Katarina Witt, die legendäre Eiskunstläuferin, hat nicht nur die Herzen der Zuschauer mit ihren beeindruckenden Leistungen erobert, sondern auch als Vorbild für nachfolgende Sportler gedient. Ihre Olympiasiege 1984 und 1988 machten sie zu einer Ikone des deutschen Sports.
Heute wünscht sie sich die Olympischen Spiele zurück nach Deutschland. Witt ist Befürworterin einer deutschen Bewerbung. Auch um wieder Werte demonstrieren zu können, die laut Witt in der Gesellschaft ein wenig abhandengekommen sind.
Frage: Frau Witt, in München, Rhein-Ruhr und Kiel gab es bei Referenden Zustimmung für die Olympia-Bewerbung. Am 31. Mai wählt Hamburg. Welche deutsche Olympia-Stimmung kommt bei Ihnen an?
Katarina Witt: Die Resultate sind wirklich positive Vorzeichen. Außerdem habe ich das Gefühl, dass die Menschen wirklich mitgenommen werden und es eine gemeinsame Entscheidung, ein gemeinsames „Ja“ ist! Es war hilfreich, dass nach Paris 2024 jetzt auch die Winterspiele in Italien im Herzen Europas stattgefunden haben. Viele deutsche Sportfans sind hingefahren, erlebten die fantastische Stimmung und sagen jetzt: Wir könnten oder sollten sogar die Spiele ausrichten.
Frage: Berlin verzichtet auf eine Befragung. Was halten Sie davon?
Witt: Sie wissen wahrscheinlich schon, warum. Man kann es nie allen recht machen. Doch Berlin ist eine Sportstadt. Bei allen Sportevents, die hier stattgefunden haben, gab es große Begeisterung und einen großen Zusammenhalt. Egal, ob Leichtathletik-WM oder -EM, Marathons oder Special Olympics. Die Berliner lieben Sport, unterstützten die Athleten. Wahrscheinlich weiß die Berliner Regierung: Wenn wir die Party am Ende feiern, sind alle unterstützend mit dabei.
Frage: Welchen Effekt hätte eine Olympia-Bewerbung für Deutschland?
Witt: Bereits durch die Befragungen sind Olympia und der Sport in den jeweiligen Regionen wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt. Eine tatsächliche Bewerbung würde das noch mehr unterstreichen. Der wichtigste Effekt wäre für mich, dass wir so den Willen zur Leistungsbereitschaft zeigen und alle mitreißen. Eine solche Bewerbung lässt die Menschen zusammenwachsen, deshalb brauchen wir Olympia.
Frage: Sie kennen den Bewerbungsprozess aus erster Hand, waren Teil der Olympia-Kampagne für München 2018, die gegen Pyeongchang unterlag. Wie angesehen ist Deutschland überhaupt noch in der Sportwelt?
Witt: Es ist inzwischen ein komplett anderes Verfahren als damals. Dazu hat auch Thomas Bach als IOC-Präsident beigetragen. Zwei Jahre war ein engagiertes Team unterwegs, dieser Aufwand ist nun nicht mehr nötig. Es geht um noch mehr Nachhaltigkeit und weniger Superlative. Für das IOC ist es weiterhin das Wichtigste, zu spüren, dass ein Land wirklich die Spiele möchte und das Event auch mit einer Mannschaftsleistung als Land gemeinsam rüberbringen kann. Ich bin mir sicher, als Sportnation haben wir mit Deutschland weiterhin einen großartigen Stellenwert in der Welt.
Frage: Die Bewerbung ist für 2036, 2040 oder 2044 angedacht. Haben Sie eine Präferenz?
Witt: Nein. Bestimmte Jahreszahlen auszugrenzen, wäre ein Fehler. Natürlich hat das Jahr 36 eine schreckliche Bedeutung in der deutschen Geschichte, aber es wären dann 100 Jahre ins Land gegangen. Da können wir zeigen, wofür wir stehen. Es wäre endlich an der Zeit, wenn Deutschland Olympische Spiele ausrichten würde. Andere Länder hatten seither bereits mehrmals Olympia im Land. Wir zuletzt 1972. Das waren beispielhafte Spiele, die nachhaltig gedacht waren und bis heute München prägen.
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Frage: Welche Stadt oder Region hätte aus Ihrer Sicht die besten Chancen?
Witt: Entscheidend ist sicher: Wo gibt es die größte Begeisterung? Wohin wollen die Fans reisen? Dem IOC ist wichtig, dass die Fernsehbilder ein großes Erlebnis sind, das in die ganze Welt ausstrahlt. Dass Deutschland das kann, haben wir bei der Fußball-WM 2006 und der EM 2024 gesehen. Dazu kommt die Nachhaltigkeit. Paris zeigte, dass kompakt gut funktioniert. Selbst wenn es über viele Städte verteilt ist, haben mehr Menschen etwas davon. Am allerwichtigsten ist, dass nach der Entscheidung des DOSB alle Regionen wieder an einem Strang ziehen und nicht enttäuscht sind, sondern das muss dann eher die Motivation sein, den anderen zu stärken. Am Ende sind wir das Team Deutschland.
Frage: Sie wurden durch Ihre Olympiasiege und Ihr Auftreten zum Sportidol. In den 80ern und 90ern hatte Deutschland viele Helden: Boris Becker, Steffi Graf, Michael Schumacher, Jan Ullrich. Heute kennen viele die Olympiasieger und Weltmeister nicht mehr. Warum nicht?
Witt: Die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit mit Hunderten von TV-, Internet- und Social-Media-Kanälen und die immer kürzere Aufmerksamkeitsspanne machen es den Sportstars von heute schwer. Unser großes Glück damals war, dass es nur zwei, später vier, fünf TV-Kanäle gab. Dann hat sich wirklich die gesamte Nation vor den Fernseher gesetzt, und es gab 14 Tage einfach nur das Thema Olympia. Man ist zur Arbeit gekommen und sagte: Hast du das Match gestern gesehen? Das war ein anderes Gemeinschaftsgefühl. Heute hat jeder sein eigenes Handy in der Hand und schaut auf das, was ihn in der Sekunde interessiert. Umso schwieriger für die Athleten, sich langfristig bei den Menschen einen Platz im Herzen zu erobern.
Der erste Streich: Witt feiert 1984 in Sarajevo OlympiagoldFrage: Wie erleben Sie Ihren Status?
Witt: Ich war kürzlich in Hamburg mal so richtig ausgiebig shoppen (lacht) und wurde eigentlich in jedem Laden auf meine „Carmen“-Kür angesprochen. Das ist fast 40 Jahre her, aber es sind gemeinsame Momente von mir und meinen Fans. Jedes Mal bekomme ich selbst Gänsehaut, wenn wir dann gemeinsam schwärmen, und es ist das schönste Kompliment für mich.
Frage: Warum sind solche Helden und Vorbilder wichtig?
Witt: Eine Gesellschaft braucht sie. Gerade in einer Zeit wie jetzt. Da möchten sich die Menschen an Vorbildern orientieren, die für Werte wie Leistung, Fairplay und Miteinander stehen. Die fetten Jahre sind einfach vorbei, in allen Richtungen, in der Wirtschaft sowie im Sport. Wenn wir wieder an die Weltspitze kommen wollen, dann müssen wir Leistung in den Fokus rücken und andere dafür schätzen und respektieren, dass sie Leistung vollbringen. Es gibt zu viel Belanglosigkeit, die viel zu viel Aufmerksamkeit bekommt.
Frage: Was meinen Sie?
Witt: Auf Instagram zeigen Menschen ihren Alltag und haben wesentlich mehr Follower als die meisten Sportler. Jugendliche haben als Berufswunsch mittlerweile: berühmt werden. Ich finde das erschreckend. Da ist keinerlei Substanz, alles ist oberflächlich. Ich würde mir wünschen, dass sich Jugendliche wieder mehr an Leistung, egal ob musikalisch, tänzerisch, handwerklich oder wissenschaftlich orientieren. Und Sportler sind Vorbilder. Daher sollten wir mehr Sichtbarkeit für Athleten schaffen, die Großartiges erreichen. Solche Vorbilder werden uns als Gesellschaft weiter nach vorn bringen und uns stärker machen.
Der zweite Streich: In Calgary 1988 wiederholt die damalige DDR-Sportlerin ihren TriumphFrage: Wie werden die Kinder wieder aktiver?
Witt: Was für ein tolles Statement, dass die Regierung dem Sport eine eigene Staatsministerin für Sport und Ehrenamt gegeben hat. Das ist das richtige Signal. Sport gehört von Kindesbeinen an in die Gesellschaft. Kinder rennen von Natur aus gern herum, doch dann sitzen sie in der Schule hauptsächlich still, und die Sportstunden finden immer seltener statt. Sport ist ein Lebenselixier. Ohne Bewegung kann man eigentlich nicht gesund älter werden. Und genügend fundierte Studien sagen eindeutig, dass sich mit Bewegung viel leichter lernen lässt.
Frage: Ein Beispiel für Leidenschaft und Leistung sind die deutschen Eiskunstlauf-Weltmeister Minerva Hase und Nikita Volodin. Doch sonst steht der Eiskunstlaufsport hierzulande nicht besonders gut da. Wie kann sich das ändern?
Witt: Das A und O für Spitzenleistungen ist weiterhin, dass Athleten perfekte Rahmenbedingungen und Strukturen haben, sodass sie sich voll und ganz aufs Training konzentrieren können. Leider gibt es diese oft nicht. Es fehlen zum Beispiel ausreichend Eiszeiten, sogar für unsere Topathleten. Das kann nicht sein! Die Sporthilfe tut schon viel und Richtiges, hilft durch finanzielle Unterstützung und ihr Netzwerk. Jedoch müssen die nötigen Rahmenbedingungen von Vereinen und Verbänden zur Verfügung gestellt werden. Wir können uns nicht auf leidenschaftliche Einzelkönner verlassen, die es trotz aller Widrigkeiten an die Weltspitze schaffen und die Kastanien aus dem Feuer holen.
Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst bei „Sport Bild“ erschienen.
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