Es kommt nicht alle Tage vor, dass sich ein früherer Vize-Weltmeister und Europameister bei Deutschen Langstaffel-Meisterschaften der Leichtathletik-Masters die Ehre gibt – und das als hoch motivierter Athlet. Der gerade 51 Jahre alt gewordene Ingo Schultz hat genau dies im Frühjahr in Celle getan. Aus alter Verbundenheit startete er in der 4-×-400-Meter-Staffel seiner TSG Bergedorf in der Altersklasse der 35-Jährigen.
„Schnelligkeit und die Abläufe sind noch da, der Kopf will auch noch“, erzählt der 2,02-Meter-Hüne im Gespräch mit WELT. „Aber wenn das Training fehlt, ist es nicht so easy.“ Schonen konnte sich Schultz nicht. Als er das Tempo wie früher anziehen wollte, spürte er in der Wade einen Schmerz. Doch aufzugeben war keine Option. Am Ende sprang für das Bergedorfer Quartett Platz zwei heraus – und ein Muskelfaserriss für Ingo Schultz, der die Stadionrunde in gut 56 Sekunden absolvierte. „Ein bisschen habe ich es doch bereut“, gibt er zu. „Ohne jeden Groll“ aber schaut Ingo Schultz auf seine richtige 400-Meter-Karriere zurück, die vor genau 25 Jahren ihren sensationellen Höhepunkt erlebte. Anfang August 2001 verblüffte der Student der Elektrotechnik die Leichtathletik-Szene, als er bei der Weltmeisterschaft in Edmonton (Kanada) als international unbekannte Größe in 44,66 Sekunden die beste Zeit der Halbfinal-Läufe über 400 Meter auf die Bahn zauberte und tags darauf in 44,87 Sekunden Vize-Weltmeister wurde.
Der damals 26 Jahre alte Langsprinter hatte erst dreieinhalb Jahre zuvor seinen ersten offiziellen Leichtathletik-Wettkampf bestritten – in der Sporthalle Hamburg im Hochsprung, Kugelstoßen und einer Staffel über dreimal zwei Runden auf dem normalen Hallenboden. Schultz rannte die beste Zeit aller Teilnehmer. Erst danach ging es los mit einem zielgerichteten Training. In seinem ersten 400-Meter-Rennen auf der Bahn kam er im Frühjahr 1998 nach gut 52 Sekunden ins Ziel, schon im vierten Rennen war er fast drei Sekunden schneller.
Dass Schultz als 22-Jähriger überhaupt noch zur Leichtathletik kam, war Zufall. Während seines Studiums an der Bundeswehr-Uni in Wandsbek hatte er sich der dortigen Leichtathletik-AG angeschlossen. „In der Bundeswehr-Uni fehlte mir der körperliche Alltag, den ich davor hatte. Nur Sitzen und Studieren reichte mir nicht. In unserem Wohngebäude hing ein lustig aufgemachter DIN-A4-Zettel der AG für Leichtathletik“, erzählt er.
Ingo Schultz zeigt seine Silbermedaille – und Europameister wurde er später auch nochDiese leitete als Trainer der zuvor als 400-Meter-Hürdenläufer erfolgreiche Jürgen Krempin von der TSG Bergedorf. Das Zusammentreffen sollte sich für beide als Glücksfall erweisen. Der heute 68 Jahre alte Krempin erkannte, welches Potenzial für den Langsprint im neuen Gruppenmitglied schlummerte. „Ingo hatte einen staksigen Laufstil, was aber den Vorteil relativ kurzer Bodenkontakt-Zeiten hatte. Andererseits war er recht unbeweglich, doch meine Korrekturen hat er immer schnell und gut umgesetzt“, berichtet Krempin. In der Schule in seiner Geburtsstadt Lingen war niemandem aufgefallen, welches Sprintvermögen Schultz besaß. Auch er selbst hatte es nicht wahrgenommen. Doch als er nun in den richtigen Trainerhänden war, entwickelte er schnell den Ehrgeiz, der ihn zu einem nationalen Top-Athleten werden ließ und in die Weltspitze brachte. „Es kam vieles glücklich zusammen. So spät anzufangen kann auch ein Vorteil sein, wenn man körperlich und vom Kopf her ausgereift ist“, sagt Schultz. „In diesen gut drei Jahren habe ich zielgerichtet trainiert, war aber noch trainingsjung. Das hilft, wenn man brutale Impulse setzt. Über 400 Meter musst du über dich hinauswachsen. Das konnte ich.“
Im Rückblick ist Ingo Schultz glücklich, den unverhofften Sprung in den Leistungssport getan zu haben. „Mich hat es unglaublich bereichert. Es war ganz was anderes zu dem, was ich vorher gemacht habe. Ich fand es toll, sich unter Topsportlern zu bewegen, um die Welt zu reisen und bei Wettkämpfen zu erleben, wie neugierig die etablierten Athleten waren“, sagt er. Ein Jahr nach dem WM-Silber von Edmonton sicherte sich Ingo Schultz im Münchner Olympiastadion auch den Europameistertitel – diesmal als Favorit. Das Pfeiffersche Drüsenfieber nach einem Höhentrainingslager sowie verschiedene Gelenk- und Sehnenprobleme verhinderten in den folgenden Jahren, dass Schultz noch einmal sein Top-Niveau erreichte. 2008 beendete er seine sportliche Karriere.
Die berufliche Laufbahn hatte da schon Priorität. Nach Engagements in der Hansestadt unter anderem bei Hamburg Energie ist Schultz seit Anfang 2025 Technischer Geschäftsführer der Stadtwerke Wolfenbüttel. Sein erster Wohnsitz ist aber weiter in Hamburg. Und bei der TSG Bergedorf engagiert sich als Schirmherr in dem von Jürgen Krempin und dessen Ehefrau Brigitta gegründeten und gemanagten Top-Team, in dem aktuelle Talente wie Weitspringerin Libby Buder und Diskuswerfer Mika Sosna auf dem Weg zu internationalen Ehren sind.
Seine Zeit ist in Deutschland unerreicht
Die 44,66 Sekunden von Ingo Schultz hat seit 25 Jahren kein deutscher 400-Meter-Läufer unterboten. Auch eine Einzelmedaille bei einer WM oder Olympischen Spielen gab es seither für keinen DLV-Sprinter. „Es ist immer noch reiner Zufall, ob ein Toptalent entdeckt wird und dann auch Leistungssportler werden will“, sagt dazu Jürgen Krempin. „Einigen ist das auch zu anstrengend“, ergänzt Ingo Schultz. Immerhin ist ihm zuletzt Jean Paul Bredau (27/Wolfsburg) mit 44,72 Sekunden sehr nahegekommen. Umso aufmerksamer wird Schultz in den kommenden Tagen verfolgen, was seinem potenziellen Nachfolger bei der Europameisterschaft in Birmingham gelingt.
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