Der deutsche Fußball-Funktionär Alexander Wehrle hat Fifa-Boss Gianni Infantino in ungewohnter Schärfe für dessen Führungsstil kritisiert. „Ich hoffe, dass der eine oder andere Kontinentalverband jetzt mal aufwacht, weil er gar keinen mehr mitnimmt. Er nimmt das Fifa Council nicht mal mehr mit, sondern er entscheidet in einer Gutsherrenart, als ob er weltweit alleine entscheiden kann“, sagte Wehrle bei Sky.

Das Fifa Council besteht aus Infantino, acht Vizepräsidenten und 28 weiteren Mitgliedern, entsandt von den regionalen Konföderationen. Es ist das oberste Entscheidungsorgan des Weltfußball-Verbandes in der Zeit zwischen den Sitzungen des Fifa-Kongresses. Es legt die strategische Ausrichtung und die Vision für den Weltfußball fest.

Stuttgarts Vorstandsvorsitzender Alexander Wehrle

Die Fifa hatte in dieser Woche mitgeteilt, mit dem potenziellen Verkauf eines Teils ihrer kommerziellen Rechte etwa an der WM eine Milliardensumme einspielen zu wollen. Laut Berichten setzte der Weltverband eine Frist bis 19. September für die Zustimmung zum geplanten Investorendeal und versprach im Gegenzug eine Sonderzahlung. Die 55 Nationalverbände der Uefa kündigten geschlossen einen Boykott der Fifa-Wettbewerbe an, sollte diese den Plan nicht verwerfen.

Nach der WM-Boykottdrohung der europäischen Verbände musste Infantino in der Nacht auf Freitag den nächsten Rückschlag hinnehmen. Auch der für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik zuständige Kontinentalverband Concacaf lehnte die Investorenpläne geschlossen ab, wie der Verband nach einer gemeinsamen Sitzung mitteilte. Damit positionieren sich auch die drei WM-Gastgeber USA, Mexiko und Kanada gegen Infantino, der den 211 Mitgliederverbänden Einnahmen in lukrativer Höhe in Aussicht gestellt hatte.

Fifa-Präsident Infantino will einen Teil der kommerziellen Rechte der Weltmeisterschaften an Investoren verkaufen. „Jeder der Verbände kriegt 20 Millionen, also man schmiert die Leute“, so WELT-Wirtschaftsredakteur Holger Zschäpitz.

Wehrle, Vorstandsvorsitzender des Bundesligisten VfB Stuttgart und Aufsichtsratsboss beim DFB, kreidet Infantino fehlendes Feingefühl im Sport an. „Hat Gianni Infantino mal wirklich professionell Fußball gespielt? Ich glaube, in der fünften Liga in der Schweiz. Und war er eigentlich mal in der Fankurve? Weiß er eigentlich, was Fußball bedeutet? Fußball als Spiel, also dieses verbindende Element?“, merkte Wehrle an.

Der 51-Jährige sagte, er wünsche sich eine Fifa ohne Infantino als Präsident. Der Plan, für den Weltverband noch mehr Milliarden zu erlösen, ergebe „keinen Sinn und ich habe da wirklich Sorge, dass ein einzelner Mann den Weltfußball zerstören kann“, erklärte Wehrle.

Uefa und Südamerikas Verband boykottieren Infantinos Pläne

Infantino plant, sich im Frühjahr 2027 für eine weitere Periode wählen zu lassen. Bis zu den Vorfällen mit dem geplanten Investorendeal wurden dem Schweizer exzellente Chancen zugerechnet.

Die Fifa hat am Freitag die Pläne zur Gründung einer Tochtergesellschaft, mit der ein Teil der kommerziellen Rechte an Fifa-Turnieren an Investoren verkauft werden sollte, verteidigt: „Wir respektieren die öffentlich geäußerten Rückmeldungen und Bedenken und bekräftigen unser Bekenntnis zu einer offenen und demokratischen Konsultation.“

Die UEFA stellt sich geschlossen gegen die Pläne der FIFA, Investoren stärker an Wettbewerben zu beteiligen, und bringt einen Boykott der nächsten Weltmeisterschaft ins Spiel. Sportökonom Christoph Breuer sieht darin den Schutz der wirtschaftlichen Interessen des europäischen Fußballs.

Der Weltverband hatte am Dienstag angekündigt, über die geplante Tochtergesellschaft FFE mehr als vier Milliarden Dollar von externen Investoren einwerben zu wollen. Auch künftige WM-Turniere sollen dann unter dem Dach der neu gegründeten FFE organisiert werden, dessen Mehrheits-Eigentümer der Weltverband wäre. Ohne die 55 Stimmen der Europäer und die 41 Stimmen aus Nord- und Mittelamerika dürfte es für den Fifa-Boss schwierig werden, unter den 211 Mitgliedsverbänden überhaupt eine Mehrheit zu erreichen.

Der Boykott steht schon in rund einem Monat auf dem Prüfstand. Ab dem 5. September soll die U20-WM der Frauen in Polen stattfinden, im Oktober sind Play-off-Spiele für die Frauen-WM 2027 in Brasilien angesetzt. Wie soll das gehen? Falls Infantino und die Fifa den Plan mit den Investoren nicht verwerfen, dürfte im Weltfußball auf die Drohung das große Chaos folgen.

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