Blackroll ist eines der in Deutschland gegründeten Unternehmen, die einen Fitness-Trend gesetzt haben. Mit Faszienrollen wurde die Firma groß. Damals, im Gründungsjahr 2007, waren die Bindegewebefasern, die Muskeln und Organe umhüllen, vielen Hobby-Sportlern noch nicht geläufig. Heute arbeiten rund 130 Menschen für die Firma, die Zentrale ist inzwischen in Bottighofen in der Schweiz.
Nach Angaben von McKinsey verfügen 70 Prozent aller Fitnessstudios weltweit über spezielle „Recovery-Bereiche“. Der weltweite Markt für sogenannte „Recovery-Angebote“, also Artikel zur Regeneration, soll von acht Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 auf 24,5 Milliarden US-Dollar im Jahr 2035 wachsen. Das entspricht einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von rund zwölf Prozent. Die Zahlen gehen aus einer Studie des Marktforschungsunternehmens Future Market Insights hervor. Die Verbreitung dieser Art von Produkten zeigt, wie wichtig vielen Sportlern das Thema Regeneration ist.
Scott Zalaznik ist seit 2025 der CEO von BlackrollDer US-Amerikaner Scott Zalaznik ist seit Anfang 2025 CEO von Blackroll. Zuvor war er bei Adidas tätig.
WELT: Herr Zalaznik, welche Entwicklung hat die Fitness- und Gesundheitsindustrie in den vergangenen Jahren am stärksten verändert?
Scott Zalaznik: Die größte Veränderung der vergangenen fünf bis sieben Jahre besteht für mich aus zwei Entwicklungen. Zum einen haben wir heute völlig neue Möglichkeiten, Informationen über unseren Körper zu gewinnen. Wir sind ständig mit Geräten verbunden, die Daten über uns sammeln. Das schafft eine neue Transparenz und Sichtbarkeit für Menschen auf allen Ebenen. Zum anderen hat sich das Verständnis von Gesundheit grundlegend verändert. Immer mehr Menschen beschäftigen sich ganzheitlich mit der Frage, was sie den ganzen Tag über tun, um ihr Wohlbefinden zu optimieren.
WELT: Was ist die Erklärung für diese Entwicklung?
Zalaznik: Früher ging es vor allem darum, im Training mehr Gewicht zu bewegen, schneller zu laufen und die Leistungsfähigkeit zu steigern. Der Fokus lag auf Ausdauer und Muskelaufbau. Heute denken viele Menschen, vom Freizeitsportler bis zum Weltklasse-Athleten, deutlich ganzheitlicher. Sie achten darauf, was sie essen, wie sie sich auf Belastungen vorbereiten, wie sie regenerieren und wie Körper und Geist zusammenwirken.
WELT: Stichwort Longevity?
Zalaznik: Es gibt viele Schlagworte rund um Gesundheit und Langlebigkeit. Für mich wird das Thema aber besonders spannend, wenn man etwa hört, wie Lionel Messi darüber spricht, in gewissen Situationen Energie zu sparen, um seine Leistung zu optimieren. Daran sieht man, wie stark sich das Denken verändert hat. Ich glaube, die Kombination aus Daten, Informationen und einem größeren Bewusstsein für Schlaf, Regeneration und den eigenen Lebensstil hat inzwischen einen ähnlich großen Einfluss wie das eigentliche Training.
WELT: Sie sprachen eben das Tracking mit Wearables an, also das Messen von Körperdaten mit digital vernetzten Uhren und Ringen. Es wird immer beliebter. Wie bewerten Sie diese Entwicklung – kann man es in dieser Hinsicht nicht auch übertreiben?
Zalaznik: Schauen Sie, ich habe sogar zwei an einem Arm (lächelt und zeigt seinen Unterarm mit einer Smartwatch am Handgelenk und einem Smartring am Finger). Wenn manches Paar morgens nach dem Aufwachen als Erstes seine Schlafdaten vergleicht, geht das vielleicht etwas zu weit (lacht). Generell können Wearables aber sowohl Hobby-Sportlern als auch Spitzensportlern helfen. Beide Gruppen denken stärker ganzheitlich. Ganzheitlich bedeutet, dass ich mir viel bewusster darüber bin, was in meinem Körper passiert. Da können die Daten der Wearables schon helfen.
Viele Sportler tracken ihre Daten im Training und im Schlaf mit einer SmartwatchWELT: Blackroll begann als Nischenmarke für Faszienrollen und hat sich laut Firmenangaben zu einem internationalen Gesundheitsunternehmen entwickelt. Welche Entscheidungen waren auf diesem Weg besonders wichtig?
Zalaznik: Der wichtigste Grundsatz war von Anfang an derselbe wie heute: dem Konsumenten und dem Athleten gegenüber authentisch zu sein, transparent zu handeln und eine starke Community aufzubauen. Die Community ist wahrscheinlich der wichtigste Faktor. Gemeinschaften funktionieren, wenn Menschen mit gemeinsamen Interessen voneinander lernen und Erfahrungen austauschen wollen. Wichtig ist dabei auch die Balance zwischen Experten und Nicht-Experten. Blackroll hat früh eine enge Verbindung zur Experten-Community aufgebaut und gleichzeitig Konsumenten und Athleten in die Diskussion einbezogen. Hinzu kommt ein sehr klarer Blick darauf, wann ein Produkt sinnvoll eingesetzt werden sollte und wann nicht. Das schafft Vertrauen.
WELT: Wie eng ist Ihr Kontakt zu den deutschen Gründern Jürgen Dürr und Marius Keckeisen?
Zalaznik: Die Gründer sind bis heute sehr nah am Unternehmen. Marius ist nach wie vor unser Chief Innovation Officer. Erst kürzlich haben wir wieder über neue Produktideen gesprochen. Unser Ansatz ist immer derselbe: Zunächst identifizieren wir ein Problem für Konsumenten und Athleten. Dann arbeiten wir mit Experten zusammen, um die Ursachen zu verstehen. Anschließend entwickeln wir auf dieser Wissensbasis Produkte, testen sie mit Experten und Athleten, sammeln Feedback und verbessern sie kontinuierlich. Wenn wir neue Produkte auf den Markt bringen, tun wir das zunächst bewusst in kleinem Maßstab. Wir versuchen nicht, sofort möglichst groß zu skalieren.
WELT: Die Faszienrolle war der Anfang. Wo sehen Sie heute die wichtigsten Wachstumsfelder?
Zalaznik: Wir entwickeln uns immer stärker in Richtung ganzheitlicher Systeme. Das bedeutet: Lösungen für Herausforderungen statt einzelner Produkte.
WELT: Was kann das sein?
Zalaznik: Ein gutes Beispiel sind die Füße. Ich halte Footwear für eine große Chance. Nicht weil es zu wenige Schuhhersteller gäbe, sondern weil ich glaube, dass es bislang nur wenige Unternehmen gibt, die das Thema wirklich systemisch betrachten. Wir sehen die Füße als Teil eines Gesamtsystems. Dazu gehören Mobilisation, Faszienarbeit, Dehnung, geeignetes Schuhwerk sowie Maßnahmen vor und nach dem Training. Es geht darum, den gesamten Bereich ganzheitlich zu betrachten. Wir haben einen Schuh entwickelt, dessen Sohle um 3,7 Grad zur Ferse hin abgeneigt ist. Das verlagert den Körperschwerpunkt nach hinten, entlastet den Vorfuß und dehnt die hintere Beinmuskulatur. Eine Wippsohle fördert den natürlichen Gang und das Abrollen. Und es gibt ein zweites großes Feld, das manchmal noch unterschätzt wird.
WELT: Welches?
Zalaznik: Schlaf. Deshalb beschäftigen wir uns mit Kissen, Matratzen und anderen analogen Produkten. Gleichzeitig investieren wir in Systeme, die physische Produkte mit digitalen Anwendungen verbinden. Dazu gehören beispielsweise Temperaturmanagement oder intelligente Schlaflösungen, die Daten auswerten und Hinweise geben können. Denkbar sind Angebote, die auf Basis von Schlafdaten, Herzratenvariabilität oder anderen Parametern individuelle Empfehlungen geben. Darüber hinaus investieren wir stark in digitale Technologien. Das reicht von Coaching-Angeboten in Apps über Bildungsinhalte bis hin zu KI-gestützten Anwendungen und Expertennetzwerken. Ein drittes wichtiges Feld ist unsere Partnerschaft mit Hyrox.
In den meisten Gyms gibt es eine sogenannte „Recovery-Ecke“ – der Markt für die Produkte wächst enormWELT: Ist die Faszienrolle noch immer das wichtigste Produkt des Unternehmens?
Zalaznik: Umsatzseitig nicht mehr. Sie stellt heute nicht mehr die größte Kategorie und auch nicht das am schnellsten wachsende Geschäftsfeld dar. Trotzdem bleibt sie enorm wichtig. Zum einen gehört sie zu unserer DNA. Zum anderen besitzen sehr viele Menschen eine Blackroll. Wir sehen weiterhin großes Potenzial, Menschen zu zeigen, wie Faszien- und Druckpunkttraining ihre Mobilität und Beweglichkeit verbessern können.
WELT: Was bringt das Training mit Faszienrollen vor allem?
Zalaznik: Ich selbst mache Yoga. Viele Positionen lassen sich durch Faszienarbeit verbessern. Dasselbe gilt für Dehnübungen oder andere Bewegungsformen. Bei Laufcamps lassen wir Teilnehmer zunächst ihre Zehen berühren. Danach rollen sie wenige Minuten lang mit einem kleinen Ball oder Mini-Roller die Fußsohle aus. Anschließend sollen sie erneut ihre Zehen berühren. Viele Teilnehmer stellen dabei bereits sofort einen Unterschied in ihrer Beweglichkeit fest. Ich mache diese Übung selbst jeden Tag. Nicht weil ich CEO von Blackroll bin, sondern weil ich gelernt habe, dass sie mir hilft.
WELT: Viele Menschen bewegen sich heute weniger als früher. Gleichzeitig wächst die Fitnessbranche. Ist das ein Widerspruch?
Zalaznik: Es ist eine Mischung verschiedener Entwicklungen. Die Daten zeigen eindeutig, dass insbesondere jüngere Generationen gesundheitsbewusster werden. Man sieht das auch daran, dass weniger Alkohol konsumiert wird oder dass Laufgruppen für viele Menschen zu sozialen Treffpunkten werden. Und es gibt noch einen wichtigen Aspekt.
WELT: Welchen?
Zalaznik: Gleichzeitig altert die Babyboomer-Generation. Viele Menschen erleben, wie ihre Eltern älter werden und an Mobilität verlieren. Hinzu kommt immer mehr Forschung, die zeigt, wie wichtig Muskelkraft und Muskelmasse für Gesundheit und Lebensqualität im Alter sind. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die zunehmend bewegungsarm leben und den Zugang zu körperlicher Aktivität verloren haben. Das ist ein reales Problem. Aus meiner persönlichen Erfahrung hat Deutschland hier allerdings eine vergleichsweise gute Ausgangsposition.
WELT: Inwiefern?
Zalaznik: Ich habe vier Jahre in Deutschland gelebt und einen deutlich aktiveren Lebensstil wahrgenommen als in vielen Regionen der USA. Man geht spazieren, fährt Fahrrad und bleibt auch im höheren Alter mobil. Solche Verhaltensweisen müssen wir weiter fördern. Für mich geht es darum, die Zeit im Leben zu verlängern, in der Menschen gesund, unabhängig und aktiv bleiben können.
WELT: Welche Rolle wird Künstliche Intelligenz künftig für die Fitnessindustrie spielen?
Zalaznik: Der Einfluss wird enorm sein. Die Geschwindigkeit der Veränderungen bei Hardware, Software sowie beim Umgang mit Daten ist beispiellos. Deshalb ist es heute schwerer denn je, die Zukunft vorherzusagen. Für Unternehmen wie unseres, Fitnessstudios, Ärzte und Gesundheitsanbieter liegt die große Chance in der Geschwindigkeit von Prozessen sowie in der Möglichkeit, Daten nutzbar zu machen.
WELT: Was kann der große Vorteil für Sportler sein?
Zalaznik: KI kann als persönlicher Coach fungieren. Das kann eine Laufbegleitung sein, ein Schlafcoach oder auch eine Unterstützung bei alltäglichen Fragen rund um Bewegung, Regeneration und Wohlbefinden. Seit mehr als fünfzehn Jahren sprechen wir über Personalisierung. Das Problem war bisher immer, Daten in Echtzeit auszuwerten und sinnvoll einzusetzen. Technisch war das extrem aufwendig. Heute sind die Rechenkosten deutlich gesunken, die Systeme leistungsfähiger geworden und die Entwicklungsgeschwindigkeit steigt exponentiell. Dadurch wird echte individuelle Betreuung erstmals in großem Maßstab möglich.
Beim Training könnte künftig ein KI-Coach helfenWELT: Was bedeutet das konkret für Ihre Firma?
Zalaznik: Wir werden noch in diesem Jahr einen KI-Coach in die Blackroll-App integrieren. Der Coach wird Nutzer nach ihren Zielen und Herausforderungen fragen. Jemand kann beispielsweise sagen, dass er Schulterschmerzen hat, sich auf einen Wettkampf vorbereitet oder Schlafprobleme hat. Anhand dieser Angaben schlägt das System sofort individuelle Übungen, Routinen und Übungsfolgen vor. Die KI hilft uns, Inhalte sehr viel persönlicher verfügbar zu machen. Ich bin sicher, genau hier liegt für die Gesundheitsbranche noch enormes Potenzial: Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, die Menschen dabei helfen, sich auf Herausforderungen vorzubereiten oder sich von Belastungen zu erholen.
Julien Wolff ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren über den FC Bayern, die Nationalmannschaft sowie über Fitness-Themen. Zuletzt war er bei der Fußball-WM in den USA.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke