Vielleicht muss bei der Würdigung des verstorbenen Monty Roberts zunächst mal mit einem Mythos aufgeräumt werden. Er war nicht der Mann, den Bestsellerautor Nicolas Evans zu seinem Roman „Der Pferdeflüsterer“ inspirierte (das war Dan „Buck“ Brannaman, wie Evans immer wieder betonte) und der von Robert Redford (†89) in den gleichnamigen Film gespielt wurde. Roberts hatte das gern auf sich bezogen, wenn er danach gefragt wurde.
Sein Metier (und auch das von Brannaman) war aber zweifellos das, was Redford so großartig in Szene setzte: über Körpersprache, Distanz, Timing und ruhige Kommunikation das Vertrauen des Pferdes zu gewinnen, statt es mit Druck oder Zwang zu brechen. Auch Roberts war ein „Pferdeflüsterer“, der berühmteste seiner Art. Nun ist Marvin Earl „Monty“ Roberts auf seiner Farm in Kalifornien im Alter von 91 Jahren gestorben.
Roberts wuchs auf einer Pferdefarm auf und lernte früh den Umgang mit den Tieren. Mit drei begann er zu reiten, mit vier Jahren ritt er die schwierigsten Dressurmanöver und gewann sein erstes Turnier. Als Achtjähriger doubelte er Kinderstars in Hollywoodfilmen; anstelle der kleinen Liz Taylor ließ er sich in Mädchenkleidern vom Pferd fallen.
Und Roberts entwickelte schon in jungen Jahren ein Interesse, das Verhalten von Pferden zu verstehen. Er suchte nach Signalen von Angst, Flucht und Vertrauen und reagierte darauf mit klarer, nicht bedrohlicher Kommunikation.
Die Pferde bekamen von Monty Roberts Vater Schläge – und er auch
Er betonte sinngemäß, dass es darum gehe, den Pferden zuzuhören, nicht ihnen etwas einzuflüstern. „Es ist nicht der große Trainer, der sein Pferd dazu bringen kann, Leistung zu erbringen. Der große Trainer kann ein Pferd dazu bringen, Leistung erbringen zu wollen“, hatte er mal gesagt.
Er beobachtete dafür wochenlang, umgeben von Pumas und Klapperschlangen, wilde Mustangs in der Steppe von Nevada und entwickelte daraus ein Kommunikationssystem, das er „Equus“ (lateinisch für Pferd) nannte. Daraus formte er später seine Trainingsmethode „Join-Up“. Es war der entscheidende Bruch mit seinem Umfeld, seine Abkehr von den harten, gewaltsamen Methoden seines Vaters, die damals in der Pferdeausbildung verbreitet waren.
Die Pferde bekamen vom Senior Schläge, sein Sohn nicht minder. Aus diesem Teufelskreis der Gewalt versuchte Monty Roberts einen Ausweg zu finden. Er wollte beweisen, dass man das Vertrauen der Tiere auch gewinnen kann, ohne Zwang oder Gewalt auszuüben.
Zunächst aber verdingte sich Roberts als Rodeoreiter, nicht eben der sanfteste Umgang mit Pferden, aber in den USA ein einträglicher Job, wenn man Erfolg hat. Doch erst nach seiner Rodeokarriere und der als Pferdezüchter fand seine Trainingsmethode langsam Anklang und kam dem Durchbruch näher. Beruhend auf Geduld, Empathie und gegenseitigem Respekt, die Welt durch die Augen des Pferdes zu sehen.
Warum die Methoden im Reitsport umstritten waren und sind
„Arbeite stets darauf hin, dass dein Pferd dem Weg des geringsten Widerstands folgt. Schaffe ihm dann eine Öffnung, durch die es hindurchgehen kann, sodass der Weg des geringsten Widerstands zu der Richtung wird, in die du möchtest, dass es geht“, sagte Roberts mal.
Nicht unumstritten: Den einen war seine Methode nicht wissenschaftlich genug, andere monierten, dass es zwar pferdefreundlich aussehe, aber oft auf Kontrolle durch psychischen Druck beruhe und damit das Pferd ebenfalls unter enormem Stress setze – und damit eine andere Form der Gewalt sei. Auch wurde bemängelt, dass sich seine Methode nicht für jedes Pferd eigne.
Roberts aber ließ sich davon nicht beirren – und hatte Erfolg. 1986 demonstrierte er erstmals seine Join-Up-Methode als Gastdozent an der Universität von British Columbia in Vancouver. Zwei Jahre später lud ihn Queen Elizabeth II. nach England ein, um von ihm auf Schloss Windsor seinen Umgang mit Pferden demonstriert zu bekommen.
In Deutschland wurde Roberts wegen Lomitas berühmt
Hundert geladene Gäste warteten gespannt auf seine Vorführung. In der Loge saß die königliche Familie. Als Erstes wurde eine extrem scheue Vollblutstute hereingelassen. Ihre Augen waren vor Furcht weit aufgerissen. Knapp eine halbe Stunde später trug sie ihren ersten Reiter gelassen durch die Bahn. Die Queen, selbst Pferdenärrin, war begeistert. Zwischen beiden entwickelte sich eine jahrzehntelange Freundschaft. 1997 dann veröffentlichte Roberts sein Buch „Der mit den Pferden spricht“. Es wurde in 13 Sprachen übersetzt und verkaufte sich millionenfach.
Roberts 2015 mit der Queen und Camilla, der damaligen Duchess of Cornwall, im Stall des Buckingham PalaceUnzweifelhaft ist, dass er als einer der Pioniere und prägenden Figuren des Natural Horsemanship enormen Einfluss auf das kultivierte Miteinander zwischen Pferd und Reiter hatte und die Sichtweise im Pferdetraining fundamental veränderte. Zum Besseren.
In Deutschland wurde Roberts berühmt, weil er die Probleme des Vollbluthengstes Lomitas löste. Der hatte schon Rennen gewonnen, wollte aber 1991 partout nicht mehr in die Startbox. Rennstallbesitzer Walther J. Jacobs („Jacobs Kaffee“) aus Bremen, dem der Hengst gehörte, rief den Pferdepsychologen um Hilfe. Innerhalb von einigen Stunden brachte er das Pferd dazu, ihm überallhin zu folgen – sogar in die Startbox. Zehn Tage später gewann Lomitas wieder ein Rennen. Am Ende der Saison war er das Pferd mit der bis dahin höchsten Gewinnsumme in der deutschen Rennsportgeschichte.
„Einem Pferd die Schuld für irgendetwas zu geben“, sagte Roberts mal, „ist so, als würde man der Nacht die Schuld dafür geben, dass sie dunkel ist.“
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