So schnell, überlegen und nervenstark Johannes Liebmann seinen ersten großen Auftritt im Rampenlicht des internationalen Schwimmsports meisterte und die Konkurrenz nicht nur bei den Europameisterschaften, sondern weltweit beeindruckt haben dürfte, so erstaunlich scheint es da, wie einst alles begann. Nicht nur, dass der heute 19-Jährige als Kind eigentlich davon träumte, Pilot und nicht Spitzensportler zu werden – seine ersten Meisterschaften als junger Schwimmer endeten zudem weit abgeschlagen auf den hinteren Rängen. „Bei meinen ersten norddeutschen Mehrkampf-Meisterschaften bin ich 51. von 60 geworden“, erzählt er.
Aber es raubte ihm weder den Spaß noch die Motivation. „Es war eine Erfahrung, sie hat mich nicht entmutigt“, sagt der gebürtige Eckernförder. „Ich habe einfach weitergemacht, bin immer besser geworden.“ Mittlerweile ist er 19 Jahre alt, schockte im Frühjahr mitten im Abiturstress mit drei Weltklasseleistungen die Schwimmwelt und gewann nun bei seinen ersten Europameisterschaften die 800 Meter Freistil mit neuem Europarekord. „Es war ein Megagefühl, da oben zu stehen und die Hymne für sich zu hören“, sagte er. „Das ist unglaublich.“
Und es dürfte nur der Anfang sein – zum einen bezogen auf diese Titelkämpfe in Paris, vor allem aber auf die kommenden Jahre mit Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Liebmann ist der Mann der Stunde, ein Riesentalent, Deutschlands Senkrechtstarter im Schwimmbecken und Hoffnungsträger für Großes. Kann er der nächste deutsche Schwimmstar werden? „Definitiv“, sagt 400-Meter-Olympiasieger und Weltrekordhalter Lukas Märtens. „Er bringt alles mit, was ein zukünftiger Weltklasse-Schwimmer mitbringen muss.“
Und Märtens muss es wissen, denn seit 2025 gehört Liebmann zur starken Magdeburger Trainingsgruppe um Erfolgstrainer Bernd Berkhahn – mit Märtens, Florian Wellbrock und Oliver Klemet. „Johannes weiß, was er will“, sagt Märtens. „Er ist zielstrebig und fleißig. Er trägt das Herz vielleicht nicht so auf der Zunge wie ich. Aber er ist jetzt schon ausgebuffter, als ich es mit 19 war. Und er ist ein wirklich super entspannter, liebenswerter Typ.“
Wellbrock, Freiwasser-Olympiasieger und Bronzemedaillengewinner im Becken von Tokio, sieht das nicht anders. „Johannes ist gefährlich!“, sagt er. „Es ist wahnsinnig interessant und spannend, mit ihm als Trainingskollege zusammenzuarbeiten. Er bringt enorm viel mit, um ein extrem gutes Niveau zu erreichen.“ Da geht also noch mehr.
Medaillen im Juniorenbereich und Junioren-Weltrekord
Überraschend kommt Liebmanns EM-Triumph nicht. 2024 und 2025 gewann der gebürtige Eckernförder mehrere Medaillen bei Junioren-Europameisterschaften, seit dieser Saison nun schwimmt er im Elitebereich. Bei den Kurzbahneuropameisterschaften im Dezember trumpfte er dann bereits als Vierter über 400 Meter und 800 Meter Freistil auf – jeweils mit Junioren-Weltrekord.
Und dann, als er im April mitten in den Abiturprüfungen steckte – schriftlich Sport, Biologie, Englisch und Mathe, mündlich Geschichte –, machte er bei einem Meeting in Stockholm derart auf sich aufmerksam, dass sich danach zwei internationale Medaillensammler bei ihm meldeten. „Die Tunesier Ahmed Hafnaoui und Ahmed Jaouadi haben mir über Instagram gratuliert“, erzählte Liebmann im WELT-Interview. „Dass die zwei meine Leistung und mich wahrgenommen haben, hat mich extrem gefreut. Immerhin ist der eine Olympiasieger, der andere Weltmeister.“
Der Moment, als er auf die Anzeigetafel geblickt hat: Johannes LiebmannGratuliert haben sie ihm zum Europarekord über 800 Meter, den er dem Hannoveraner Sven Schwarz entriss und den er jetzt in Paris noch einmal um 35 Hundertstelsekunden auf 7:37,59 Minuten verbesserte. Auch über die 400 Meter und 1500 Meter Freistil überzeugte der junge Deutsche in Schweden. Über die längste Beckendistanz führt er weiterhin die Weltjahresbestenliste vor Schwarz und Klemet an – das EM-Finale über diese Strecke in Paris ist am Samstagabend.
Er wollte ein Schlauchboot, und der Vater stellte eine Bedingung
Angefangen hat alles, als Liebmann fünf Jahre alt und mit seiner zwei Jahre älteren Schwester unterwegs war. Die zwei sahen in einem Geschäft ein Schlauchboot. „Wir wollten das unbedingt haben und fragten unseren Papa. Er stellte eine Bedingung: Wir bekommen das Boot, wenn wir schwimmen können.“ So nahm die Sache langsam ihren Lauf. Erst in Flensburg, wo die Familie lange Zeit lebte, dann durch einen Umzug in Elmshorn.
Von dort wechselte Liebmann im Sommer 2023 auf das Sportinternat nach Magdeburg. „Das war auf jeden Fall eine große Entscheidung“, erzählt er. „Aber ich habe mir gesagt: ‚Ich will jetzt einfach mal groß werden, will was erleben.‘“ Und dann zog er aus.
Zug um Zug an die Spitze: LiebmannEingeschüchtert hat ihn die Erfolgsgeschichte der Magdeburger Gruppe nicht – im Gegenteil. Liebmann sah und sieht es weiterhin als große Chance und Herausforderung. „Ich fand es von Anfang an sehr motivierend in Magdeburg. Allein, dass ich hinkommen durfte“, sagt er. Die Erfahrung von Berkhahn und der hochdekorierten Schwimmer, zu denen auch die Olympia-Dritte Isabel Gose zählt, macht ihn stark und baut ihn auf. Dazu die interne Konkurrenz in den täglichen Einheiten, zu denen in Trainingslagern auch Sven Schwarz kommt.
„Mir persönlich bringt das neben starker Konkurrenz auch viel Erfahrung, die vor allem Florian Wellbrock an mich weitergibt, und Freundschaft. Dadurch kann ich nur wachsen“, sagt Liebmann. „Wenn ich mal Probleme hatte oder habe, kommt Flo meistens direkt auf mich zu und sagt: ‚Das kenne ich, das hatte ich auch schon. Ich habe es dann so und so gelöst, probiere das mal.‘ Das hilft mir sehr.“
Fünf Weltklasseleute
Wellbrock, der in der ersten EM-Woche drei Goldmedaillen im Freiwasser holte und gerade in Los Angeles, dem Olympia-Schauplatz von 2026 ein Freiwasserrennen gewann, statt ins EM-Becken zu springen, gibt das Lob zurück. „Das Tolle bei Johannes ist dieses Wissbegierige. Er ist keiner, der denkt: ‚Ich bin jetzt Europarekordhalter, weiß alles und bin der Coolste.’ Stattdessen schaut er sich um und beobachtet: Wie machen das die Jungs, die ein bisschen mehr Erfahrung haben? Wenn er unsicher ist, fragt er nach. Diese Herangehensweise und Art, gepaart mit gutem Training, seinem großen Talent und allem, was dazugehört, kann ihn für die nächsten Jahre richtig gefährlich machen.“
Für die internationale Konkurrenz bedeutet das nichts Gutes. In Liebmann mit seinen 19 Jahren, den 24 Jahre alten Märtens, Schwarz und Klemet sowie dem 28 Jahre alten Wellbrock gibt es hierzulande fünf Weltklasseleute auf den Mittel- und Langstrecken, die sich gegenseitig weiter pushen werden. Und in Liebmann einen derart vielversprechenden jungen Aufsteiger, bei dem noch gar nicht abzusehen ist, wohin das alles führen kann.
Zumal jetzt auch die Doppelbelastung mit der Schule wegfällt. Mehr Zeit fürs Training und vor allem für die Regeneration. „Dass ich das Abitur in der Tasche habe, gibt mir auf jeden Fall ein befreiendes Gefühl“, sagt er. „Ich habe schon im Höhentrainingslager danach gemerkt, dass ich deutlich entspannter bin. Dass ich mich noch besser auf das Training und die Regeneration konzentrieren kann.“
Und auf sein Ziel, denn seinen Kindheitstraum hat er eingetauscht. Jetzt lautet sein Traum: „Bei den Olympischen Spielen starten und mich im internationalen Bereich fest zu etablieren.“ Angesichts seiner Saisonleistungen, seiner Fähigkeiten und der Worte von Märtens und Wellbrock könnte weit mehr dabei herumkommen.
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