Die Fußball-WM geht aufs große Finale zu. Vor dem Endspiel am Sonntag blickt Wolff-Christoph Fuß auf die vergangenen Wochen zurück. Der langjährige TV-Kommentator begleitet die WM für MagentaTV, kommentierte 16 Spiele vor Ort und erlebte das Turnier zwischen sportlichen Höhepunkten, logistischen Herausforderungen und politischen Nebengeräuschen aus nächster Nähe. Der 50-Jährige spricht über sein persönliches WM-Highlight im Aztekenstadion, seine Kollegen Jürgen Klopp als neuen Bundestrainer und den besonderen Reiz eines WM-Endspiels.
Frage: Herr Fuss, Sie kommentieren am Sonntag das WM-Finale für Magenta TV. Welche Kommentatoren-Sätze aus Endspielen haben Sie im Ohr?
Wolff Fuss: Die stärkste Erinnerung habe ich an 1990. Gerd Rubenbauer sagte nach Brehmes Elfmeter zum 1:0-Sieg: „Goycochea wusste alles. Nur halten konnte er ihn nicht.“ Auch 1986 mit Rolf Kramers „Toni, halt den Ball! … Nein!“ zu Schumacher gegen Burruchaga beim 2:3 ist gleich präsent. So ein WM-Finale ist das Größte in unserem Sport.
Frage: Sie werden bis zum WM-Ende 16 Spiele kommentiert haben. Wie viele Flug-Kilometer waren es?
Fuss: Inklusive der Anreise zum Testspiel zwischen Deutschland und den USA in Chicago werden es insgesamt rund 50.000 Kilometer sein. Reiselogistisch war es eine absolute Herausforderung. Jeder Flug dauert mindestens drei Stunden, dazu die Transfers jeweils, das ist schon intensiv. In dieser Geballtheit hatte ich das noch nicht. Von den Distanzen ist diese WM eine neue Dimension. Außerdem war ich selten länger als ein, zwei Tage an einem Ort. Drei Tage im selben Hotelbett waren Luxus. Ich reise mit zwei Koffern und Handgepäck, damit ich sendefähig bin, falls mal ein Gepäckstück verloren geht.
Frage: Was war Ihr bestes Stadion-Erlebnis der WM?
Fuss: Das ist leicht: das Aztekenstadion in Mexiko-Stadt. Speziell das Achtelfinale Mexiko gegen England war wohl mein Top-Erlebnis überhaupt als Kommentator. Diese Wucht, diese Lautstärke in einem ikonischen Stadion. Das wird mir auf ewig in Erinnerung bleiben und setzte sogar noch dem Eröffnungsspiel einen drauf. Da war vor allem auch die Zeit nach dem Spiel denkwürdig.
Frage: Wieso?
Fuss: Da herrschte das komplette Chaos, kein Shuttlebus kam zum Stadion durch. Also liefen wir mit der vollen Kapelle inklusive Johannes (B. Kerner; d. Red.), Kloppo und Thomas Müller unter Marschgepäck anderthalb Stunden durch den strömenden Regen. Im Viertel ums Stadion gab es hier ein ausgebranntes Geschäft, dort einen geplünderten Stand. Es war nicht die beste Gegend, aber wir wurden von Gejohle und Applaus begleitet. Das war schon besonders. Wir waren dennoch froh, am Ende endlich den Bus erreicht zu haben.
Frage: Wie fanden Sie die US-Stadien?
Fuss: Von der Stimmung war ich wirklich positiv überrascht. Sogar die Amerikaner waren im Turnierverlauf emotional angezündet. Die Football-Stadien ohne Dach sorgten aber für ein anderes Problem: Aufgrund der frühen Anstoßzeiten schien die Sonne so stark auf unsere Monitore, dass darauf nichts mehr zu erkennen war. Um Zeitlupen sehen zu können, musste mein Kollege Thomas Herrmann mit ausgebreiteten Armen eine Jacke hochhalten und Schatten spenden. Wie Superman.
Gute Laune hilft beim KommentierenFrage: Eine Neuerung der WM sind die Trinkpausen in beiden Hälften. Störten die den Flow des Kommentierens?
Fuss: Am Anfang waren die wirklich befremdlich. Du kommst aus der Erfahrung von weit über 1000 Fußballspielen, und dann sind plötzlich mittendrin drei Minuten Pause. Da denkst du erst: Was ist hier los? Zu Beginn des Turniers habe ich zunächst vergessen, dass sie kommen, und wurde regelrecht überrascht. Ich sehe sie sehr ambivalent, mag eigentlich den natürlichen, gelernten Flow von 45 Minuten. Auf der anderen Seite nutzten manche Trainer die Pause für Umstellungen, die dann einen unmittelbaren Effekt hatten. Insgesamt sind wir historisch aber eigentlich mit den 45 Minuten am Stück ganz gut gefahren, finde ich.
Frage: Die WM brachte die kuriose Situation, dass Ihr Kollege Jürgen Klopp zum designierten Bundestrainer wurde. Wie haben Sie das erlebt?
Fuss: Ich kenne Jürgen ja bereits seit seiner Spielerzeit. Da sind unsere Lebensläufe auf unterschiedlichen Ebenen ein bisschen parallel gelaufen. Er wurde Trainer bei immer größeren Vereinen, und ich durfte stetig mehr große Spiele kommentieren. So trafen wir uns häufig und hatten immer einen guten, fast freundschaftlichen Kontakt. In den letzten Jahren ist der weniger geworden. Da war es jetzt schön zu sehen, dass er immer noch der alte „Kloppo“ ist, mit dem es total Spaß macht, sich über Fußball und das Leben zu unterhalten. Dass sich diese Dynamik dann so entwickelte, hat mich schon überrascht. Ich finde, dass Jürgen Klopp der richtige Bundestrainer zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist. Magenta hat seine Experten gut gewählt. (lacht)
Frage: Er wurde für seinen Kommentar zu WM-Beginn kritisiert, dass Nagelsmann „noch“ die Nationalelf aufstelle …
Fuss: Ich habe ihn so wahrgenommen, dass er sich vom Start weg keinerlei Gedanken darüber gemacht hat, in absehbarer Zeit Bundestrainer zu werden. Das „noch“ war einfach ein Flachs. Er reiste auch als Fan der Nationalmannschaft an. Vor dem ersten Spiel besprachen wir uns, ob er sich da im Trikot vor die Kamera stellen könne. Ich meldete meine Bedenken an, sagte aber: „Es ist ein freies Land, mach, was du für richtig hältst.“ Schließlich trug er eine Jacke über dem Trikot. Er wünschte dem Team den maximalen Erfolg, fieberte mit, jubelte mit, war aufrichtig enttäuscht, ohne jeden Hintergedanken. Erst dann kam diese Dynamik, die er nur bedingt beeinflussen konnte.
Frage: Wie haben Sie US-Präsident Donald Trump wahrgenommen, der sich bei der Roten Karte für den US-Spieler Balogun einmischte?
Fuss: Das ist der ganz große Makel und Schatten, der über dieser WM hängt. Wenn ein Regierungschef beim Fifa-Präsidenten anruft und einen Platzverweis hinterfragt, hat das für mich dann auch mit Sport nichts mehr zu tun. Damit torpediert er den Fußball. Wird jetzt jeder Platzverweis infrage gestellt? Was mich überrascht hat, war, dass Trump sich über das Turnier hinweg sonst nie zum Fußball geäußert hat oder sich blicken ließ. Ich hätte gedacht, dass er versuchen würde, die Euphorie der Amerikaner für sich zu nutzen.
Nach dem Sieg gegen England und seinem entscheidenden Treffer im WM-Halbfinale zeigt sich Lautaro Martínez plötzlich emotional. Das Interview im Video.Frage: Sie haben während der WM am 23. Juni Ihren 50. Geburtstag gefeiert. Gab es eine Party?
Fuss: Ich lud unsere Crew in Dallas in einen Saloon ein. Jürgen Klopp und Thomas Müller hielten die Geburtstagsreden. Wir hatten einen wunderbaren Abend.
Frage: Zwischendurch ging es einmal kurz nach Deutschland zurück. Wieso?
Fuss: Meine Tochter hatte ihren achten Geburtstag. Normalerweise hätte es nicht funktioniert, aber da Deutschland so früh ausgeschieden war, bot sich plötzlich ein Zeitfenster. Damit ich den Flug bekomme, durfte auch England gegen Kongo nicht in die Verlängerung gehen. Das klappte, und so ging es nach München, wo ich dann alle überraschte. Die fielen aus allen Wolken, als sie mich sahen. Schön, dass ich die wirklich wesentlichen Dinge auch noch erledigen konnte.
Dieser Text wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT, BILD, SPORTBILD) verfasst und erschien zuerst in SPORT BILD.
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