Auch 30 Jahre danach bleibt die Frage unbeantwortet: Hat Dariusz Michalczewski geschauspielert? Vor 25.000 Zuschauern im Millerntor-Stadion des FC St. Pauli taumelte der „Tiger“ durch den Ring, hing in den Seilen, wurde angezählt. Was war passiert? Es war der 10. August 1996. Michalczewski verteidigte seinen WM-Titel im Halbschwergewicht (bis 79,4 Kilo) gegen Ex-Weltmeister Graciano „Rocky“ Rocchigiani (†54). Die Börsen waren für damalige Verhältnisse riesig: eine Million Euro für Michalczewski, 600.000 für Rocchigiani.
Das Duell elektrisierte Deutschland. Tausende holten sich ein Abo des Pay-TV-Senders Premiere für monatlich 44,50 Mark (22,75 Euro), um live dabei zu sein. Dort kommentierte Bernd Bönte, der später Manager der Klitschko-Brüder wurde, den Kampf. Die ersten sechs Runden war Herausforderer Rocchigiani der bessere Mann. „Graciano dominierte bis dahin klar“, sagt Bönte. „Ich hatte ihn mit vier zu zwei Runden vorn. Was Dariusz und der Universum-Boxstall unterschätzten, war, dass Rocky der Liebling der Massen war. Die Atmosphäre war gigantisch, mega aufgeheizt.“
Dann kam die siebte Runde: Ringrichter Joseph O’Neill († 80) rief 1:03 Minuten vor Ende zweimal „Break“, Rocchigiani schlug Sekundenbruchteile danach noch einmal einen linken Haken und traf den heute 58 Jahre alten Michalczewski am Kopf. Dieser sank theatralisch zu Boden, wurde sogar bis acht angezählt und schließlich vom Ringarzt aus dem Kampf genommen.
„Von nur einer Linken so angeschlagen zu sein, passte nicht zu Michalczewski“
„Ich bin bis heute überzeugt, dass Dariusz die Exit-Möglichkeit nutzte und geschauspielert hat“, sagt Bönte. „Ich habe viele seiner Kämpfe kommentiert, sah ihn auch im Sparring. Er konnte wirklich viel einstecken, stand öfter nach Niederschlägen ganz schnell wieder. Von nur einer Linken so angeschlagen zu sein, passte nicht zu ihm.“
Rocchigiani, der 2018 bei einem Verkehrsunfall starb, schrieb später: „Der wollte nicht mehr, und da hat ihm möglicherweise jemand zugerufen: Bleib doch einfach liegen.“
Rocchigiani feierte schon. Er war sich sicher, dass er gerade den größten Triumph seiner Karriere erlebteEs folgte ein Chaos. Das Kampfgericht um WBO-Präsident Paco Valcárcel war komplett überfordert. War es ein Foul? Also griff Valcárcel zu einer Maßnahme, die in den Regeln seines Verbands nicht vorgesehen war. „Er kam zu mir an den Monitor und schaute sich die Szene an“, sagt Bönte: „Der Videobeweis war im Boxen gar nicht zulässig. Zu dem Zeitpunkt gab es das selbst in anderen Sportarten kaum.“
Bei einem unbeabsichtigten Foul gibt es nach WBO-Regeln eine technische Punktentscheidung: Rocchigiani lag auf den Punktzetteln von zwei der drei Unparteiischen vorn und hätte gewonnen. Doch Valcárcel warf an diesem Abend ein paar Regeln zusammen. Da Michalczewski als Gefoulter keinen Nachteil haben sollte, entschied er auf technisches Unentschieden. „Die Regeln wurden da hin- und hergebogen“, sagt Bönte, „dieser Fall steht so gar nicht in den WBO-Satzungen.“
Wegen des Urteils mussten sich die beiden Kontrahenten den Siegerkranz beim Fotoshooting teilenWar es Vorsatz oder nicht? „Ich bin überzeugt, dass es unabsichtlich von Graciano war“, sagt Bönte: „Er war immer ein fairer Kämpfer. Außerdem war die Lautstärke im Stadion unmenschlich, und Michalczewski hing mit seinem Arm über dem rechten Ohr von Rocky. Dadurch konnte er das ,Break‘-Kommando noch schlechter hören.“
Rocchigiani legte Protest ein. Erst nach 23 Tagen entschied die WBO dann sogar auf einen Disqualifikationssieg Michalczewskis, weil das Nachschlagen plötzlich als absichtlich gewertet wurde. Rocchigiani schrieb in seiner Autobiografie: „Lediglich der Willkür von Funktionären und der Dummheit des Ringrichters ist es geschuldet, dass ich in den offiziellen Statistiken nicht als Champion geführt werde.“
In der Talkshow „Schreinemakers live“ wehrte sich Michalczewski: „Man hat mir vorgeworfen, dass ich daran schuld wäre. Dass ich im Ring meinen K.o. geschauspielert hätte. Das tut mir weh.“ Bönte war damals ebenfalls im Kölner Studio und warf dem Weltmeister eine oscarreife Vorstellung vor.
„Dass der Tiger ihn nicht vor laufender Kamera gefressen hat, überrascht mich noch heute“, schrieb Rocchigiani, der 1996 im TV für ein zweites Duell zehn Millionen Mark Gage forderte, ansonsten könne ihn Michalczewskis Promoter Klaus-Peter Kohl „am Arsch lecken.“
Das zweite Duell gab es erst 2000. Dort gewann Michalczewski in Hannover klar, als Rocchigiani nach Runde neun aufgab. Bönte glaubt, dass Dariusz’ Promoter „mit dem Rückkampf bewusst so lange gewartet hatte, bis Graciano seinen Zenit überschritten hatte.“
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke