Mark Flekken wusste gar nicht, wo er anfangen und wo er aufhören sollte. Der Torhüter von Bayer Leverkusen, der sich bereits während des schwachen Auftretens seiner Kollegen bei der 2:3 (0:2)-Niederlage beim Aufsteiger SV Elversberg in einem permanenten Erregungszustand befunden hatte, legte nach dem Schlusspfiff noch einmal nach – sehr deutlich und für jeden seiner Mitspieler unüberhörbar.
„Als gesamte Mannschaft müssen wir uns hinterfragen, wie wir diese beiden Halbzeiten angefangen haben. Mit der Mentalität und der Attitüde, die wir an den Tag gelegt haben, gewinnen wir kein Spiel“, sagte Flekken. Es habe an allem gefehlt. „An mentaler Kapazität, an Energie, an Spielverständnis.“
Was er beim Zustandekommen der Niederlage aber am wenigsten verstehen konnte: dass selbst nach dem katastrophalen Start in das erste Saisonspiel mit zwei Gegentoren, die von individuellen Leverkusener Fehlern begünstigt worden waren, lange keine Lernkurve erkennbar wurde. „Wenn du schon in der ersten Halbzeit so anfängst, sehr früh 0:2 hinten liegst und das in der zweiten Halbzeit nochmal wiederholst, dann fehlt einiges. Ich will jetzt hier nicht die ganze Mannschaft vor den Bus werfen, aber so darf und kann es nicht weitergehen“, so der Niederländer gegenüber Sky.
Vor allem Tapsoba war indisponiert
Es bleibt tatsächlich rätselhaft, wie es zu dieser Häufung von Fehlern kommen konnte. Das Abwehrverhalten der Mannschaft des neuen Trainers Carles Martinez wirkte wie das in einem Trainingsspielchen. Vor allem der neue Kapitän Edmond Tapsoba war indisponiert. Vor dem 0:1 durch Lukas Petkov (8. Minute) ließ er sich im Spielaufbau von David Mokwa den Ball abnehmen, das 0:2 durch Cole Campbell leitete er durch einen Fehlpass ein.
Torwart Flekken und sein Abwehr-Hühnerhaufen um Tapsoba (r.)Doch es war nicht Tapsoba allein, der neben sich stand: In allen Mannschaftsteilen gab es erhebliche Defizite. Das deutete auf ein grundlegendes Problem hin. „Die Leverkusener haben Elversberg total unterschätzt, sie waren 70 Minuten eigentlich nicht auf dem Platz. Die haben gedacht, das nehmen wir im Vorbegehen mit“, sagte Lothar Matthäus. Der Weltmeister vermutet ein Einstellungsdefizit.
Es waren jedoch auch Entscheidungen, die Martinez getroffen hatte, die dann ihren Teil zur Niederlage beitrugen. Der Spanier hatte sich entschieden, Lucas Vasquez als Rechtsverteidiger aufzubieten – was früh von den Elversbergern als Schwachstelle ausgemacht wurde. Martinez korrigierte seinen Fehler erst spät.
Merkwürdiger Umgang mit Robert Andrich
Der Coach hatte im Vorfeld zudem für einige Unruhe gesorgt. Am Freitag gab er zu verstehen, dass er nicht mit Robert Andrich plane – selbst nachdem mit Exequiel Palacios ein Konkurrent des Nationalspielers um die Position im defensiven Mittelfeld den Verein verlassen hatte. „Ehrlich gesagt, rede ich nicht mit ihm. Die Entscheidung ist zum jetzigen Zeitpunkt dieselbe“, hatte Martinez, der seine Pressekonferenzen üblicherweise in Englisch abhält, erklärt. Das empfanden viele als Affront gegenüber einem mehr als verdienten Spieler.
Am Samstag ruderte Martinez dann zurück. „Was meine PK angeht: Manchmal weiß ich nicht, ob mein Englisch ausreicht. Natürlich sagte ich: Ich spreche nicht mit ihm. Doch was ich sagen wollte, war: Ich habe mit ihm noch nicht über die Situation mit Palacios gesprochen“, erklärte er in Elversberg. Andrich sei nach wie vor „in dieser Mannschaft ein Führungsspieler“. War es also nur ein Missverständnis? In jedem Fall hatte der Vorfall für atmosphärische Störungen gesorgt.
Wie es in der Causa Andrich weitergeht, ist offen. Am Samstag saß der 31-jährige Defensivallrounder auf der Bank. Er war nach einer Verletzung erst wenige Tage zuvor wieder ins Training eingestiegen.
Sportgeschäftsführer Simon Rolfes wurde anschließend gefragt, ob nicht gerade in Elversberg ein Mentalitätsspieler wie Andrich gefehlt habe. „Für mich war das nicht typenabhängig, weil so etwas nicht von einem Spieler abhängt. Wir haben insgesamt nicht genug Intensität gehabt“, antwortete er dem ZDF-Reporter ausweichend – auch was die Zukunft von Andrich angeht. Er gehe „davon aus“, dass Andrich auch nach Schließung des Transferfensters in Leverkusen bleibe. Sicher ist das nicht.
Bayer Leverkusen, von einigen sogar als Geheimfavorit für die neue Saison gehandelt, offenbart eine Reihe von Problemen. Am Samstag wurden sogar böse Erinnerungen an die Situation vor einem Jahr wach. Da gab es ebenfalls einen Fehlstart – und nach nur zwei Spielen mit einer Niederlage und einem Unentschieden wurde Trainer Erik ten Hag bereits entlassen. So schnell hatte es in der Bundesliga noch nie einen Trainerwechsel gegeben.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke