Schalke ist nach drei Jahren zurück in der Bundesliga – auch dank Vorstand Sport Frank Baumann. Der Ex-Bremer gilt als einer der Architekten des Schalker Erfolgs und soll den Verein jetzt weiter stabilisieren.
Frage: Herr Baumann, Ihre Vorstandskollegin Christina Rühl-Hamers wählte vor rund anderthalb Jahren das Computer-Passwort „Aufstieg2026“. Machen Sie so etwas auch?
Frank Baumann: Bei mir ist es eine Mischung aus Schalke, Familie und natürlich Sonderzeichen.
Frage: Welche Zielsetzung wäre es bei Ihnen? „Klassenerhalt2027“?
Baumann: Ich war schon als Spieler kein Freund von Saisonzielen. Ich finde es am sinnvollsten, wie wir es in der vergangenen Saison gehandhabt haben: nämlich auf heute und morgen zu gucken. Ein Saisonziel birgt immer das Risiko, dass man es zu hoch oder zu niedrig ansetzt. Und dass sich intern nicht alle damit identifizieren können.
Frage: Das heißt: Es wird bei Schalke kein konkretes Ziel ausgegeben für die kommende Saison?
Baumann: Ich finde, dass es nicht notwendig ist. Klar ist natürlich, dass wir uns als Aufsteiger etablieren wollen. Das gilt nicht nur für die kommende Saison, sondern auch für das Jahr danach.
Führungsspieler Timo Becker bei der Aufstiegssause nach dem letzten SaisonspielFrage: Ist Schalke aus Ihrer Sicht ein Abstiegskandidat?
Baumann: Als Aufsteiger ist es so, dass man häufig als einer der Ersten genannt wird. Aber was andere über uns denken, interessiert mich nicht. Klar ist für mich: Wir müssen die Messlatte bei uns noch einmal höher setzen. Wir müssen athletisch noch stärker sein, wir müssen technisch und taktisch noch sauberer arbeiten. Wir werden in der Bundesliga auf dem Rasen weniger Zeit haben, die Gegenspieler werden stärker sein. Wir müssen in jedem Bereich eine Schippe drauflegen.
Frage: Wie lange wird es dauern, bis Schalke die Zweitliga-Last der vergangenen Jahre hinter sich lassen kann?
Baumann: Da das TV-Geld eine sehr entscheidende Einnahmequelle ist, lautet die Antwort: fünf Jahre. Wir werden noch vier Jahre lang Platz 14 in der 2. Liga in unserer Wertung haben. Diese Folge werden wir lange zu spüren bekommen.
Frage: Das Gesicht des Aufschwungs ist Trainer Miron Muslic. War ein vorzeitiger Abschied in diesem Sommer ein Thema?
Baumann: Zu keiner Sekunde. Es gab keinen Moment, in dem ich dieses Gefühl hatte. Oder dass Miron so etwas angedeutet hätte. Wir haben eine Idee gehabt, wie wir Schalke in die Erfolgsspur bringen wollen. Miron hat sich dem voll verschrieben. Warum sollte er Gedanken haben, das abzubrechen?
Frage: Kann er eine Ära prägen?
Baumann: Das, was wir uns von ihm versprochen haben, hat er eingehalten. Er ist fachlich extrem gut, er ist sehr klar, konsequent. Zudem ist er rhetorisch gut, hat einen guten Zugang zu den Spielern. Er wird seinen Weg weitergehen, hoffentlich noch sehr lange bei Schalke 04. Wir haben auch ihm gesagt: Das Thema Kontinuität auf den Schlüsselpositionen ist ein wichtiges Erfolgskriterium. Unser Ziel ist es, mit Miron auch über die aktuelle Vertragslaufzeit bis 2028 zusammenzuarbeiten.
Frage: Was war Ihr Lieblingsmoment mit ihm im ersten gemeinsamen Jahr?
Baumann: Es gab viele Momente, die hängen geblieben sind. Das fing schon an, als ich ihn vor der Verpflichtung in Innsbruck besucht habe und wir stundenlang über Fußball gesprochen haben. Was mir aus der Saison besonders hängen geblieben ist: sein Anruf im Winter.
Frage: Worum ging es da?
Baumann: Er sagte mir, dass er unsere Grundordnung verändern möchte. Das war ein prägender Moment. Als Tabellenführer mit der mit Abstand besten Defensive nun auf Viererkette umzustellen, deutlich offensiver spielen zu wollen und die Spielphilosophie zu ändern, ist eine starke Trainer-Leistung.
Frage: Was war Ihre Antwort in dem Moment?
Baumann: Wir haben ein paar Minuten diskutiert. Ich habe ihm die Vor- und Nachteile aus meiner Sicht dargelegt. Aber er war so überzeugt, dass ich am Ende des Gesprächs zu ihm gesagt habe: „Du machst das schon!“ Und er hat’s dann ja auch gemacht.
Frage: Zuletzt traten Sie wieder mal eine Reise an – zu Edin Dzeko nach Kroatien, um ihn von einem weiteren Engagement bei Schalke zu überzeugen.
Baumann: Edin hat ein sehr gutes Restaurant ausgewählt – sein eigenes. (lacht) Wir haben sehr gut gegessen, Edin hat für uns beide bestellt. Ich wollte die Rechnung natürlich übernehmen, das hat er aber nicht zugelassen. Er hat mir danach noch die Stadt von Dubrovnik gezeigt, wir hatten ein sehr angenehmes Gespräch.
Edin Džeko hat mit sechs Toren und drei Vorlagen (elf Spiele) in der Rückrunde großen Anteil an Schalkes AufstiegFrage: Brennt er trotz seiner 40 Jahre noch für Fußball?
Baumann: Ja.
Frage: Was gibt er Schalke?
Baumann: Er hat eine sehr professionelle Einstellung und riesige Qualitäten als Spieler und als Mensch. Das hat er vom ersten Tag an bei uns bewiesen. Und das hat uns in der Rückrunde sehr geholfen.
Frage: Mit Robin Gosens verpflichteten Sie zuletzt einen weiteren sehr namhaften Spieler. Was macht Frank Baumann, wenn er die Zusage eines solch wichtigen Wunschspielers bekommt?
Baumann: Ich sage: abhaken, weiter geht’s.
Frage: Das war’s?
Baumann: Bei uns in der Geschäftsstelle gibt es keinen Champagner. Aber im Ernst: Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass ein Spieler wie Robin Gosens sich für uns entschieden hat. Daran haben wir über Monate gearbeitet, vor allem Max Lüftl, unser Direktor Scouting und Transfers. Uns hat natürlich geholfen, dass er seit Kindesbeinen Schalke-Fan ist. Ich war schon beeindruckt, dass er viele Spiele in der vergangenen Saison von uns gesehen hat und genau wusste, wie wir spielen.
Frage: Neben Gosens kam auch Maximilian Wöber. Klappt der Klassenerhalt mit einem reinen Talente-Weg nicht?
Baumann: Für mich war es nie das primäre Ziel, möglichst viele Talente auf dem Platz zu haben. Auf Schalke ist es extrem wichtig und notwendig, dass wir den Spagat zwischen kurzfristigem Erfolg und zukünftigen Verkaufserlösen schaffen. Das haben wir natürlich auf dem Schirm. Und wir haben es geschafft, dass wir nicht – wie vor einem Jahr – nur einen Spieler haben, für den ein nennenswerter Transfererlös zu erzielen wäre, sondern nun mehrere, die das Interesse von anderen Vereinen geweckt haben.
Frage: An wen denken Sie?
Baumann: Soufiane El-Faouzi, Mertcan Ayhan, Adil Aouchiche, Vitalie Becker. Oder Mika Wallentowitz, den wir jetzt nach Fürth verliehen haben. Unser Ziel ist es, Werte zu schaffen. Das konnten wir umsetzen.
Frage: Gab es in diesem Sommer schon Angebote für die von Ihnen genannten Spieler?
Baumann: An uns ist relativ wenig herangetragen worden. Was aber auch damit zu tun hat, dass die Spieler sehr klargemacht haben, dass sie ihren Weg bei Schalke sehen und hier den nächsten Schritt gehen wollen.
Frage: Muss Schalke in diesem Sommer aus wirtschaftlicher Sicht einen Spieler verkaufen?
Baumann: Ja.
Der FC Schalke 04 hat den Wiederaufstieg in die Bundesliga perfekt gemacht, aber können sich die Knappen im Oberhaus etablieren? Walter M. Straten analysiert die sportliche und finanzielle Lage beim Aufsteiger.Frage: Auch einen, der viel Geld einbringt?
Baumann: Das würde uns sehr stark helfen, unsere wirtschaftlichen Ziele zu erfüllen. Die Konsequenzen sind bekannt: Wenn wir unser negatives Eigenkapital in diesem Jahr verschlechtern, ist ein Abzug von drei Punkten in der Tabelle die Folge. Deshalb gibt es da eine Notwendigkeit.
Frage: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, geht es dabei nicht um die von Ihnen genannten Spieler.
Baumann: Richtig.
Frage: Dann wird der Kreis dieser Spieler sehr klein.
Baumann: Aber es gibt sie noch.
Frage: Moussa Sylla zum Beispiel. Wäre er bei einem guten Angebot sofort weg?
Baumann: Ich werde keinen Spieler öffentlich als Verkaufskandidaten titulieren. Aber ich bin optimistisch, dass wir unsere wirtschaftlichen Ziele erreichen werden. Wir sind da auf alle Szenarien vorbereitet und haben nicht nur einen Plan A.
Frage: Sie selbst haben einen Fünfjahresvertrag bis 2030 unterschrieben. Mit dem klaren Plan, ihn zu erfüllen?
Baumann: Wenn man sich meine Karriere anschaut, habe ich jeden Vertrag erfüllt. Es gibt keinen Grund, dies nun anders zu sehen. Wichtig war und ist mir, den Verein in einem bestmöglichen Zustand zu übergeben und einen guten Zeitpunkt zu erwischen. Das ist auch hier mein Wunsch.
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