Ich gratuliere Spanien zum WM-Titel. Die Mannschaft von Trainer Luis de la Fuente war in allen Belangen die beste des gesamten Turniers – spielerisch, läuferisch und kämpferisch. Dazu mannschaftlich eine echte Einheit, mit einem Höchstmaß an taktischer Disziplin. So wird man verdient Weltmeister.
Ein paar Tage liegt die WM nun hinter uns, Zeit, Bilanz zu ziehen. Was war gut, was schlecht? Fangen wir mit dem Schlechten an – damit wir positiv enden können.
Italien war für mich die größte Blamage, weil sie gar nicht dabei waren bei den 48 Teilnehmern. Aber Deutschland kommt gleich dahinter, weil sie es wieder mal nicht fertiggebracht haben, die Qualität, die in unseren Spielern steckt, auf den Platz zu bringen. Spielerisch hat die Nationalmannschaft nicht überzeugt gegen die Elfenbeinküste, nicht gegen Ecuador und auch nicht gegen Paraguay.
Lothar Matthäus zieht WM-BilanzDas einzige Spiel, in dem sie besser war, war gegen Curaçao. Die waren aber im ersten Spiel sehr naiv, weil sie mitspielen wollten. Hätten sie ein Bollwerk aufgebaut wie in den folgenden beiden Partien, dann hätten wir auch da schon Probleme gehabt. Wäre vielleicht besser gewesen, wenn uns gleich die Augen geöffnet worden wären …
Unbegreiflich, dass man so früh nach Hause fährt
Wenn man bedenkt, dass andere kämpferisch und läuferisch überlegen waren, dann ist das auch eine Frage von Mentalität und Einstellung. Es ist für mich noch immer unbegreiflich, dass man mit diesen Spielern so früh nach Hause fährt. Die Wahrheit ist: Deutschland war schlechter als beim Vorrunden-Aus 2018 und auch 2022. Spielerisch war es sogar die schlechteste der drei letzten Weltmeisterschaften.
Apropos: In Katar hatten wir – anders als diesmal – in jedem Gruppenspiel viele Torchancen. Letztlich sind wir punktgleich und etwas unglücklich an Spanien gescheitert. Beim 1:1 gegen Spanien war unsere Mannschaft damals auf Augenhöhe, hätte sogar gewinnen können – und wäre dann nicht ausgeschieden. Und jetzt kommt’s: Elf Spieler des damaligen Spanien-Kaders sind am Sonntag Weltmeister geworden.
Der erfahrene de la Fuente hatte die Mannschaft nach dem Achtelfinal-Aus in Katar gegen Marokko übernommen und erfolgreich weiterentwickelt, erst zum Europa- und jetzt zum Weltmeister. In unserem aktuellen WM-Kader standen übrigens noch neun Profis, die 2022 schon dabei waren. Fortschritt? Gleich null! Obwohl der junge Ex-Bundestrainer Julian Nagelsmann viele Fehler gemacht hat, lag es nicht allein an ihm.
Die gleichen Fehler und Probleme
Was in den vergangenen – mindestens – dreieinhalb Jahren im deutschen Fußball schiefgelaufen ist, muss jetzt schonungslos aufgearbeitet werden. Ich bin sicher, Jürgen Klopp als neuer Bundestrainer wird dafür sorgen.
Fakt ist, wir haben diese Weltmeisterschaft weggeworfen. So wie wir sie schon 1994 in den USA weggeworfen haben, als ich selbst noch gespielt habe. Und es waren größtenteils die gleichen Fehler und Probleme. Das irritiert und ärgert mich.
Was mich bei dieser WM noch geärgert hat? Die Trump-Infantino-Show war mir zu viel! Angefangen von der Verleihung des erfundenen Friedenspreises bei der Auslosung bis hin zur gemeinsamen Übergabe des WM-Pokals an Spanien. Völlig indiskutabel ist, dass die Fifa nach Trumps Anruf bei Infantino die Rote Karte gegen den US-Stürmer Folarin Balogun ausgesetzt hat. Das hätte niemals passieren dürfen, das war Verrat am Fairplay und am Fußball.
US-Präsident Donald Trump fühlt sich offenbar auch im Rampenlicht des WM-Finals pudelwohl. Während des Siegerfotos der Spanier bleibt er einfach auf der Bühne stehen. Auch Fifa-Präsident Gianni Infantino kann die skurrile Szene nicht verhindern.Insgesamt hat mich eine gewisse Amerikanisierung des Fußballs und die extreme Kommerzialisierung gestört. Die Fifa hat den Fußball längst verkauft. Kein Mensch braucht Trinkpausen, wenigstens nicht in den überdachten und klimatisierten Stadien. Spieler können auch während der Partien trinken. Trinkpausen verändern das Spiel, plötzlich sind es statt zwei Halbzeiten vier Viertel wie beim Basketball. Und natürlich vermarkten die Fifa und die TV-Sender die Unterbrechungen – das ist der wahre Grund für deren Einführung.
Die Halbzeitshow? Unpassend
Auch die Halbzeitshow beim Finale fand ich unpassend. Tolle Künstler, tolle Musik – aber warum in der Halbzeit, die dadurch viel zu lang wurde? Warum nicht vor dem Spiel?
Schließlich die Ticketpreise. Es gab auch günstige Karten, aber offenbar verhältnismäßig wenige. Insgesamt waren die Kosten für Fans, insbesondere in den USA, zu hoch. Wahrscheinlich ist es zu romantisch gedacht, aber ich würde es schön finden, wenn Fußball Fußball bleibt – für alle.
Nach dem Viertelfinaleinzug gegen Brasilien ist die Freude bei Norwegens Spielern und Fans grenzenlos. Superstar Erling Haaland trommelt vor der Fankurve den Takt vor und lässt seine Landsleute mal wieder rudern. Sehen Sie die Szenen hier im Video.Kommen wir zu den schönen Dingen dieser WM. Da sind einmal die Fans: die rudernden Norweger, die Schotten, Engländer, Argentinier und viele mehr haben mir Spaß gemacht. Und auch deutsche Fans waren in größerer Zahl da als noch in Katar.
Insgesamt haben wir viele tolle und begeisternde Spiele gesehen. Offensiv ausgerichtete Mannschaften, spektakuläre Aufholjagden. Nicht nur die großen Mannschaften haben abgeliefert – die Nummern eins bis vier der Weltrangliste standen im Halbfinale –, sondern auch die großen Spieler haben das getan. Messi (mit Ausnahme des Finales), Mbappé, Olise, Rodri, Kane, Bellingham, Haaland, um nur einige zu nennen, haben uns Fußball-Fans große Freude bereitet.
Ich kann mir 64 Mannschaften gut vorstellen
Nicht zu vergessen die Überraschungs-Teams wie Kap Verde oder Kongo. Sie waren eine Bereicherung – und das nicht nur, weil sie so weit gekommen sind wie Deutschland und Holland.
Anfangs war ich skeptisch wegen der auf 48 Teams vergrößerten WM. Aber ohne die Erweiterung hätten wir die sogenannten Kleinen nicht erlebt. Deshalb kann ich mir auch eine WM mit 64 Mannschaften gut vorstellen. Kleiner Scherz: Dann wäre auch Italien wieder sicher dabei. Organisatorisch wäre das übrigens kein großer Unterschied, es gäbe 16 Vierergruppen, und nur die ersten beiden kämen weiter.
Ganz zum Schluss etwas Versöhnliches über die deutsche Mannschaft. Ich sehe unsere Spieler, bei welchen Topklubs sie erfolgreich spielen. Ich sehe unsere erfolgreichen Nachwuchs-Nationalmannschaften. Da ist viel Potenzial. Mir ist um die Zukunft des deutschen Fußballs nicht bange. Aber ich hoffe, dass endlich richtig gehandelt wird.
Dieser Text wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT, BILD, SPORTBILD) verfasst und erschien zuerst in SPORT BILD.
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