Es gibt drei Worte, die in diesen Tagen zu einem großen Vergleich herausfordern: „Ich bin bereit!“

Gesagt hat sie Franz Beckenbauer 1984, als er sich von den „Bild“-Kollegen, für die er als Kolumnist arbeitete, überreden ließ, Teamchef der deutschen Nationalmannschaft zu werden. Gesagt hat diese drei Worte jetzt auch Jürgen Klopp, der sich mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) über einen Vertrag als neuer Bundestrainer bis 2030 einig ist. Noch begleitet er die WM als Experte für Magenta TV.

Dezember 2012: Jürgen Klopp (l.) als BVB-Trainer neben Kollege Jupp Heynckes vom FC Bayern und Sky-Experte Lothar Matthäus

Ich sehe noch viel mehr Parallelen. Was Beckenbauer und Klopp vor allem gemeinsam haben, ist ihre Ausstrahlung. Ihre internationale Strahlkraft. Allerdings hat die bei beiden sehr unterschiedliche Ursprünge.

Franz hatte damals – knapp ein Jahr nach seinem Karriereende – einen Ruf wie Donnerhall. Er war der alles überragende, technisch brillante und elegante Libero gewesen. Mit scheinbarer Leichtigkeit hatte er alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Europameister, Weltmeister, mehrmals Deutscher Meister und Europa­pokalsieger. Von allen bewundert und verehrt.

Wir Spieler haben zu ihm aufgeschaut, er war unser Idol. Und einmal ausgesprochen, war sein Wort Gesetz. Jedoch hatte Franz eine besondere Gabe, seine Mannschaften zu lenken – nämlich, indem er uns Führungsspieler in seine Entscheidungen einbezog.

Sein Image war, ihm falle alles zu. In Wahrheit hat er sich immer akribisch auf jeden Gegner vorbereitet. Er hat um Meinungen gefragt, und er war durchaus in der Lage, seine eigene zu ändern. Franz war ehrgeizig und emotional. Er konnte jähzornig sein, aber genauso einfühlsam und sogar auch unsicher.

„Rudi, gib mir Bescheid“

Ich erinnere mich, dass es ihm manchmal schwerfiel, Spielern harte Entscheidungen mitzuteilen, etwa vor unserem Halbfinale 1990 gegen England, als es einige Änderungen in der Startelf gab. Insgesamt schaffte Franz eine fast einzigartige Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens.

Ein Beispiel: Rudi Völler war vor dem Finale 1990 gegen Argentinien angeschlagen, es gab Zweifel, ob er spielen könnte. Franz überließ ihm die Entscheidung, sagte in etwa: „Rudi, gib mir Bescheid bis so und so viel Uhr. So machen wir es dann.“ Rudi spielte und holte den entscheidenden Elfmeter raus.

WM-Finale 1990: Das Foul an Rudi Völler (l.) führt zum entscheidenden Elfmeter

Franz Beckenbauer war immer authentisch, immer verlässlich, und er hatte eine klare Linie. Zur Wahrheit gehört natürlich auch, dass er sich seit seinem Amtsantritt als Teamchef entwickelt hat. Dass auf Anhieb alles perfekt ist, das gibt es nicht.

Franz war sehr eloquent, aber sicherlich ist ihm auch mal das eine oder andere unbedachte Wort herausgerutscht. Wie dem ebenfalls redegewandten Klopp, als er am Anfang der WM davon sprach, dass Julian Nagelsmann die Aufstellung mache – noch! Klopp muss da schon klar gewesen sein, dass er der Top-Favorit auf die Nachfolge ist, wenn es schiefgeht.

Klopp steht für ehrliche Arbeit

Jürgen Klopps Strahlkraft hat andere Quellen als bei Franz. In der Öffentlichkeit ist Klopp eben auch deshalb so beliebt, weil er als Spieler bei Weitem nicht so begnadet und erfolgreich war wie Franz – es aber trotzdem ganz nach oben geschafft hat. Bei den Fans gilt er als einer von ihnen; er verkörpert den durch ehrliche Arbeit wahr gewordenen Traum vom Aufstieg.

Als Trainer ist er allerdings viel weiter, als Franz es 1984 war. Wobei Franz eigentlich gar kein Trainer war. Er hat nie einen Trainerschein gemacht. Er gab Richtung, Taktik und Strategie vor, hatte aber immer ein starkes Trainer-Team um sich herum, an das er Aufgaben wie Trainingsübungen delegierte. Das wird bei Klopp nicht viel anders sein.

Seinen enorm guten Ruf in der Branche verdankt Klopp seinen Erfolgen als Trainer. In Mainz, wo er 2001 als noch aktiver Abwehrspieler – und studierter Sportwissenschaftler – in der zweiten Liga zunächst als Interims-­Coach einsprang und dann den Klub 2004 in die Bundesliga führte. Danach erst machte er übrigens seine Fußballlehrer-Lizenz.

Dann natürlich Borussia Dortmund mit Schale, Pokal und Champions-League-Finale. Und schließlich sein internationales Meisterstück beim FC Liverpool mit Champions-League-Sieg, Meisterschaft und Pokalsieg. Trotz aller Rückschläge, die es mit seinen verlorenen Endspielen auch gab, ist Klopp sich selbst und seiner Linie immer treu geblieben. Auf diese Weise hat er sich weltweit höchste Anerkennung verdient.

Wenn Jürgen Klopp neuer Bundestrainer wird, muss er entscheiden, wer seine Nummer eins im Tor sein soll. Mit Jonas Urbig gibt es einen Kandidaten, der aktuell bei Bayern allerdings keinen Stammplatz hat.

Ein sichtbarer Ausdruck dafür ist, wenn jetzt bei der WM Superstars wie Ibrahimović aus Spaß seine Interviews crashen oder Messi und Mbappé ihn am Spielfeldrand abklatschen. Spieler, die einst Gegner seiner Mannschaften waren oder mit denen er über Transfers verhandelt hat, wie mit Mbappé. Alle begegnen ihm voller Respekt.

Klopp hat sich einst der Öffentlichkeit beim FC Liverpool mit den Worten „I am the normal one“ vorgestellt. Damals war das mit Augenzwinkern eine Reaktion auf José Mourinho, der sich selbst als „The special one“ gelobt hatte. Klopp hat dann bewiesen, dass man auch als „normal one“ zugleich ein „special one“ sein kann. Dass er normal ist und trotzdem ganz besonders.

Verlässlichkeit – auch dafür steht Jürgen Klopp

Charisma, Authentizität, Verlässlichkeit und eine klare Linie, menschlich wie fußballerisch – dafür stand Franz Beckenbauer. Und dafür steht auch Jürgen Klopp.

Klopps Mannschaften waren nie abhängig von einem oder wenigen absoluten Superstars. Sie haben immer dadurch überzeugt, dass sie wirklich funktionierende Mannschaften waren. Die variabel agierten, auch mal auf Konter spielten, falls nötig. Die körperlich robust und zweikampfstark auftraten und für ihren Trainer marschierten. Schonen konnten sich Klopps Spieler nie.

Das erwarte ich künftig auch vom Bundestrainer Jürgen Klopp. Er muss eine Mannschaft aufbauen, in der sich die Spieler wieder auf ihren Positionen wohlfühlen, wo sie ihre Qualitäten am besten zur Geltung bringen können. Die Balance zwischen Defensive und Offensive muss deutlich besser werden.

Ebenso die Körperlichkeit. Nur mit Fliegengewichten gewinnt man keine Meisterschaften. Genauso muss Klopp das Leistungsprinzip wieder in Kraft setzen und strikt durchziehen. Klopp ist bekannt für die Nähe zu seinen Spielern, und er wird – wie Franz – auch nahbar sein für die Nationalspieler. Aber Geschenke wird es bei ihm ebenfalls nicht geben, da bin ich sicher.

Franz Beckenbauer (l.) und Berti Vogts während der WM 1986 in Mexiko

Franz Beckenbauer hat zwei Jahre gebraucht, um uns ins WM-Finale 1986 zu führen. Zwei weitere bis ins Halbfinale bei der Heim-EM 1988. Und nach insgesamt sechs Jahren mit ihm waren wir Weltmeister. Klopps Vertrag soll vier Jahre bis zur WM 2030 gelten.

Zu wenig Zeit für den ganz großen Erfolg? Ich sage: Wir haben keine schlechten Spieler, im Gegenteil. Wir haben in der Nationalmannschaft schon jetzt sehr großes Potenzial. Und auch in der Zukunft, gerade wenn ich die Ergebnisse der U21, U19 und U17 in den letzten Jahren sehe. Man muss dieses Potenzial konsequent entwickeln, mit einer klaren Idee und einem guten Konzept.

Allerdings: Nur mit jungen Spielern geht es nicht, man braucht auch erfahrene Führungsspieler. Ich traue Jürgen Klopp absolut zu, dass er der richtige Trainer ist, um beides erfolgreich zusammenzuführen.

Der Text wurde für das Sportkompetenzcenter (BILD, SPORTBILD, WELT) verfasst und erschien zuerst in SPORTBILD.

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