Deutschland ist Hockey-Weltmeister. Die neu formierte Mannschaft von Bundestrainer André Henning spielt ein überragendes Turnier und besiegt im Finale Spanien mit 1:0.
WELT: Die Spieler hatten direkt nach dem Spiel kaum mehr Kraft, um den WM-Titel zu feiern. Wie intensiv waren die vergangenen Wochen?
André Henning: Es war auf allen Ebenen sehr anstrengend. Es war ein langes Turnier über zwei Wochen. Dazu sind wir schon eine Woche vorher hier gewesen. Durch die neue Turnierform hatten wir im ersten Block fünf Spiele in neun Tagen. Und wegen des neuen Formats war gefühlt jede Partie ein K.o.-Spiel.
WELT: Was nicht nur körperlich fordernd ist.
Henning: Ja, du musstest fast immer gewinnen, um weiterzukommen. Das ist eine Stärke dieser Mannschaft – Performance unter Druck. Die beiden Spiele, bei denen wir nicht so viel Druck hatten, waren wir auch nicht so toll. Aber in den Spielen, wo wir richtig Druck hatten, waren wir auch richtig gut. Wenn es darauf ankam, haben wir Bestleistungen gezeigt. Das hat uns mental und körperlich extrem gefordert.
Hockeynationaltrainer André HenningWELT: Performance unter Druck – kann man das trainieren?
Henning: Das versuchen wir seit dem ersten Tag, seit ich Bundestrainer bin. Wir schauen natürlich, welche Persönlichkeiten wir haben, und versuchen zu antizipieren, wie deren Verhalten unter Druck ist. Aber es ist natürlich nicht nur der Einzelne, sondern das System entscheidend. Wir haben es geschafft, vom Ich zum Wir zu gehen. Jeder Einzelne hat auf das System eingezahlt. Wir haben den Spielern die Gelegenheit gegeben, dass sie als Team stark sind. Ich bin der Meinung, dass das definitiv trainierbar ist. Das ist kein Zufall. Wir haben durch Vorarbeit Pläne in der Tasche, wie das Team unter Druck agiert.
WELT: Dabei war das große Ziel Olympia 2028.
Henning: Die allgemeine Meinung war, dass es schon ziemlich gut gewesen wäre, wenn wir die Vorrunde überstanden hätten. Und plötzlich hat das eine Dynamik genommen, weil wir als Team so zusammengewachsen sind. Wir kennen uns ja zum Teil noch gar nicht so lange, weil so viele Neue dabei sind. Wir haben gerade erst den Umbruch gestartet.
WELT: Welche Rolle spielt dabei die Zusammensetzung des Teams?
Henning: Das ist sehr komplex. Es hängt immer davon ab, wer gerade mit wem zusammen ist. Wir lassen unsere Spieler sich gegenseitig Rollen geben. Als Hockeyspieler, aber auch als Persönlichkeiten. So können wir etwa die Fragen beantworten: Was brauche ich, wenn wir zehn Minuten vor Schluss 0:1 hinten liegen? Welches Verhalten von dir ist hilfreich? Was stabilisiert uns und mich und was reißt uns eher auseinander? Es gibt Teams, die kurz vor Schluss unter dem größten Druck auseinanderbrechen. Und manche bleiben zusammen.
WELT: Ihr Team ist zusammengeblieben.
Henning: Wir sind in den vergangenen Wochen sehr eng zusammengerückt. Auch deswegen konnten wir dem Druck im Halbfinale gegen Argentinien und im Endspiel gegen Spanien standhalten.
WELT: Ist Führung und Teambuilding in einer Nationalmannschaft wichtiger als das sportliche Training?
Henning: Nein, es geht natürlich auch viel darum, taktische Systeme einzustudieren und eine gemeinsame Spielidee zu entwickeln.
WELT: Gemeinsam?
Henning: Natürlich gemeinsam. Ich stehe ja nicht auf dem Platz, sondern die Spieler. Die müssen auch entscheiden und mit einem Spielsystem zufrieden sein. Wenn ein Trainer ein System vorgibt und die Spieler davon nicht überzeugt sind, dann kann das nicht funktionieren. Deswegen nehmen wir die Spieler bei allen Entscheidungen mit. Wir haben zum Beispiel eine Taktikgruppe oder eine Gruppe für Performanceplanung, in der Spieler sitzen. Sie dürfen bei uns bis auf die Nominierung überall mitentscheiden.
Das Tor zum Titel: Michel Struthoff trifft gegen SpanienWELT: Wie sieht das konkret aus?
Henning: Die Spieler können immer kommen und ihre Meinung äußern. Wenn wir in einer Besprechung unsere Idee vorstellen, die der Mannschaft nicht gefällt, dann besprechen wir das und finden gemeinsam eine andere Lösung. Denn am Ende sind es ja die Spieler auf dem Platz, die die Idee umsetzen müssen.
WELT: Was für Spielertypen braucht es für einen solchen Führungsstil?
Henning: Ich glaube, dass wir nicht mehr von Typen abhängig sind, sondern von einer Kultur, die den Spielern partizipative Sicherheit bringt. Jeder muss sich trauen können, seine Meinung zu äußern – das ist das Wichtigste. Das ist ein wichtiger Teil unserer Teamkultur, an der wir lange gearbeitet haben. Wir haben keine besonders ausgeprägte Hierarchie. Wir haben offene Feedback-Prozesse, und die Jungs haben sich ja auch so kleine Anträge gemacht, bei denen gesagt wurde, was sie aneinander schätzen.
WELT: Anträge?
Henning: Das hat sich in den vergangenen Wochen etabliert. Da kam einmal einer der jüngsten Spieler zu einem der ältesten Spieler und sagte: Wie du mich hier im letzten Jahr begleitet hast und immer, wenn ich es schwer hatte, hast du mir Tipps gegeben. Das war so toll und hat mir viel gegeben. Vielen Dank dafür. Und danach hat der Kapitän einen der Jüngsten geadelt. Das war ein gutes Sinnbild dafür, wie es bei uns abläuft. Es gibt keinen Platzhirsch und keine Wasserträger. Es war toll zu sehen, wie viel Verantwortung die jungen Spieler übernommen haben. Jeder im Team war sichtbar und wirksam – diesen Prozess zu verfolgen, hat mir viel Spaß gemacht.
Erschöpft und glücklich – Deutschland ist Hockey-WeltmeisterWELT: Es blieb bei den Anträgen nicht nur bei Worten.
Henning: Unser Coach Pasha Gademann hat kleine Geschenke organisiert. Die Spieler haben einander Armbänder übergeben und wertschätzende Sachen gesagt. In der systemischen Theorie gibt es bei Teams vier Stufen: ein Gegeneinander, ein Nebeneinander, ein Miteinander und ein Füreinander. Erst im Füreinander bist du ein Topteam. In schwierigen Zeiten füreinander da zu sein, ist das höchste aller Ziele. Dahin hat sich die Mannschaft schnell entwickelt, wir verlieben uns deswegen gerade in dieses Team. Menschen kommen zusammen, haben Lust aufeinander und entwickeln irgendwas. Das ist eine tolle Geschichte, die wirklich Vorbildwirkung erzeugen kann. Natürlich auch für andere Sportlerinnen und Sportler, aber auch über den Sport hinaus.
WELT: Was können Unternehmen von dem Teamgedanken der Nationalmannschaft lernen?
Henning: Ein Team zu werden, ist ja nicht nur im Sport wichtig. Wir verfolgen eine kollaborative oder kooperative Führung, die auch im Sport relativ neu ist. Wenn ich darüber in Unternehmen Vorträge halte, sagen die Leute oft, dass sie das super finden, aber noch nicht so weit sind. Dabei sind dieselben Themen wichtig, eben nur in einem anderen Kontext.
WELT: Welche?
Henning: In Teams zum Beispiel immer Feedback-Prozesse. Bei uns gibt es auch alle zwei Tage Feedback. Wir nehmen uns dafür Zeit, jeder kann sich beteiligen. Nur, wenn die Menschen miteinander reden, kann das System verbessert werden. Das passiert auch in manchen Unternehmen, zumeist aber nur einmal im Jahr im klassischen Feedbackgespräch.
WELT: Viele Ihrer Spieler sind Akademiker. Geht diese Art der Teamführung nur in solchen Kreisen?
Henning: Die hinterfragen alles. Da komme ich jetzt nicht mehr mit irgendetwas durch, was nicht durchdacht ist. Ich habe auch Vorträge bei Fußballverbänden gehalten. Da sagen die Leute: André, du hast da die Akademiker und das ist ja alles so einfach. Bei uns haben die Spieler unterschiedliche Hintergründe, Sprachen und Herkünfte. Aber je diverser ein Team ist, desto mehr muss man sich zusammensetzen und den Spielern eine Plattform geben, um miteinander zu sprechen. Dann ist es noch viel wichtiger, dass sie sich auf dem Platz verstehen, um erfolgreich arbeiten zu können. Nur so können sie sich auch mal die Meinung geigen, wenn Sachen nicht gut laufen.
WELT: Bei der WM ist es perfekt gelaufen. Haben Ihre Spieler den Titel doch noch gefeiert?
Henning: Ich hatte schon den Eindruck, dass sie sehr müde waren. Die Jungs waren zu platt, um richtig loszulegen. Es war eher sehr entspannt. Klar, wir haben jetzt auch gefeiert und getanzt und gesungen, so wie sich das gehört. Aber es war eher so ein bisschen mehr Glückseligkeit und auch das Genießen des Moments.
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