Wenn Savas Coban über seine extremen Ausdauer-Abenteuer spricht, über das Aufbrechen in neue Welten – mentaler, körperlicher und kultureller Art –, dann würde er am liebsten gleich die Laufschuhe anziehen und wieder loslegen. Der 33‑Jährige, als Kind türkischer Einwanderer in Bremen geboren und aufgewachsen, fühlt sich dort wohl, wo er die Komfortzone verlässt.
Der ausgebildete Personal Trainer und Fitnesskaufmann lief in 87 Tagen ohne Support-Team mehr als 5170 Kilometer durch Peru und später vom Norden der Mongolei in den Süden. Wüsten, Schneestürme, Hochgebirge, Höhenmeter – Coban meisterte alle Herausforderungen. Zuletzt umrundete er in 80 Tagen die Türkei mit Start und Ziel in Istanbul. Eine 5000 Kilometer lange Reise, die er in seinem Buch „Homerun“ beschreibt, und in der es um mehr als eine extreme Herausforderung ging. Aber wie begann seine Abenteuerlust? Und was treibt ihn?
WELT: Leidenschaftliche Läufer, nicht nur die Ultraläufer unter ihnen, hören nicht selten diese eine Frage: „Wovor rennst du eigentlich weg?“ Hören Sie das oft?
Savas Coban: Das habe ich schon oft gehört … Positiv oder neutral ausgedrückt, bedeutet diese Frage ja: „Warum machst du das?“ Es ist schwierig, eine kurze und konkrete Antwort darauf zu geben, aber klar ist: Ich laufe nicht vor irgendetwas weg. Es ist so, dass ich mein Leben lang auf der Suche war. Seit ich klein bin, habe ich immer das Gefühl, dass ich mich verwirklichen muss. In meiner Jugend wusste ich dann nicht, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Ich habe vieles gemacht und ausprobiert, aber nie das Gefühl gehabt, dass ich gefunden habe, wonach ich insgeheim gesucht hatte.
WELT: Bis Sie vor sechs Jahren einfach aufs Rad stiegen und nach Sevilla fuhren?
Coban: Das hat für mich tatsächlich alles verändert. Ich wohnte damals in Hamburg, habe mir ein gebrauchtes Rad besorgt und kam dann auf die Idee, von Hamburg nach Sevilla zu meiner einstigen Gastfamilie zu fahren. Sechs Tage nach der Idee fuhr ich los – ohne einen Plan zu haben. Ich hatte mich auch nicht vorbereitet, war nicht mal 50 Kilometer mit dem Rad gefahren.
Weiter, immer weiter: Savas CobanWELT: Die einen würden es als naiv bezeichnen – die anderen als mutig.
Coban: Wahrscheinlich beides. Ich habe mir nichts dabei gedacht. Und ich wusste ja nicht, was auf mich zukommt. Ich war insgesamt 32 Tage und mehr als 3000 Kilometer unterwegs, habe viele Länder gesehen und Menschen kennengelernt. Während der Reise war für mich schnell klar: Das ist es, was mich erfüllt.
WELT: Was konkret – das Ungewisse? Die eigenen Grenzen erkunden? Die Menschen?
Coban: Ich hatte mich verliebt in das Abenteuer, in die täglichen Herausforderungen. Es gefällt mir einfach sehr, jeden Tag diese sportlichen und mentalen Herausforderungen zu meistern und das Gefühl zu haben, sich immer wieder zu überwinden. Natürlich sind es auch die Erlebnisse, die du jeden Tag hast. Das Ungewisse fasziniert auch. Nie genau zu wissen, was passiert. Noch bevor ich in Sevilla ankam, rief ich einen Freund an und sagte ihm: „Ich will Abenteurer werden, ich will Extremsportler werden.“ Mit voller Euphorie kam ich dann in Sevilla an und bin wieder zurückgereist. Bei dieser Reise habe ich herausgefunden, was ich möchte, wohin ich möchte. Das war ganz wichtig.
WELT: Wie kamen Sie vom Rad in die Laufschuhe?
Coban: Ich hatte mein Rad in Sevilla gelassen und stand finanziell auch nicht so gut da, dass ich mir gleich ein neues kaufen wollte. Sport hatte ich schon mein Leben lang getrieben – vor allem Fußball und Kampfsport –, aber Laufen war immer nur ein Teil dessen gewesen. Bis ich nach Sevilla anfing. Für mich war dabei von Anfang an nicht der Reiz, irgendwann einen Marathon zu laufen, sondern wieder ein Abenteuer erleben zu wollen.
WELT: Dann sind Sie spontan von Hamburg in Ihre Heimat Bremen zu Ihrer Familie gelaufen. Etwa 100 Kilometer. Und ohne vorher einen Marathon gelaufen zu sein …
Coban: Das war irgendwann im Winter. Nach 14 Stunden kam ich völlig unterkühlt an, lag dann in der Badewanne meiner Mutter und hatte ein breites Grinsen im Gesicht. Das hat mich und mein Mindset verändert. Ich dachte: „Hey, du bist gerade 100 Kilometer gelaufen, auch wenn es super schwierig war. Was könntest du noch alles schaffen?“
WELT: Hat sich Ihr Warum im Laufe der Zeit gewandelt?
Coban: Es war und ist nicht so, dass ich größenwahnsinnig bin oder andere Menschen übertreffen muss. Mir ist es wichtig, die eigenen Grenzen immer wieder zu verschieben. Das reizt mich. Einfach nur laufen – das klappt nicht für mich, es muss ein Abenteuer dabei sein. Ein Abenteuer mit Herausforderung. Aber man kann sich ja in vielerlei Hinsicht herausfordern. Das Schöne an dem, was ich tue, ist: Es gibt keine Grenzen, keine Regeln. Ich kann kreativ sein. Deswegen kann ich mir immer wieder einen Twist überlegen. Und der muss nicht unbedingt etwas mit der Distanz oder Höhenmetern zu tun haben.
WELT: Auch, weil sich der Körper vielleicht irgendwann an die Belastung gewöhnt?
Coban: Das ist definitiv so. Energiemanagement ist elementar, sonst kannst du keine 87 Tage am Stück laufen, ohne dich zu verletzen. Deswegen laufe ich langsam. Und ich achte darauf, dass ich regeneriere, um dann wieder in den Ultramarathon zu starten. Mit diesem System könnte ich vielleicht einmal um die Welt laufen, aber das ist nicht der Reiz und wäre irgendwann langweilig. Eher könnte es sein, dass ich an einem Ort laufe, an dem es besonders kalt ist, weil ich Kälte eigentlich nicht abkann. Und das ist genau der Punkt für mich, es dennoch zu tun, weil ich mich überwinden muss und das etwas Positives mit mir macht. Das Ziel ist auch nicht am Ende, wenn es vorbei ist, sondern es ist der Weg dahin – auch wenn das abgedroschen klingt.
Weiter, immer weiter: Savas CobanWELT: Also viele kleine Zieleinläufe?
Coban: In Peru oder der Türkei hatte ich jeden Tag einen Zieleinlauf. Das ist mir wichtig, auch wenn ich alleine bin, wenn keine Menschen auf mich warten und applaudieren, und ich keine Medaille bekomme. Das ist etwas ganz Persönliches. Und ein sehr positives Gefühl – das macht etwas mit dir. Es verändert dich. Dieses Verschieben von Grenzen ist für mich nichts Körperliches, sondern immer eine Erkenntnis, die ich in dem Moment, in dem sich die Grenzen verschieben, gewinne. Das beobachte ich auch bei anderen Menschen. Und da ist es egal, ob sie ihren ersten 5-km-Lauf oder etwas ganz anderes schaffen, was sie sich vorher nicht vorstellen konnten. Die meisten unterschätzen sich. Wir können viel mehr, als wir glauben. Wenn du mutig bist, loszulaufen, wirst du überrascht sein, wie weit du kommen kannst. Wir haben so viel Potenzial, und die wenigsten schöpfen das voll aus.
WELT: Dieses Erlebnis, diese Erkenntnis, sagen Sie, macht etwas mit Ihnen. Was genau?
Coban: Die Erkenntnis, etwas Schwieriges geschafft zu haben, kann ein Leben verändern. Mein Leben jedenfalls hat es verändert. Es macht dich stärker. Jeder kann eigentlich fast alles schaffen. Ich bin ja auch nur ein Mensch, kein Superheld. Natürlich gehören harte Arbeit im Training, der Wille, Durchhaltevermögen und mehr dazu. Aber das vorausgesetzt, kann man vieles schaffen. Mich inspirieren immer Menschen, die etwas Besonderes geschafft haben. Und für mich kann ich sagen, dass ich diese Erkenntnisse aus meinen Abenteuern in neuer und anderer Form immer wieder gewinnen möchte. Das ist ein großes Warum für mich. Natürlich sind es auch die Erlebnisse und die Begegnungen mit anderen Menschen. Viele davon werde ich nie vergessen.
WELT: Haben Sie ein Beispiel?
Coban: In der Mongolei kam ich in der Steppe in ein Gewitter und bin dann gerannt. Irgendwann sah ich etwas Weißes am Horizont – es waren die Zelte von Nomaden. Ich rannte dorthin und traf auf eine mongolische Familie. Wir konnten uns nicht verständigen, aber sie waren sehr gastfreundlich und wussten sofort: „Der junge Mann hat Angst, ist unter Schock.“ Sie holten mich rein, kochten mir Tee und gaben mir etwas zu essen. Dann habe ich dort übernachtet – mit allen zusammen in diesem kleinen Zelt auf dem Boden.
WELT: Es dürfte nicht einfach sein, Ihre Abenteuerlust auszuleben und Pläne umzusetzen. Logistisch nicht und finanziell erst recht nicht.
Coban: Es ist teilweise immer noch nicht einfach, aber es war und ist mein Traum. Ich musste sehr lange viel zurückstecken, nachdem ich beschlossen hatte, meinen Job zu kündigen und Extremsportler zu werden. Meine Familie hat es nicht wirklich verstanden, weil ich ja eine Ausbildung habe und in dem Beruf hätte weiterarbeiten können. Aber das ist total verständlich. Ich habe dann gesagt: „Mama, das ist jetzt mein Beruf. Und ja, noch werde ich dafür nicht bezahlt. Aber lieber stecke ich meine Energie in meinen Traum als in meinen Albtraum.“
WELT: Ihr Lauf durch Peru war extremer als der Homerun. Letzterer aber wahrscheinlich deutlich persönlicher. Wie ordnen Sie das ein?
Coban: Es war so persönlich, wie es nur sein kann. Ich habe ja türkische Wurzeln, bin aber hier geboren und außer, dass ich die Geburtsstadt meiner Mutter und Istanbul kannte, war mir die Türkei fremd. Das war für mich ein Reiz, ich wollte endlich meine Wurzeln entdecken. Hinzu kam, dass es am letzten Tag meiner Peru-Reise ein schweres Erdbeben in der Türkei gab – auch in der Region, aus der meine Mutter kommt. Viele Menschen starben. Die ganze Stadt war zerstört. Ich war lange nicht mehr dort gewesen, hatte keinen Kontakt zu der Familie dort und das Gefühl, sie ein bisschen im Stich gelassen zu haben. Auch deshalb wollte ich unbedingt hin. Dazu kam die Idee, die Türkei zu umrunden. Es war aber natürlich nicht nur sehr persönlich, sondern auch eine Herausforderung.
WELT: Sie gestalten Ihre Abenteuer unsupported, sind also auf sich alleine gestellt.
Coban: Genau, und das bedeutet deutlich mehr Aufwand, als „nur“ zu laufen. Anders als in Peru bin ich zudem in der Türkei fast ausschließlich auf Asphalt gelaufen, was mir einige Probleme bereitet hat – zumal die Schuhe nicht ewig halten, ich aber nicht immer wechseln konnte, wenn es gut gewesen wäre, weil ich einfach keinen Laden mit Laufschuhen fand. Der Homerun war definitiv auch eine große physische Herausforderung. Der Schmerz zieht dann in den kompletten Körper rein.
WELT: Wie haben Sie Ihren Körper zum Durchhalten gebracht?
Coban: Ich wusste ja aus Erfahrung: Je länger der Lauf dauert, umso besser wird es, weil ich mich irgendwann an die Belastung gewöhne. Körperlich bist du sowieso erschöpft, das wird niemals einfacher, aber du gewöhnst dich an die Belastung. Das hat auf dieser Reise allerdings ungewöhnlich lange gedauert. Ich hatte früh schon unglaubliche Probleme – so schlimm, dass ich dachte, vielleicht aufgeben zu müssen. Aber ich habe mich durchgekämpft. Es ist wie ein Schalter, der sich auf „Abenteuermodus“ umlegt, sobald ich starte. Ich kann von diesem Moment an raus aus meiner Komfortzone und mit jeder Situation umgehen. Wenn ich dagegen hier auf der Couch sitze und an Peru denke, wo ich auf über 5000 Metern Höhe lief, denke ich: Wie hast du das überstanden und zwei Tage nichts gegessen? Aber in so einer Situation funktionierst du anders, bist vom Kopf ganz anders eingestellt. Es klingt simpel und vielleicht verrückt, aber es hilft: einfach weitermachen. Dann gehen die Schmerzen weg.
WELT: Haben Sie denn gefunden, wonach Sie auf der Türkei-Reise gesucht haben?
Coban: Ja, zu 100 Prozent. Ich glaube, es geht vielen Deutsch-Türken so wie mir. Man stellt sich die Frage: Bin ich nun Deutscher oder Türke? Das war sehr kompliziert für mich, vor allem als Kind. Manchmal hatte ich das Gefühl, nirgends wirklich hinzupassen. Ich wusste nicht, was ich bin, und ich dachte immer, ich muss mich entscheiden. Es war jetzt spannend, auf der Reise mehr dazu herauszufinden, mich vielleicht selbst noch mehr zu finden. Am Ende steht für mich, dass ich beides sein kann. Deutsch-Türke ist für mich persönlich sehr passend, ich darf und kann beides sein und sehe das als etwas Positives. Es ist ein Privileg, weil du aus zwei Kulturen Einflüsse hast. Ich trage beide Länder im Herzen. Deswegen war ich auch so stolz, als ich beim Zieleinlauf in Istanbul wieder ankam.
WELT: Weil ein Vertreter des deutschen Generalkonsulats anwesend war?
Coban: Mir hat das wirklich sehr viel bedeutet. Ich habe mich auch ausdrücklich dafür bedankt. Sie hatten mir sogar Präsente mitgebracht und luden mich für den nächsten Tag ins Generalkonsulat ein. Dort entstand dann ein Foto, auf dem ich zwischen beiden Flaggen stehe. Es gibt immer noch viele Menschen, die diese Identitätsprobleme haben, und denen kann ich nur sagen: „Du kannst froh sein, denn du bist beides und kannst auch beides sein.“
WELT: Fallen Sie nach Ihren Abenteuern in ein Loch? So ergeht es ja nicht gerade wenigen Menschen, wenn etwas Großes geschafft ist.
Coban: … oder auch, wenn man vielleicht einfach von einer langen Reise zurückkehrt in die Alltagswelt. Ich kenne das. Nach dem Radabenteuer und auch nach dem Lauf von München nach Istanbul bin ich in ein kleines Loch gefallen. Daraus habe ich gelernt, dass es wichtig ist, immer wieder etwas Neues zu finden, weil dieser Weg einfach das Ziel ist. Wenn ich am Ziel ankomme, ist das gar nicht der glücklichste Moment für mich. Man muss dann erst mal realisieren, dass es vorbei ist. Ich bin – eben auch aus der Erfahrung heraus – der Meinung: Wenn du ein Ziel erreichst, suche dir ein neues. Mir gibt das einen Grund, mich auch im Training immer wieder zu motivieren. Ein Ziel zu haben – egal, welches – gibt für mich dem Leben einen Sinn.
Melanie Haack ist Sport-Redakteurin. Für WELT berichtet sie seit 2011 über olympischen Sport, extreme Ausdauer-Abenteuer sowie über Fitness & Gesundheit. Hier finden Sie alle ihre Artikel.
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