Thomas Helmer sieht die Ursachen für das erneute Scheitern der deutschen Nationalmannschaft deutlich tiefer als in einer missglückten Weltmeisterschaft. Der Europameister von 1996 spricht von einem grundlegenden Mentalitäts- und Strukturproblem – und fordert einen Kulturwandel im deutschen Fußball.
„Nein, wir sind nicht mehr Weltspitze. Das müssen wir uns eingestehen“, sagte Helmer im Interview mit Sport1. Nicht die fehlende Qualität des Kaders habe ihn am meisten erschüttert, sondern etwas anderes: „Was mich erschrocken hat, ist nicht, dass wir leistungsmäßig oder in der Breite nicht die besten Spieler haben – sondern mich hat die Einstellung, der Wille, dieses Nicht-Aufgeben, was wir sonst immer hatten, gestört.“
Gerade die vermeintlich kleineren Nationen hätten bei der Weltmeisterschaft gezeigt, worauf es im modernen Turnierfußball ankomme. „Die vermeintlich kleineren und spielerisch schwächeren Mannschaften haben zumindest alles gegeben“, sagte Helmer. Als Beispiel nannte er Belgien. Die Mannschaft habe zwar spielerische Grenzen, halte Spiele aber durch Einsatz und Leidenschaft offen. Genau das habe ihm bei Deutschland gefehlt.
Stellenwert des DFB-Teams sinkt
Besonders nachdenklich stimmt den früheren Nationalspieler der Stellenwert der DFB-Auswahl. „Bei uns habe ich manchmal das Gefühl, es ist nichts Besonderes mehr, Nationalspieler zu sein“, sagte Helmer. Für ihn selbst sei jede Einladung zur Nationalmannschaft das Größte gewesen – „egal ob gegen Luxemburg oder Brasilien“.
Als positives Gegenbeispiel führte er Norwegen an. Dort funktioniere das Kollektiv auch dann, wenn Superstar Erling Haaland einmal abtauche. „Und das zeichnet eine große Mannschaft aus.“
Vorbild für Deutschland? Die norwegische Nationalmannschaft um Erling Haaland (2.v.l.)Von Jürgen Klopp erwartet Helmer nun den dringend benötigten Neuanfang. Der designierte Bundestrainer könne den Spielern genau jene Mentalität vermitteln, die zuletzt gefehlt habe. „Ich glaube, dass er die Jungs einfangen kann und ihnen die richtige Mentalität und die Einstellung einimpft, die wir zuletzt vermisst haben“, sagte Helmer. Zwar werde auch Klopp keine unbegrenzte Auswahl an Topspielern zur Verfügung haben, „aber ich glaube, dass er aus fast allen Spielern noch viel rausholen kann“.
Helmer fordert Verjüngung
Gleichzeitig sprach sich Helmer gegen einen radikalen Umbruch aus. Vielmehr müssten junge Spieler behutsam aufgebaut werden. Als Beispiele nannte er Lennart Karl, Tom Bischof, Kevin Schade und Yann Aurel Bisseck. Kritik übte er in diesem Zusammenhang an Julian Nagelsmann. Der frühere Bundestrainer habe junge Spieler zu schnell fallen gelassen. Er führte Nnamdi Collins an, der nach einem schwachen Länderspiel keine weitere Chance erhalten habe.
Auch Per Mertesacker hält Helmer für eine geeignete Besetzung in einer führenden Rolle beim DFB. Der Weltmeister von 2014 habe bei Arsenal internationale Erfahrung gesammelt und sei „ein kluger Kopf“, der „wirklich etwas erreichen möchte“.
Die DFB-Spitze ist zu einem Treffen mit Jürgen Klopp nach New York gereist. Auch sein Gehalt als möglicher Bundestrainer wird dabei Thema sein. Die bisher diskutierten Summen seien für den Fall, dass Klopp als Bundestrainer Erfolg habe, „sogar noch gering“, sagt Jens Lehmann.Grundsätzliche Veränderungen fordert Helmer vor allem im Nachwuchsbereich. Dort stellt er die Ausbildung und einzelne Reformen des DFB infrage. Besonders kritisch äußerte er sich über das im Kinder-Fußball eingeführte Funino-System – dabei wird im 3-gegen-3 auf vier Mini-Tore gespielt. „Das erschließt sich mir bis heute nicht“, sagte Helmer. Er frage sich, wie sich Persönlichkeiten entwickeln sollten, wenn jungen Spielern Wettbewerb, Gewinnen und Verlieren zunehmend genommen würden.
Für den ehemaligen Nationalspieler beginnt die Aufarbeitung deshalb nicht erst bei der A-Nationalmannschaft. Deutschland müsse Geduld entwickeln und zugleich wieder stärker auf die Grundlagen des Spiels setzen. Dabei erinnerte sich Helmer an eine Aussage seines früheren Trainers Giovanni Trapattoni: „Thomas, die kleinen Situationen entscheiden das Spiel.“ Gemeint seien Standards, Einwürfe und andere Basics. „Manchmal ist Fußball auch ganz einfach, und da sollten wir wieder dran denken.“
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