Was für eine blühende Karriere – mit einem leider etwas verwelktem/welkem Ende …

Eine Frage genügte Dr. Helmut Marko im Spätsommer 2006, um zu wissen, dass er und Red Bull vor einer goldenen Zukunft stehen. Als Sebastian Vettel damals in seinem Büro in Graz zu Gast war, um seinen Vertrag als Nachwuchsfahrer des Energydrink-Konzerns zu verlängern, fragte der damals 18-Jährige bei der Verabschiedung nach dem nächstgelegenen Blumenladen.

Marko erklärte ihm den Weg, bevor er bei dem Jungpiloten nachhakte, wofür der Blumen bräuchte. Vettels Antwort überraschte: Er wolle sie den Sekretärinnen bei BMW Sauber, wo er 2007 Test- und Reservefahrer des Formel-1-Teams werden würde, mitbringen. Eine nette Geste – und ein ausgeklügelter Schachzug. Marko: „Sebastian wusste, dass es nicht nur aufs Fahren ankommt. Dass er Talent hat, wusste ja jeder. Aber er hatte schon als Jugendlicher verstanden, dass man nicht nur die Chefetage, sondern das gesamte Team hinter sich bringen muss. Er war als Teenager vom Kopf her schon so weit wie Fahrer sonst mit Mitte 20.“

Die Idee geht auf. Als BMW-Sauber-Stammpilot Robert Kubica beim Großen Preis von Kanada 2007 einen schweren Unfall hat, ersetzt Vettel den Polen eine Woche später in Indianapolis (Vereinigte Staaten) – obwohl Kubica den Verantwortlichen seine Einsatzbereitschaft signalisiert hat. Die Verantwortlichen wollten den allseits beliebten Vettel unter Wettkampfbedingungen testen.

Der Deutsche überzeugt. Vettel wird Achter und avanciert mit 19 Jahren zum damals jüngsten Punktesammler in der Geschichte der Formel 1. Eine Leistung, die Marko dazu bewegt, ihn rund eineinhalb Monate später zum Stammpiloten bei Red Bulls Schwesterteam Toro Rosso (heute Racing Bulls) zu befördern. Der RB-Leitbulle weiß: Vettel ist ein Rohdiamant, ein künftiger Weltmeister.

Auf Anhieb gut: Vettel 2007

Er beweist das 2008. Im unterlegenen Toro Rosso düpiert er regelmäßig Red Bulls Stamm­piloten Mark Webber und David Coulthard. Endgültig geht sein Stern in Monza auf. Beim Großen Preis von Italien wird Vettel mit 21 Jahren und 73 Tagen zum jüngsten Fahrer, der von der Pole-Position startet. Einen Tag später der nächste Rekord: Vettel gewinnt das legendäre Rennen auf dem Highspeed-Kurs und wird der heute 38-Jährige zum jüngsten Sieger in der Geschichte der Formel 1.

Höflichkeit und Ehrgeiz prägen die Karriere in der Formel 1

Genauso schnell, wie er am Vortag über den Autodromo Nazionale Monza gerast war, schreibt er am nächsten Morgen eine E‑Mail. Bei Franz Tost ploppt um 8 Uhr morgens die Rechnung für die ausgehandelte Siegprämie auf. Übel nimmt ihm der Teamchef die Forderung nicht. Zum einen hatte Vettel den ersten Sieg in der Geschichte des kleinen Rennstalls eingefahren, zum anderen hatte er die E-Mail in seiner typisch höflichen Art formuliert.

Höflichkeit und Ehrgeiz. Es waren die zwei Grundpfeiler Sebastian Vettels. Der junge Heppenheimer (Hessen) vergaß nie seine gute Kinderstube, die ihm Vater Norbert und Mutter Heike mitgegeben hatten. Vettel beschwerte sich schon zu Kartzeiten nicht, wenn andere Kinder besseres Material hatten als er. Stattdessen tüftelte er mit seinem Vater an kreativen Lösungen, um den Nachteil auszugleichen.

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Norbert Vettel: „Wir hatten kaum Geld, mussten im ersten Jahr 1995 mit einem Satz Reifen und 5000 Mark Budget für Reisen & Co. auskommen. Ich hatte durch meine Bergrennen gelernt, wie die Reifen sofort greifen. Die Bambini-Karts sammeln die Gummis der größeren Karts auf und rutschen dadurch. Also habe ich unsere Reifen geföhnt, damit die aufgesammelten Schnipsel abfallen. Die anderen haben sich gefragt, was wir da machen – und sich dann gewundert, wie schnell wir mit ganz viel Grip in der ersten Kurve waren.“

Eine Geschichte, die an die von Michael Schumacher erinnert. Auch der siebenmalige Weltmeister musste den Material­vorteil anderer durch Talent, Kreativität (fischte alte Reifen aus dem Müll) und vor allem Arbeit kompensieren. Kaum verwunderlich, dass Vettel in Schumacher sein Vorbild, seinen Helden findet und ihm nacheifert. Als der Formel-1-Star als erster Pilot anfängt, intensive Kraft- und Ausdauereinheiten einzulegen, trainiert auch der junge Vettel plötzlich. Schumacher begleitet Vettel. In seinen Routinen – und bei den Kartrennen. Dort sitzt Vettel immer auf einer Schumi-Mütze. Es ist sein Glücksbringer.

Bedingungslose Unterstützung

Glück braucht er nicht, am Geld mangelt es. Das tat es schon immer. Weil die finanziellen Mittel der Familie limitiert sind, muss seine ältere Schwester Stefanie ihren Traum, Rennfahrerin zu werden, aufgeben. Die Familie kann trotz Dutzender kleiner Sponsoren nur eine Kartkarriere finanzieren. Die Wahl fällt auf Sebastian. Er ist der Talentiertere. Unmut gab es deswegen nicht. Im Gegenteil. Die Familie rückte noch enger zusammen, Stefanie unterstützte ihren Bruder bedingungslos.

Denn an erster Stelle stand immer der sportliche Erfolg. Noch vor dem Geld, noch vor der Höflichkeit. Das ändert sich im Laufe der Karriere nicht. Beim Großen Preis von Japan 2011 war Vettel auf der Zielgeraden zum Gewinn seines zweiten WM-Titels. Im Training am Freitag verschuldete der Deutsche aber einen Unfall. Der neue Frontflügel, von dem Red Bull nur einen vor Ort hatte, glich einem Totalschaden.

Weil Vettel aber unbedingt auf das neue, deutlich bessere Material zurückgreifen wollte, charterte Red Bull einen Jet und ließ einen neuen Flügel einfliegen. Die Kosten von rund 120.000 Euro trug Vettel selbst. Gegenüber dem Team sagte er: „Es war mein Fehler und mein Wunsch, dass ich mit dem neuen Flügel fahre – daher zahle ich auch die Rechnung.“ Zur Wahrheit gehört aber auch: Vettel wollte nicht nur bessere Chancen auf den Gewinn seines zweiten WM-Titels (was ihm gelang) haben, sondern auch Teamkollege Webber weiter dominieren. Der Australier war Vettels Erzfeind.

Die beiden Brause-Piloten schenkten sich nichts. Keine Daten, keine geteilten Privatjets, nicht einmal ein Hallo teilten sie miteinander. Vettel, der bei Red Bull sonst den Ruf des Team­players hatte, vergaß seine Kinderstube. Erst als Webber Ende 2013 das Team verließ, wurde Vettel wieder vollständig zu Vettel. Eine Entwicklung, die ihm zum Verhängnis wurde.

Denn als er Ende 2014, nachdem er vier WM-Titel mit Red Bull gewinnen konnte, zu Ferrari wechselt, ist es die Höflichkeit, die seinen Motor stottern lässt. Obwohl Vettel wie einst Schumacher ab 1996 der Heilsbringer sein soll, erstarrt er vor dem Epos Ferrari. Das galoppierende Pferd bäumt sich vor ihm auf – und Vettel machte sich kleiner als ein viermaliger Champion.

Innere Verbittertheit bei Vettel

Während Schumacher Ferrari führte, ist Vettel Mitarbeiter. Der Ausnahmefahrer leistet intern zu wenig, zu leise Widerworte, als die Italiener wieder und wieder bei der Strategie patzen. Er scheut den Konflikt mit Teamchef Maurizio Arrivabene. Die Konsequenz: Vettel verpasst mindestens einen sicher geglaubten WM-Titel (2018).

Nichts bereut er in seiner Karriere mehr. Ob Vettel glücklich auf diese zurückblickt? Das trägt er mit und in sich – wie so vieles, von dem er denkt, das gehöre nicht in die Öffentlichkeit. Er wurde vor der Geburt seines ersten Kindes gefragt, ob seine Frau schwanger sei. Er verneinte. Drei Monate später war er Vater. Vertraute berichten von einer inneren Verbittertheit, die sich in seinem Unterbewusstsein festgesetzt hat. Mit Ferrari Weltmeister zu werden, war sein Kindheitstraum. Ein Titel mit der Scuderia wäre für ihn mehr wert gewesen als die vier Erfolge mit Red Bull. Oder zumindest genauso viel.

2020 platzt der Traum endgültig, Vettel wechselt zu Aston Martin – und damit in die sportliche Bedeutungslosigkeit. Der Deutsche schaltet in der Formel 1 schon zwei Jahre vor seinem Karriereende mehrere Gänge runter. Privat gibt er dafür Vollgas.

Nach den Geburten der Töchter Emilie (kam 2014 zur Welt) und Matilda (2015) wird er im November 2019 ein drittes Mal Vater. Ein Sohn. Für Vettel ist es der endgültige Startschuss in ein neues Kapitel. Seine Formel-1-Familie verblasst im Rückspiegel, sein Fokus liegt auf Frau Hanna und den drei Kindern. Sie sind es, die in ihm eine neue Passion wecken.

Das Ehepaar Vettel

Nachdem er 16 Jahre lang in Privatjets zu 299 Grands Prix mit über 3000 Reisetagen unterwegs war, will er sich für die Umwelt einsetzen. Sein Motto: „There is still a race to win“ („Es gibt noch ein Rennen zu gewinnen“). Er sagt dem Klimawandel den Kampf an. Vettel erfindet sich neu. Bei Aston Martin fällt er eher damit auf, dass er nach Rennen wie in Silverstone (England) 2021 Müll auf den Tribünen einsammelt, als dass das Team große Fortschritte macht.

Vettel ist das egal, er lebt in seiner eigenen Welt. Ihn kümmert es nicht, dass seine Formel-1-Familie ihn für seinen Wandel zum Umweltaktivisten teilweise – im Flüsterton – verspottet. Dass die Leute im Fahrerlager über ihn sagen, dass er den Sport, der ihn reich (geschätztes Vermögen ca. 350 Millionen Euro) und berühmt gemacht hat, mit seiner öffentlichen Kritik an ihm in den Dreck zieht. „Seb“ ist auf seiner Mission.

Sie hat mit der Natur zu tun. So wie damals die Frage nach dem Blumenladen.

Der Artikel wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) verfasst und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.

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