In der Hinrunde der aktuellen Saison war es, als er nach 17-monatiger Verletungspause sein Comeback gab. Seither kommt Patrick Ittrich als Schiedsrichter wieder regelmäßig zum Einsatz – und erhält fast ausschließlich positives Feedback. Dennoch wird der 47 Jahre alte Polizeibeamte am Ende der Spielzeit seine Karriere nach knapp 300 Profispielen, die er geleitet hat, beenden. Wie Deniz Aytekin, Tobias Welz und Frank Willenborg hört er auf.
WELT: Herr Ittrich, Sie sind seit 2003 DFB-Schiedsrichter, am Samstag stehen Sie beim Spiel von Union Berlin gegen den FC Augsburg mit 47 Jahren zum letzten Mal auf dem Platz, Ihre Frau und Ihre vier Töchter werden in der Alten Försterei dabei sein. Mit Ihnen und Deniz Aytekin, der sich ebenfalls verabschiedet, verliert der DFB zwei seiner letzten Schiedsrichter-Persönlichkeiten. Wer kann Sie als Aushängeschild ersetzen?
Patrick Ittrich: Ich glaube nicht, dass wir die letzten Persönlichkeiten sind. Es hören insgesamt vier Bundesliga-Schiedsrichter auf und gute Jungs aus der 2. Liga rücken nach. Daniel Siebert hat in der Champions League ein Halbfinalspiel gepfiffen und leitet jetzt auch das Endspiel, Felix Zwayer fährt zur WM. In Sven Jablonski haben wir außerdem einen sehr aufstrebenden Schiedsrichter, der seine Spiele sehr souverän und authentisch pfeift, einen guten Draht zu den Spielern hat – und der jetzt das DFB-Pokalfinale leitet. Er hat allemal das Zeug zum Aushängeschild.
WELT: Wie hat sich die Bundesliga-Schiedsrichterei verändert?
Ittrich: Es wird extrem viel auf Athletik gesetzt, weil das Spiel viel schneller geworden ist. Früher habe ich mal einen Spieler in der Zweiten Liga überholt mit 30 km/h. Diese Saison habe ich Freiburg gegen Heidenheim gepfiffen, da ist bei einem Konter Freiburgs Bruno Ogbus wie ein ICE an mir vorbeigerauscht. Heute sind 35, 36 km/h in der Bundesliga normal. Insgesamt wird dem Schiedsrichter viel mehr aufgebürdet.
WELT: Woran machen Sie das fest?
Ittrich: In den 2000er-Jahren gab es ein Headset für die Kommunikation zwischen dem Schiedsrichter und seinen Assistenten, die gesehen haben, was du nicht gesehen hast, das war wunderbar. Heute gibt es viele technische Neuerungen, die eine zusätzliche Aufmerksamkeit des Schiedsrichters erfordern. Das liegt nicht nur am Funkverkehr mit dem Video-Assistenten, schon vor dem Spiel wird man verkabelt, und es werden technische Details besprochen. Bei manchen Spielen kommt sogar eine Ref-Cam zum Einsatz. Bei Pyrotechnik im Stadion musst du den Drei-Stufen-Plan des DFB einhalten und dich mit den Sicherheitsverantwortlichen und der Polizei besprechen, oder es fliegen Tennisbälle aus den Blöcken – du musst dich um alles kümmern. Das fordert seinen Tribut.
WELT: Bayern-Patron Uli Hoeneß hat Christian Dingert unlängst die schlechteste Leistung attestiert, die er je bei einem Bundesliga-Schiedsrichter erlebt habe. Sind solche Verbalattacken die Vorstufe von Auswüchsen wie in Ihrem Fall: Nach einer Roten Karte für Herthas Florian Niederlechner erhielten Sie 2023 via Social Media eine Morddrohung?
Ittrich: Uli Hoeneß weiß um seine mediale Reichweite. Seine unsachliche Aussage ist durch Social Media tausendfach verbreitet worden. Wer so etwas sagt, sollte sich bewusst sein, was er damit schlimmstenfalls anrichten kann.
WELT: 2011 unternahm Schiedsrichter Babak Rafati wegen schwerer Depressionen aufgrund des immensen Leistungsdrucks einen Selbstmordversuch vor einem Spiel in Köln, Sie retteten ihm mit Ihren zwei Kollegen das Leben, als Sie die Tür aufbrechen wollten, bevor der Hotelpage kam. Haben Sie noch Kontakt zu Rafati?
Ittrich: Nein. Das war ein unfassbar einschneidendes Erlebnis, das mich noch Jahre verfolgt hat, was ich mir lange nicht eingestanden habe.
Agust 2011: Das Gespann Holger Henschel, Babak Rafati und Patrick Ittrich (v.l.) vor einem Spiel des FC Bayern gegen Borussia MönchengladbachWELT: Wie machte sich das bemerkbar?
Ittrich: Jedes Mal, wenn ich den Namen Rafati gehört habe, hat mich das emotional stark belastet. Auf der einen Seite bin ich froh, dass es ihm heute offenbar gut geht. Auf der anderen ist es schade, dass wir uns nie vis-a-vis aussprechen konnten. Anfangs haben wir, die wir dabei waren, gesagt, wir lassen Babak seine Zeit. Vielleicht tut er sich schwer, denen gegenüberzutreten, die ihn in dieser Situation aufgefunden haben. Aber irgendwann habe ich damit abgeschlossen, zumal er seine Geschichte überall erzählt, Bücher geschrieben und damit Geld verdient hat. Nur mit mir hat er kein Wort gesprochen. Meine Fassungslosigkeit über das, was ihm passiert ist, ging in Enttäuschung über.
WELT: Blicken wir weiter zurück. Welches war Ihr persönliches Highlight-Spiel?
Ittrich: Mein erstes Bundesligaspiel: Wolfsburg gegen Ingolstadt am 13. Februar 2016. Als Schiedsrichter im Profifußball gibt es vor allem drei Highlights in deiner Laufbahn: den Anruf, dass du in die Bundesliga aufsteigst. Das erste Bundesliga-Spiel. Und das DFB-Pokalfinale. In Berlin habe ich zwar nie gepfiffen, aber ich war zweimal als Vierter Offizieller dabei. Eigentlich waren die gesamten 23 Jahre ein Highlight: Ich bin immer als Erster im Stadion aufgelaufen, die Zuschauer haben gejubelt, und ich habe mir vorgestellt, sie jubeln mir zu. (lacht)
Patrick Ittrich (l.) im „Austauch“ mit Bayerns Stürmerstar Harry KaneWELT: Sie haben nie ein Topspiel wie Bayern gegen Dortmund gepfiffen.
Ittrich: Auch, weil ich zu oft verletzt war, kaum dass ich eine gute Phase hatte. Ich musste mich immer wieder ran kämpfen. Und ich wusste mich einzuordnen. Ich habe auch international nie gepfiffen, war aber zum Beispiel beim Spiel von Real Madrid gegen Galatasaray Istanbul als Vierter Offizieller im Einsatz: Links Real-Trainer Zinedine Zidane, der kein Wort sagt. Rechts Fatih Terim, der 90 Minuten Anweisungen auf Türkisch gibt. Ich gucke aufs Spielfeld und wundere mich: Da steht kein einziger Türke auf dem Platz, wie verstehen die den?
WELT: An welches Spiel erinnern Sie sich mit Grausen zurück?
Ittrich: Wolfsburg gegen Schalke 2018, weil ich nur Mist gepfiffen habe. Ich habe erst aus einer Gelben Karte nach dem Eingriff des VAR eine Rote für Nastasic gemacht. Dann habe ich Weghorst Rot gezeigt und ihn mit Gelb auf dem Weg zur Kabine zurückgeholt – wieder nach VAR-Intervention. Danach habe ich einen Foulelfmeter gegeben, der war zwar richtig, weil Brooks mit hohem Fuß Embolo am Kopf getroffen hatte. Aber ich wusste nicht mehr, ob Gelb oder Rot richtig war. Also habe ich meinen Video-Assistenten gefragt, weil ich die Nase voll hatte und nicht schon wieder raus zum Monitor wollte. Der sagte: „Gib ihm Gelb“. Dann stand ich vor Brooks, habe ihm aber Rot gezeigt. Ich dachte „Ach du Scheiße“, habe die Rote Karte weggesteckt und ihm die Gelbe gezeigt. Da weiß jeder, dass du nur noch nach Hause willst. Das Spiel hat mich nachhaltig belastet, damals hieß es vielfach: Der muss aus der Bundesliga absteigen. Der Druck war enorm, du weißt, die nächsten Spiele müssen sitzen, sonst steigst du ab.
WELT: Welcher Spieler hat Sie wegen seines Gemeckers am meisten genervt?
Ittrich: Ich will keine Namen nennen, deshalb nur so viel: Es gibt Spielertypen, die können ein Spiel kaputtmachen. Weil du dich nur noch auf sie fokussierst. Das provozieren sie auch. Deshalb musst du versuchen, diese Typen mit ein bisschen Menschenkenntnis auf deine Seite zu ziehen.
WELT: Was ist Ihr Trick?
Ittrich: Als Schiedsrichter stellt man sich eine Art Werkzeugkasten zusammen. Da gehören Hammer und Zange rein, aber auch eine Pinzette und ein paar Kabelbinder. Jeden Spieler musst du anders anpacken. Ich habe mir deshalb zur Vorbereitung die Spiele der beteiligten Teams am vergangenen Wochenende auf Video angeguckt. Ein Beispiel: Bei Hertha spielte mal der Brasilianer Cunha, ein ähnlicher Techniker wie Ribéry, der alle austanzen konnte, aber wenn er den Ball verlor, konnte er ziemlich unbeherrscht sein. Also bin ich vor dem Spiel erst zu Krzysztof Piatek gegangen und habe ihn auf Polnisch gefragt, ob Cunha Deutsch spricht. Damit hatte ich schon mal „Landsmann“ Piatek auf meiner Seite. Dann bin ich zu Cunha und habe ihm gesagt: „Cunha, du bist so ein geiler Techniker wie ich früher beim Mümmelmannsberger SV, mich haben sie auch immer getreten, aber der Schiri hat nie für mich gepfiffen. Ich passe heute auf dich auf! Aber eine Sache: Trittst du einen um, fliegst du runter.“ Da hat er große Augen gemacht – und im Spiel keinerlei Probleme.
WELT: Hilft die neue Regel, dass nur der Kapitän den Schiedsrichter ansprechen darf?
Ittrich: Es ist besser geworden. Aber die Regelung hilft nur nachhaltig, wenn wir Schiedsrichter sie einheitlich durchziehen und uns an die klare Anweisung halten, die Regel durchzusetzen und Gelb zu zeigen, wenn noch vier weitere Spieler auf uns zustürmen. Was aber nicht heißt, dass andere Spieler nicht mehr mit uns sprechen dürfen, das ist ein Missverständnis. Wenn einer sich bei mir beschwert, weil er gerade umgetreten wurde, gehe ich natürlich hin und zeige Verständnis.
WELT: Hat Sie diese Nahbarkeit als besondere Schiedsrichter-Type ausgemacht?
Ittrich: Mir war immer wichtig, so authentisch wie möglich zu bleiben und den Spielern, Trainern und Offiziellen auf Augenhöhe zu begegnen und Situationen kommunikativ zu lösen, auch mal mit einem lustigen Spruch. Das hat zu viel Akzeptanz geführt, bedeutete aber nicht, dass ich mir in jedem Spiel drei Fehler erlauben durfte, die der Video-Assistent korrigieren musste. Am Ende muss die Entscheidungsqualität stimmen.
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WELT: Seit 2017 kommt der Video-Assistent in der Bundesliga zum Einsatz – Fluch oder Segen für die Schiris, die noch immer oft in der Kritik stehen?
Ittrich: Vorab: Nicht wir Schiedsrichter haben den VAR eingeführt, sondern die 36 Vereine der Bundesliga und zweiten Bundesliga. Wir sind diejenigen, die das Ganze umsetzen. Ich verstehe manche Kritik, auf der anderen Seite geht es heute nicht mehr ohne technische Hilfsmittel. Alle können alles im TV oder auf dem Handy sehen – nur wir Schiedsrichter nicht? Das wäre nicht okay. Deshalb ist technische Überprüfung durch den Video-Assistenten notwendig. Warum ist der Videobeweis in anderen Sportarten kein Problem? Weil wir der Fußball sind und alle über alles mitreden.
WELT: Was halten Sie von Trainer-Challenges als Alternative, über deren Einführung in der Dritten Liga diskutiert wird?
Ittrich: Können wir machen. Aber eine Sache nicht vergessen: Am Ende entscheidet trotzdem der Schiedsrichter. Und der kann anderer Meinung sein als der Trainer draußen. Und dann gibt es wieder Theater. Fußball ist und bleibt Ermessens-Sport.
WELT: Welche Regel würden Sie sofort ändern oder einführen?
Ittrich: Ich würde eine zehnminütige Zeitstrafe für Unsportlichkeiten wie Schwalben einführen. Da gibt es immer das Gegenargument, der Spieler würde draußen kalt werden, es bestünde Verletzungsgefahr. Dann werden halt wie beim American Football drei Spinning-Bikes neben die Ersatzbänke gestellt.
Mit dem „Verkehrskasper“ kümmerte sich Patrick Ittrich jahrelang um Verkehrserziehung bei Kindern in HamburgWELT: Noch ein Vorschlag?
Ittrich: Für ein taktisches Foul im Mittelfeld, etwa wenn ein Gegenspieler bei einem Konter durch Festhalten zu Fall gebracht und ein aussichtsreicher Angriff verhindert wird, sollte ein neuer Freistoßort eingeführt werden in der Mitte des Viertelkreises vor dem Strafraum. Denn die Gelbe Karte juckt kaum jemanden. Durch den neuen Freistoßort weiter vorne würde das Spiel schneller werden, weil kein Spieler mehr durch ein taktisches Foul eine gefährliche Situation vor dem eigenen Tor verursachen wollen würde.
WELT: Sie sind während der WM im Sommer als Schedsrichter-Experte für Magenta TV im Einsatz. Wie geht es danach weiter?
Ittrich: Ich spreche mit Sendern, ich spreche mit dem DFB, aber spruchreif ist noch nichts. Und ich bin als Polizeibeamter weiterhin für die Verkehrserziehung von Kindern verantwortlich. Nicht mehr als Puppenspieler mit dem Verkehrskasper, sondern als Organisator von Schüler-Wettbewerben. Kinder malen oder besingen den Straßenverkehr, in diesem Jahr heißt der Slogan „Handy aus – Augen auf“. In der Jury sitzen Johannes Strate von „Revolverheld“, Peter Urban, viele Jahre die Stimme des European Song Contest, und Schlagersänger Peter Sebastian.
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