reichte es nur für fünf Podien und einen Sieg. Eine weltmeisterliche Bilanz ist das nicht.
Die kann auch Leclerc nicht vorweisen. Fünfter in der Fahrerwertung, nur vier Podien und ein Sieg. Hinzu kommen zwei achte Plätze und ein technischer Ausfall. Ein Mix aus Fahrfehlern wie bei seinem Heimrennen in Monaco, wo er durch ein missglücktes Bremsmanöver ausschied, und Glanzleistungen wie der Erfolg in Silverstone (England) zeichnen das seit Jahren immer gleiche Bild: Leclerc ist auf höchstem Niveau konstant inkonstant.
Kimi Antonelli sorgt für einen Hype
Und dennoch erlebt Italien gerade wieder einen Formel-1-Hype, wie es ihn seit dem letzten Titelgewinn der Scuderia 2008 nicht mehr gab. Doch dieses Mal hat nicht die Scuderia mit ihrem konkurrenzfähigen Auto das Feuer entfacht, sondern Mercedes. Genauer gesagt: Kimi Antonelli. Das Ausnahmetalent der Silberpfeile ist der neue Stern am Formel-1-Himmel. Der in Bologna geborene Jungpilot überstrahlt derzeit selbst Superstars wie Hamilton und Red Bulls Max Verstappen.
Mit 242 Punkten führt er in seiner erst zweiten Saison in der Königsklasse des Motorsports souverän die Fahrerwertung an. 59 Punkte Vorsprung hat er auf Hamilton und Teamkollege Russell. Die Weltmeisterschaft scheint schon jetzt in greifbarer Nähe. Den nächsten Schritt möchte Antonelli beim nächsten Grand Prix machen: seinem Heimrennen, dem Großen Preis von Monza, am ersten Septemberwochenende.
Im Fokus: Kimi AntonelliDie Frage ist nicht, ob die leidenschaftlichen Tifosi jubeln werden, sondern für wen. Verwandeln sie die grüne Parkanlage, in der der legendäre Kurs liegt, wie jedes Jahr in ein rotes Fahnenmeer oder blitzt der (Antonelli-)Stern vermehrt auf? Am Ende wird das Rennergebnis den Ausschlag dafür geben.
In der Theorie wird es ein packendes Duell. Mercedes hat einen Boliden entwickelt, der auf allen Streckenprofilen siegfähig ist. Ferraris roter Renner gehört zu den schnellsten im Feld, hadert aber mit den langsamen Kurven. Das Layout des Highspeed-Tempels von Monza kommt der Scuderia daher gelegen.
Das Pferd wird sich wieder aufbäumen und mit den Hufen scharren. Denn es hat – auch wenn die Vorzeichen schwierig sind – sein Ziel fest im Blick. Es will endlich die scheinbar unüberwindbare Hürde überspringen. Mit welchem Reiter auch immer.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke