Er scheut sich nicht, die Dinge beim Namen zu nennen. In sechs Jahren, die Per Mertesacker beim ZDF bereits als Experte tätig ist, hat er das mehrmals unter Beweis gestellt. Schonungslos rechnete er gerade mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nach dem WM-Aus ab.
Der Weltmeister von 2014 sprach von einem selbstverschuldeten Desaster – und resümierte nach dem WM-K.o. im Sechzehntelfinale im Elfmeterschießen gegen Paraguay: „Für die, die es noch nicht kapiert haben: Wir haben gegen die schwächste Mannschaft aus der Vorrunde gespielt und es nicht geschafft, mehr als zwei Chancen in 120 Minuten zu bekommen.“ Klare Worte des 41-Jährigen, die es in solchen Situationen braucht, wenn man etwas ändern will.
Es ist gut möglich, dass Mertesacker das bald aktiv tut. Wie es ausschaut, wird der frühere Innenverteidiger in verantwortlicher Position beim Neuaufbau im deutschen Fußball mithelfen. Der Vater von fünf Kindern ist für einen Posten im Verband im Gespräch und hat auch Lust anzupacken. „Irgendwie mal beim DFB zu arbeiten, dem deutschen Fußball, dem ich auch so viel zu verdanken habe, mal was zurückzugeben, wenn das gewünscht ist, dafür stehe ich natürlich zur Verfügung“, sagte er kürzlich beim ZDF. Und stieß damit auf offene Ohren.
Unter Klinsmann feiert Mertesacker sein Debüt im Nationalteam
Als Rudi Völler eine Woche nach dem WM-Aus verkündete, seinen bis 2028 datierten Vertrag beim DFB als Sportdirektor zu erfüllen, ließ er wissen, dass er sich die 2014er-Weltmeister in entscheidender Rolle beim DFB wünscht. „Die Generation ist auch ein bisschen in der Pflicht, vielleicht mal Verantwortung zu übernehmen“, sagte der 66-Jährige in einer Medienrunde: „Da gibt es welche, die nach mir oder auch mit mir Thema werden können.“ Völler nannte keine Namen, aber er dürfte auch an Mertesacker gedacht haben, der seinen Durchbruch als Spieler erlebt hatte, als der deutsche Fußball am Boden lag.
2004 war das. Mit Völler als Teamchef war die Nationalmannschaft damals bei der EM in Portugal in der Vorrunde ausgeschieden. Völler trat zurück – und machte den Weg für einen Neuanfang frei. Der DFB verpflichtete Jürgen Klinsmann als Bundestrainer. Der frühere Weltklasse-Stürmer und Weltmeister von 1990 trat mit vielen Ideen und neuen Trainingsmethoden an – und setzte auf junge Spieler. Einer davon: Mertesacker.
Per Mertesacker (2. v. l.) während eines Spiels mit dem FC Arsenal gegen den FC EvertonDer knapp zwei Meter große Innenverteidiger spielte damals bei Hannover 96. Er hatte knapp 20 Bundesliga-Einsätze, als Klinsmann ihn in die Nationalmannschaft berief und ihn in Teheran am 9. Oktober 2004 zu seinem Debüt in der A-Mannschaft verhalf. Bis zum Ende seiner Laufbahn im Nationalteam im Sommer 2014 bestritt Mertesacker, der später für Werder Bremen und Arsenal London spielte, insgesamt 104 Länderspiele.
Der Innenverteidiger war stets eine verlässliche Größe. Mertesacker bestach auf dem Platz durch resolutes Zweikampfverhalten und gutes Stellungsspiel. Abseits des Platzes schätzten die Trainer seinen Charakter und den Blick für das große Ganze. Wie wichtig ihm Letzteres immer schon gewesen ist, unterstreicht eine Begebenheit von der WM 2014, die der damalige Weltmeistertrainer Joachim Löw später bei WELT AM SONNTAG ausführlich erzählte.
Löw über das WM-Viertelfinale 2014
… Deutschland hatte Algerien in einem kräftezehrenden Achtelfinale 2:1 nach Verlängerung besiegt. Nun stand das Viertelfinale gegen Frankreich an. Löw bespricht sich vor der Partie mit Kapitän Philipp Lahm, der auf die rechte Seite weichen soll, da Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira genesen und bereit sind, zusammen vor der Abwehr zu spielen. In der Innenverteidigung will Löw damals ebenfalls etwas ändern – und so führt er vor dem Viertelfinale gegen die Franzosen eins der schwersten Gespräche seiner Karriere. Mit Mertesacker, „der bis zu diesem Zeitpunkt fast an die 100 Länderspiele gemacht hat, ohne dass er mich enttäuscht hat. Er war immer da, fokussiert, verlässlich. Aber darum ging es nicht. Es ging um das Spiel gegen Frankreich und darum, was das Beste für die Mannschaft ist. Wir brauchten hinten Schnelligkeit, also habe ich mich gegen Per und für Jerome Boateng entschieden.“
Am Ziel: Per Mertesacker 2014 mit WM-PokalLöw findet in der Nacht vor dem Gespräch kaum in den Schlaf. Er ist aufgewühlt. Dass er Mertesacker, „einem so starken Typen und Charakter“, sagen muss, dass er in so einem wichtigen Spiel nicht von Anfang an dabei sein wird, beschäftigt ihn sehr. Löw überlegt, wie er dem Verteidiger die Nachricht am besten überbringt. Nach der Teamsitzung bittet er Mertesacker, dass er noch einmal zu ihm kommen müsse. „Ich glaube, er hatte es geahnt. Per war völlig am Boden. Er meinte später mal, dass er die ganze Nacht danach nicht geschlafen habe. Ich saß da und meinte, dass wir für morgen eine andere Lösung haben, dass er nicht spielen würde. Als ich anfangen wollte, es ihm zu begründen, hat er mich unterbrochen. Trainer, meinte er, Sie müssen mir jetzt keine Begründung geben. Es ist für mich brutal, ich will nichts hören. Ich muss es erst einmal verdauen, aber eins muss ich noch sagen: Ab morgen können Sie sich auf mich verlassen. Ich werde alles für die Mannschaft tun, was möglich ist. Ich will nur Weltmeister werden, sonst nix. Ich werde nicht nachlassen. Dann sagte er noch, Danke, Tschüss und ist gegangen. Ein herausragendes Beispiel für einen Spieler, der für die Mannschaft alles tut.“
Löw ist niedergeschlagen. Es tut ihm leid für Mertesacker: „Was für ein Scheißjob“, denkt sich der Bundestrainer – und ist am Tag des Spiels völlig perplex. Er kommt vor dem Anpfiff in die Kabine, sieht und hört, wie Mertesacker die Mitspieler anpeitscht. Während des Spiels reicht er den Kollegen auf dem Platz immer wieder Wasser. Er feuert an, muntert auf. Löw berührt das sehr. „Er weiß, was es heißt, für eine Mannschaft da zu sein. Er hat sein Ego hinten angestellt und gelebt, dass die, die auf dem Platz stehen, seine Partner sind, für die er da sein muss“, denkt sich Löw: „Was für eine Persönlichkeit. Das ist Führungsstärke.“
Genau auf diese Qualitäten setzen sie nun beim DFB. Offizielle Gespräche sollen bald geführt werden. Mertesacker wird bis zum WM-Finale noch zweimal für das ZDF im Einsatz sein: beim Halbfinale zwischen Spanien und Frankreich sowie beim Endspiel am Sonntag. Dann endet möglicherweise seine Tätigkeit als TV-Experte. Vor seiner Zeit beim ZDF hatte er von 2018 an zwei Jahre für den Streamingdienst DAZN gearbeitet.
Per Mertesacker beim Training mit einem jungen FußballerIn der Akademie des FC Arsenal bestand seine Hauptaufgabe darin, vielversprechende Talente zu betreuen, auszubilden und gezielt auf den Profifußball vorzubereiten. Dabei legte er großen Wert auf die ganzheitliche Entwicklung junger Spieler – sowohl auf dem Platz als auch abseits davon.
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Mertesacker verantwortete den gesamten Übergangsbereich der Jugendspieler, um sie systematisch an die erste Mannschaft und den harten Profifußball heranzuführen. Für jeden Jahrgang gab es unter Mertesacker ein Trainerteam, zudem engagierte er einen sogenannten „Loan-Manager“, der sich um das Verleihen von Talenten kümmert, damit diese andernorts Spielpraxis sammeln können. Mertesacker stellte Scouts ein, die für die jeweiligen Jahrgänge Ausschau nach potenziellen Kandidaten halten – weltweit. Zudem wurde unter seiner Leitung ein Verantwortlicher für alle Torhüter eingestellt sowie ein Chef für den Bereich Sportwissenschaft und Medizin.
Der gebürtige Niedersachse hat ein bestelltes Feld in London hinterlassen – und bringt gute Voraussetzungen mit, um Veränderungen beim DFB voranzutreiben. Wie auch im Fall des designierten Bundestrainers Jürgen Klopp gibt es viele Fußballgrößen, die einen Einstieg Mertesackers im Verband begrüßen. „Einen Per Mertesacker kann ich mir gut vorstellen. Der hat beim FC Arsenal sehr erfolgreich gearbeitet“, sagte Pierre Littbarski, Weltmeister von 1990. Stefan Effenberg bezeichnete Mertesacker als eine tolle Idee: „Das macht Sinn. Du brauchst mehr Fachkompetenz in dem Team. Das ist ganz wichtig für den Aufbau von unten.“
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