Das letzte Kapitel musste der Kapitän schließen. Harry Kane hat sich nach dem geplatzten Traum vom WM-Titel mit bewegenden Worten an die englischen Fans gewandt. „Keine Worte sind im Moment stark genug, um dieses Gefühl der Leere im Magen zu überwinden“, schrieb der 32 Jahre alte Fußballprofi des FC Bayern auf der Plattform X. Er wisse um die berechtigten hohen Erwartungen: „Wir klopfen nun schon seit acht Jahren an die Tür, aber wieder fehlt uns das letzte Puzzlestück!“

Durch das 1:2 gegen Argentinien verpassten die Engländer den erhofften zweiten WM-Titel nach 1966. Wie 2018 scheiterten sie im Halbfinale, 2022 war im Viertelfinale Endstation. Die Titelhoffnungen bei Europameisterschaften waren 2021 und 2024 erst im Finale geplatzt. „Wir waren nah dran, wirklich nah an einem weiteren Finale, aber es hat nicht gereicht. Wir haben in den vergangenen sieben Wochen alles gegeben, und dass es nicht gereicht hat, ist schwer zu verkraften“, schrieb Kane.

Dennoch sei er „stolz auf die Jungs“, teilte der bei dieser WM sechsmalige Torschütze mit. Er wolle weiter nach Ruhm streben und dafür kämpfen. „Hinfallen, wieder aufstehen und es erneut versuchen – genau das werden wir tun“, versprach Kane der gegen Argentinien allerdings kaum glänzen konnte.

Kaum lagen die Engländer vorn, begann das große Zittern

Die nun herausgekommenen Spieldaten zeigen, dass nach der Führung auch bei keinem anderen seiner Mitspieler nur ansatzweise der Hauch eines Bravourstücks gelang – die Statistik ist für England ein Albtraum, aus dem das Team bis zum Schlusspfiff nicht mehr erwachte.

England führte im Halbfinale nach dem Treffer von Anthony Gordon (55.) mit 1:0 – und gab das Spiel trotzdem komplett aus der Hand. Nahezu unglaublich, was nach dem Tor passierte. Kaum lagen die Engländer vorn, begann das große Zittern. Zwischen Gordons Treffer zum 1:0 und dem späten Siegtreffer von Argentiniens Lautaro Martínez (90.+2.) hatten Kane & Co., nur noch zwölf Prozent Ballbesitz. Heißt: Fast 40 Minuten lang spielt praktisch nur noch Argentinien.

Nach der Niederlage gegen Argentinien im WM-Halbfinale wird die Kritik an Trainer Thomas Tuchel immer lauter. Auch die Experten in England sehen taktische Fehler nach der englischen Führung. „Aber die Spieler hinten hätten auch besser verteidigen können“, sagt Thomas Helmer.

Die Titelverteidiger schnürten England am eigenen Strafraum ein. Flanke um Flanke segelte in den Sechzehner, Schuss um Schuss flog auf Jordan Pickfords Tor. Die Folge: Nach der 55. Spielminute spielte die Elf von Thomas nur noch 18 Pässe in der gegnerischen Hälfte. Argentinien kam dagegen auf 193. Insgesamt spielte England nach der Führung gerade einmal 73 Pässe, Argentinien fast viermal so viele.

Auch offensiv fand England mit den Superstars Kane und Jude Bellingham praktisch nicht mehr statt. Der Expected-Goals-Wert nach der Führung beträgt mickrige 0,09. Nur zwei Ballkontakte hatten die Engländer im argentinischen Strafraum. Zum Vergleich: Argentinien samt Superstar Lionel Messi sammelte 18 Ballkontakte im englischen Sechzehner und erspielt sich einen xG-Wert (Expected Goals) von 1,78.

Tuchel hatte den Kontrollverlust erkannt und reagiert. Mit Ezri Konsa, Nico O'Reilly und Dan Burn brachte er gleich drei Defensivspieler. Zwischen der 82. Minute und dem Schlusspfiff standen zeitweise sogar sechs Verteidiger auf dem Platz. Doch der Plan ging nach hinten los. Erst traf Enzo Fernández traumhaft zum Ausgleich (85.), dann köpfte Joker Lautaro Martínez nach perfekter Messi-Flanke in der Nachspielzeit zum 2:1 ein. Englands Traum vom ersten WM-Sieg seit 1966 war damit jäh geplatzt.

Nach dem Sieg gegen England und seinem entscheidenden Treffer im WM-Halbfinale zeigt sich Lautaro Martínez plötzlich emotional. Das Interview im Video.

Für England geht es am Samstag (23.00 Uhr, im Sport-Ticker der WELT und bei MagentaTV) gegen Frankreich noch um Platz drei. Die EM 2028 findet dann in England, Schottland, Wales und Irland statt.

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