Sein Sportgeschäft im niedersächsischen Osterholz-Scharmbeck wird er nach 30 Jahren demnächst abgeben. Günter Hermann, von 1980 bis 1992 für Werder aktiv und immer noch in Bremen lebend, will etwas kürzer treten und sich unternehmerisch nur noch seinen Fußballcamps widmen, die er seit vielen Jahren für Kinder und Jugendliche veranstaltet.
Der 65-Jährige ist seinem Sport stets treu geblieben, hat sich fit gehalten und schnürt noch regelmäßig die Fußballschuhe. Hin und wieder sitzt er im Weserstadion. „Wenn ich auf der Tribüne dann die Kommentare der Leute höre, da lache ich mich manchmal nur kaputt. Die freuen sich ja schon, wenn einer einen Pass über zehn Meter hinkriegt“, sagt er im WELT-Podcast WELTMeister und macht aus seiner kritischen Sicht auf die Entwicklung des Fußballs keinen Hehl.
Nach 30 Jahren ist Schluss: Günter Hermann in seinem gleichnamigen „Sport-Shop“„Uns haben sie früher ausgepfiffen, wenn wir den Ball zum Torwart gespielt haben. Heute ist es Mode. Bei jeder Aktion wird der Torwart ins Spiel gebracht, statt mal nach vorne etwas zu riskieren. Das ist das, was auch eigentlich fehlt. Es fehlen Spieler, die mal Eins-gegen-eins gehen, was riskieren, einfach um Spaß zu haben.“
So wie Diego Maradona, mit dem er in Neapel eine prägende Begegnung hatte. Hermann spricht über rauchende Fußballprofis und das „Wunder von der Weser“ im Europapokal gegen Dynamo Berlin. Er teilt seine Gedanken über die WM 2026, kritisiert die Fifa und lobt Joshua Kimmich. Vor allem aber geht es ganz getreu des Podcast-Titels um seinen größten Erfolg: die Weltmeisterschaft 1990 in Italien.
Riedle lieh sich das Auto vom DFB
Hermann gibt Einblicke in die Kabine und das Teamquartier. Eine Retrospektive, die verdeutlicht, wie sehr sich der Profifußball verändert hat. Was bisher jedoch nicht bekannt war: Der linke Mittelfeldspieler und sein Mitspieler Karl-Heinz Riedle liefen während des Turniers Gefahr, von der Fifa für den Rest der WM gesperrt zu werden.
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„Diese Sache werde ich nie vergessen“, eröffnet Hermann und liefert die Anekdote: „Wir hatten einen freien Tag, und Kalle ist dann zu Wolfgang Niersbach, dem DFB-Pressesprecher, gegangen und hat ihn gefragt, ob er das Auto haben kann.“ Niersbach habe geglaubt, dass das Spielerduo eine Spritztour um den Comer See machen wollte, vermutet Hermann, und händigte die Schlüssel aus. Riedle aber hatte andere Pläne.
„Er kam zu mir und sagte: ,Mensch, Günter, ich habe einen Autoschlüssel. Lass uns mal eben zu meinen Eltern fahren.‘ Ich sagte: ,Wie bitte?! Die wohnen doch im Allgäu. Das sind 600, 700 Kilometer.‘ – ,Ja, egal. Wir fahren da mal zum Kaffeetrinken hin.‘ Dann sind wir zum Kaffeetrinken ins Allgäu gefahren. Und weil das so schön war, er hatte auch eine ziemlich große Familie, sind wir noch zum Grillen geblieben. Da wir etwas getrunken hatten, konnten wir nicht mehr zurückfahren und sind dann am nächsten Morgen zurück. Was auch nicht schlimm war.“
Riedle gab Niersbach den Autoschlüssel zurück, doch am Tag darauf meldete sich der Pressesprecher beim deutschen Stürmer und wollte wissen, weshalb das Auto 1200 Kilometer mehr auf dem Zähler hatte. „Wir haben das natürlich gebeichtet“, so Hermann, „aber die eigentliche Anekdote war, dass wir das Land nicht hätten verlassen dürfen. Das wussten wir gar nicht.“
„Bis auf Rudi Völler waren da nur die Bayern-Spieler“
Die Fifa-Bestimmungen seien da – womöglich aus Versicherungsgründen – sehr eindeutig gewesen. Da außerhalb des DFB-Quartiers niemand von dem außergewöhnlichen Trip erfuhr, blieb der Vorfall ohne Sanktionen. Während Stürmer Riedle im Turnier viermal eingewechselt wurde und im Halbfinale gegen England den dritten deutschen Elfmeter verwandelte, blieb Hermann ohne Einsatz.
Wobei, im abschließenden Gruppenspiel gegen Kolumbien sollte er eigentlich den gesperrten Andreas Brehme vertreten. „Leider hat das jedoch nicht geklappt, weil im Spielerrat mehr Bayern als Bremer waren. Bis auf Rudi Völler waren da nur die Bayern-Spieler. Und die haben natürlich versucht, Hansi Pflügler die Möglichkeit zu geben. Das hat Franz (Beckenbauer, d.Red.) mir dann auch so gesagt.“
Bei Werder Bremen auf der linken Außenbahn zu Hause: Günter HermannHermann erhielt von den Medien nach dem Titelgewinn stattdessen das Etikett des Weltmeisters ohne Einsatz. Ein Vorgang, den er bis heute nicht nachvollziehen kann. „Das hat am Anfang relativ wehgetan. Auch aus dem Grund, weil ich ja nicht der Einzige war“, sagt er. Auch die beiden Torhüter Andreas Köpke und Raimond Aumann sowie Uwe Bein und Frank Mill blieben ohne Spielminute. Der Titel aber haftet ihm weiter an. Noch heute höre er auf Fußballplätzen, wie die Leute ihn als „Weltmeister ohne Spiel“ begrüßen.
„Was andere sagen und denken, ist mir mittlerweile völlig egal. Ich hab es auch nie verstanden. Das ist auch wieder so typisch deutsch, so etwas auszuschlachten. Ich weiß nicht, wie man auf Menschen so losgehen kann, die so viel erreicht haben, immer ehrlich und offen waren. Und dann so bloßzustellen.“ Er sei auch schon als Waldmeister bezeichnet worden, „und das ist dann schon ein bisschen unter der Gürtellinie.“
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