Wenn sich Fans für einen Fußballer einen eigenen Liedtext einfallen lassen, muss er schon einen besonderen Eindruck auf sie gemacht haben. „Ohhh Julian Schuster, du alter Gauner“ – so beginnt der Song. Dann wird der 41-Jährige für die Tugenden gefeiert, die ihn auszeichneten, als er einst für den SC Freiburg im defensiven Mittelfeld geackert und das Team als Kapitän geführt hat. „Unser Capitano legt sich gern in den Dreck, morgens isst er Müsli, abends geht er früh ins Bett“, heißt es da. Der Song wurde sehr oft im Dreisamstadion zur Aufführung gebracht.
Müsli isst Schuster immer noch, sein Arbeitsethos ist nach wie vor über jeden Zweifel erhaben – nur in den Dreck muss er sich nicht mehr werfen. 2024 hat er als Cheftrainer Christian Streich beerbt. Und seit einigen Wochen ist dann auch der alte Gassenhauer wieder zu hören – anlässlich des sensationellen Siegeszuges des Sportclubs in der Europa League.
Der Trainer Schuster hat in Freiburg tatsächlich etwas geschafft, was sich immer noch irgendwie unwirklich anfühlt: Er hat in seinem zweiten Jahr die Freiburger zum ersten Mal in ihrer Historie in ein europäisches Finale geführt. Am kommenden Mittwoch trifft der SC Freiburg in Istanbul auf Aston Villa (21 Uhr/live RTL). Der Verein vom südwestlichen Rand der deutschen Fußballlandkarte greift nach den Sternen – und, sollte der Pott gewonnen werden, nach seiner ersten Teilnahme an der Champions League.
Watzke: „Außergewöhnlich, was der SC Freiburg erreicht hat“
Die Aussicht darauf hat große Emotionen ausgelöst. In 15 Minuten war das 11.000 Ticket-Kontingent, das den Freiburgern für das Tüpras-Stadion zugestanden worden war, vergriffen. Viele Fans wollen deshalb auch ohne Karte an den Bosporus reisen, um zumindest in der Nähe zu sein. Ganz Verrückte haben sich sogar mit dem Fahrrad auf den Weg gemacht. Der Breisgau geht steil – und Fußball-Deutschland drückt die Daumen.
Nach einem weiteren magischen Fußball-Abend inklusive Roter Karte, Doppelpack und Traumtor steht der SC Freiburg erstmals in einem internationalen Finale.„Es ist außergewöhnlich, was der SC Freiburg erreicht hat. Um das zu schaffen, musst du schon eine Reihe von Jahren sehr gute Arbeit machen. Im letzten Jahr standen Manchester United und Tottenham im Europa League-Finale. Die Freiburger sind größer, als sie sich selbst machen“, sagt Hans-Joachim Watzke gegenüber WELT AM SONNTAG. Für den Aufsichtsratschef der Deutschen Fußball Liga (DFL) würde eine gute Leistung des letzten internationalen deutschen Vertreters, geschweige denn ein Sieg, auch den Wert der Bundesliga unter Beweis stellen – und in diesem speziellen Fall auch deren Werte: Dass es tatsächlich möglich ist, auch ohne das ganz große Geld und multinationale Investoren um einen europäischen Titel zu spielen. Selbst wenn dies im modernen Fußball fast wie ein Anachronismus wirkt.
„Es ist ein Erfolg mit einem sehr langen Anlauf. Und ja – es fühlt sich wunderbar an, weil wir diesen Meilenstein erreicht haben, ohne unsere Leitplanken verändert zu haben“, sagt Jochen Saier. Er findet nicht, dass sich die Freiburger kleiner machen als sie sind, denn er weiß, woher der Klub kommt.
In der Ära Stocker/Finke wurde das Fundament gelegt
Saier ist, wie Schuster und viele andere Freiburger Protagonisten auch, schon eine lange Zeit dabei. Vor 24 Jahren war er zum Sportclub gekommen, seit 2014 ist der Sportvorstand. Zusammen mit Finanzvorstand Oliver Leki leitet er die Geschicke des mittlerweile 79.000 Mitglieder starken Klubs, der lange als Phänomen mit rein regionaler Bedeutung wahrgenommen worden war.
Sie haben aus einem Fahrstuhlverein einen ernstzunehmenden Herausforderer für die Großen in der Bundesliga gemacht – sowie zuletzt einen beinah schon regelmäßigen Europapokalteilnehmer. Auch in der nächsten Saison wird Freiburg dabei sein, selbst wenn es nicht für die Champions League reicht. Als Siebter der Liga hat sich der Klub am Wochenende für Play-offs zur Conference League qualifiziert.
Der moderne SC Freiburg ist ein Generationenwerk. Es begann mit Achim Stocker, der 1973 die Präsidentschaft übernommen hatte, als der Klub in der Amateurliga Südbaden spielte, und ihn 1978 in die damals zweigeteilte 2. Bundesliga Süd führte. Da war Volker Finke, der Trainer, der mit der Mannschaft 1993 erstmals in die 1. Bundesliga aufstieg und zwei Jahre darauf mit ihr in den Uefa-Cup einzog. Das Bild, das die Freiburger damals abgaben, wirkte dennoch irgendwie klischeehaft: ein Trainer, der selbstgedrehte Zigaretten raucht – und ein Präsident, der sich die Spiele seiner Mannschaft aus Angst um seine Gesundheit nicht anschauen wollte und stattdessen lieber mit seinem Hund spazieren ging. Uli Hoeneß sprach damals von der „Studentenbude“ Freiburg. Ganz falsch lag er nicht.
20. Mai 2007: Volker Finke (4.v.r.) wird von Achim Stocker verabschiedetDoch in der Ära Stocker/Finke wurde das Fundament gelegt. 2001 wurde die Freiburger Fußballschule gegründet – zu einem Zeitpunkt, als es bei vielen anderen Klubs allenfalls Überlegungen in Richtung Nachwuchsleistungszentren gab. Sie ist die Keimzelle des kontinuierlichen, wenn auch zwischenzeitlich durch Abstiege unterbrochenen Aufschwungs: Die eigenen Talente, anfänglich meist aus der Region, bilden seither die Achse aller Freiburger Mannschaften – und sorgen immer wieder für gute Transfererlöse.
Diven? Beim SC Freiburg nicht willkommen
Auch im aktuellen Kader stehen zehn Eigengewächse – darunter Stammkräfte wie Torwart Noah Atubolu und Abwehrchef Matthias Ginter sowie ein Top-Talent, das schon bald eine Rekordablöse bringen könnte: Mittelfeldspieler Johan Mazambi spielt erst seine zweite Bundesligasaison und wird mit einem Marktwert von 35 Millionen Euro taxiert. Real Madrid, Manchester United und Bayer Leverkusen sollen an dem 20-jährigen Schweizer interessiert sein.
„Damals waren ein paar schlaue Köpfe am Werk, die früh erkannt haben, wo wir als Standort Freiburg einen Tick besser sein müssen als andere, die mehr Geld haben“, sagt Klemens Hartenbach, der 2001 als Juniorentrainer anfing und seit 2013 Sportdirektor ist. Er ist auch so ein Freiburger Charakterkopf: Hartenbach wachte mit Saier und Christian Streich und mittlerweile mit Schuster darüber, welcher Spieler zum SC kommt.
Noch heute wird jeder potenzielle Zugang einer eingehenden Prüfung unterzogen. Wohl nirgendwo im deutschen Fußball wird so viel Wert auf Homogenität der Mannschaft gelegt. Kleine Diven wollen sie in Freiburg nicht. Niemand soll die Kabine durcheinanderbringen.
SC Freiburg: Bemerkenswertes Eigenkapital
Der größte Entwicklungstreiber ist mittlerweile aber das Wachstum, das wegen der zunehmenden Erfolge – drei Europapokalteilnahmen in den letzten vier Jahren – generiert werden konnte. Die TV-Einnahmen sowie die Sponsoring- und Marketingerlöse sind deutlich gewachsen. Ab der kommenden Saison greift ein lukrativer Deal mit einem neuen Hauptsponsor, dem Freiburger Softwareanbieter Lexware, der jährlich bis zu acht Millionen Euro einbringen soll. Dennoch werden die Ausgaben nach wie vor konservativ kalkuliert. Der Gesamtpersonalaufwand lag im Geschäftsjahr 2024/25 bei rund 100 Millionen Euro. Das steht in einem gesunden Verhältnis zum Umsatz, der 162,8 Millionen Euro betrug.
Entscheidend ist jedoch eine andere Zahl: Das Eigenkapital beläuft sich auf bemerkenswerte 163,7 Millionen Euro – nur die Bayern, der BVB, die Hoffenheimer und die Leverkusener sind hier noch besser. Hier liegt der entscheidende Unterschied zu vielen Klubs mit größeren Namen wie Schalke 04, dem Hamburger SV und dem 1.FC Köln – die in den 1990-ern und 2000-er Jahren, als die Freiburger Reise begann, noch uneinholbar schienen. Die wirtschaftliche Stabilität bedeutet: Der SC Freiburg kann es sich erlauben, Spieler zu verpflichten, ohne andere zuvor verkaufen zu müssen – während es sich bei vielen Bundesligisten andersherum verhält.
Durch die Erfolge in der Europa League und das Vorstoßen bis ins Halbfinale des DFB-Pokals werden nun noch zusätzliche Erlöse von etwa 43 Millionen Euro fließen – bei einem Finalsieg ist sogar noch mehr drin: Dann könnten Saier und Leki weitere 18,6 Millionen Euro für den Startplatz in der Champions League fest verbuchen.
Paradigmenwechsel? Etwas Verrücktes? Nein, danke
Die Forderungen, dass es an der Zeit wäre, offensiver in die Mannschaft zu investieren, sind deshalb selbst an diesem sonst eher beschaulichen Bundesligastandort lauter geworden. Doch einen Paradigmenwechsel wird es trotzdem nicht geben. „Natürlich diskutieren wir auch darüber: Wer sind wir? Wie hat sich unser Geschäftsumfeld verändert? Aber wir vergessen nie, was uns dahin gebracht hat“, sagt Saier. Es werde auch zukünftig „nichts Verrücktes“ passieren. Was die Transferbilanz angeht, wird weiter eine „schwarze Null“ anvisiert. Freiburg ist nicht Berlin.
Wem das zu vorsichtig erscheint, verkennt das Geschäft. Denn sollten sich Freiburger an Einkäufe wagen, wie sie die Dortmunder, Stuttgarter, Leipziger oder Frankfurter tätigen – sie hätten ein Problem. Und das nicht erst, wenn der Erfolg mal wieder ausbleiben sollte. Denn sie würden ihren größten Trumpf aus der Hand geben: Die Geschlossenheit einer nachhaltig entwickelten Mannschaft. Sie beruht auch darauf, dass es im Kader keine allzu großen Gehaltsunterschiede gibt. Es ist in erster Linie der Spirit, der den Freiburgern zum Finaleinzug verholfen hat.
„Wir wissen, was uns dahin gebracht hat. Wir haben in eine schwierige Saison, in die wir uns richtig reinarbeiten mussten, alles reingelegt. Und an dem Punkt, an dem wir jetzt stehen, wollen wir auch zupacken. Wir haben das Selbstbewusstsein, um jetzt alles zu wollen“, sagt Saier. Die Mannschaft habe trotz Problemen den Parforceritt mit der Dreifachbelastung durchgehalten, auch weil Schuster – im Gegensatz zu früheren Jahren – Alternativen auf der Bank hat. Die Zeiten, in denen Christian Streich wie noch vor 13 Jahren nur mit einer besseren B-Elf zum Gruppenspiel nach Sevilla flog, weil er Stammkräfte für den Abstiegskampf schonen wollte, sind längst vorbei. Einer, der die Reise nach Andalusien damals nicht mitmachen durfte, war der Kapitän – „Gauner“ Julian Schuster.
Das Freiburger Mindset wird in Istanbul ein anderes sein. Nur dabei gewesen zu sein, zählt nicht mehr. „Wir wissen, dass Aston Villa ein richtiges Brett ist. Aber es fühlt sich trotzdem anders an. Wir wissen, dass wir in einem Spiel alles schaffen können“, kündigt Jochen Saier an. Dann würde niemand mehr vom kleinen Sportclub sprechen.
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