Die Veranstaltung dauerte eine Stunde – doch ihr Erkenntnisgewinn war begrenzt. Wie auch: Der offizielle WM-Kader der Nationalmannschaft war ja größtenteils schon vorher bekannt. Und auch von Aufbruchstimmung war nicht viel spüren. Das haben sich der DFB und Julian Nagelsmann selbst zuzuschreiben. Denn die vergangenen Wochen wirkten am Donnerstag nach. Die scheibchenweise durchgesickerten Spielernamen, der herumeiernde Bundestrainer – all dies war kommunikativ suboptimal.

Das hat dazu geführt, dass Nagelsmann schon drei Wochen vor Beginn der WM in der Defensive ist. Daran hat auch sein Auftritt von Donnerstag nichts geändert. Er wird eher als Versuch in Erinnerung bleiben, zumindest einiges von dem, was ihm und den Menschen, die ihn beraten, in den vergangenen Wochen verrutscht war, zu reparieren. Doch das gelang nur zum Teil.

„Generell bin ich über weite Strecken mit meiner Kommunikation zufrieden. Aber es gibt immer Dinge, die man am Tag x retrospektiv anders bewerten kann und sagen könnte: Hätte man besser machen können. Aber das heißt nicht, dass sie dann auch besser wären.“ Aha.

Es waren viele Worte, die Nagelsmann auch diesmal benutzte. Er ist halt kein Carlo Ancelotti, der in vier Minuten den kompletten brasilianischen Kader herunter rattert: Position, Spielername, Verein – fertig. Aber auch der DFB mit seinem Hang zur Überinszenierung hängt mit drin. Statt einfach den Kader zu benennen, den ja ohnehin fast schon jeder kannte, wurde ein Filmchen gezeigt, in denen Mütter, Väter, Frauen, Geschwister und Kinder der WM-Fahrer etwas sagten. Okay, das ist Geschmacksache.

Nagelsmann hätte einfach sagen können: „Das war Mist“

In jedem Fall aber hat Nagelsmann eine Chance vertan. Nämlich die, im Hinblick auf vergangenen, turbulenten Wochen einfach zu sagen: „Das war Mist“. Das Auditorium am DFB-Campus – und auch die deutsche Öffentlichkeit – wären mehr als bereit gewesen, dies zu akzeptieren und nach vorne zu schauen.

Stattdessen erklärte er umständlich seinen Anspruch, bestimmte Spieler über den jeweiligen Stand ihrer Nominierungschancen oder ihrer Einsatzchancen bei der WM vorab zu informieren. Und ja, er ließ auch durchblicken, dass dies mit dazu beigetragen hat, eine sich über Wochen hinziehende Debatte loszutreten, die nicht nur vermeidbar gewesen wäre, sondern auch die Stimmung gewaltig belastet hat.

Vor allem die Art und Weise, wie er die Kehrtwende in der Torwartfrage vollzogen hat, ist vielen übel aufgestoßen – und dürfte für Oliver Baumann, der nun doch nur die Nummer zwei hinter Manuel Neuer ist, eine schwere Enttäuschung gewesen sein. Da helfen auch die bunten Socken nicht, die Nagelsmann am Donnerstag trug – und die ihm Baumann geschenkt hatte.

Nein, ein Befreiungsschlag in eigener Sache war das nicht. Dabei hätte der Bundestrainer den nach seinem halbherzigen Auftritt im ZDF-Sportstudio vom Samstag dringend gebraucht. Und die Chance war da. Nagelsmann hätte es menscheln lassen können – und es mit einem Appell verbinden können. Nach dem Motto: „Kommt Leute, jetzt blicken wir aber nach vorne.“ Er hätte versuchen können, eine Aufbruchstimmung, eine Vorfreude auf die WM zu erzeugen. Das Land sehnt sich danach.

Doch das tat Nagelsmann nicht. Auch, weil ihm die Einsicht in die Notwendigkeit dazu fehlt. „Ich weiß nicht, ob es mein Job ist, vorneweg für Euphorie zu sorgen“, sagte er. Das sollte ein Bundestrainer aber wissen.

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