Sophia Flörsch, eine der bekanntesten Motorsportlerinnen, unterschreibt einen Vertrag beim neuen Formel-E-Team von Opel als Test- und Entwicklungsfahrerin. Die 26-Jährige ist dabei, wenn die Rüsselsheimer in der kommenden Saison zum Start der Gen4-Autos als Herstellerteam in die vollelektrische Rennserie einsteigen. Vor dem Double-Header der Formel E in Berlin (2./3. Mai, Qualifyings jeweils um 11.40 Uhr, Rennen um 16 Uhr, live bei DF1, auf SPORTBILD.de und BILD.de) spricht das deutsche Renn-Ass über ihre neue Aufgabe, über Frauen im Motorsport und ihre Vorbildrolle.

Frage: Frau Flörsch. Sie durften in Le Castellet den neuen Formel-E-Wagen von Opel fahren und vorstellen. Wie hat sich das angefühlt?

Sophia Flörsch: Ich saß zum ersten Mal in dem neuen Auto und bin einige Runden gefahren, das war ein tolles Gefühl. Die letzten Jahre hatte ich immer mal wieder in die Formel E geschnuppert, im Simulator, aber eben noch nicht auf der Rennstrecke. Und das Gen4-Auto ist wirklich krass.

Frage: Können Sie das Gefühl beschreiben?

Flörsch: Ich bin schon viele Rennautos gefahren. Aber dieses hat über 800 PS, Allradantrieb und ist voll elektrisch – bei der Beschleunigung wird man komplett in den Sitz gedrückt, als wäre man in einem Düsenjet. Selbst in der Formel 1 hat man immer ein bisschen Verzögerung, hier nicht.

Frage: Wird die Formel E dadurch noch attraktiver für die Zuschauer?

Flörsch: Definitiv! Die Formel E war, was Aktionen und Renngeschehen angeht, immer sehr spannend im Vergleich zu anderen Serien. Zum einen durch die Stadtkurse – und auch dadurch, dass die Meisterschaft so eng zusammen ist. Für die Fans wird es nochmal spektakulärer, denn höhere Geschwindigkeit bedeutet noch mehr Action.

Frage: Sie waren schon in anderen Rennserien aktiv und erfolgreich. Warum jetzt die Formel E?

Flörsch: Ich mache Rennsport schon über 20 Jahre, und man schaut als junger Fahrer von Jahr zu Jahr, welche Möglichkeiten man hat und wo sich der Sport hinentwickelt. Klar ist die Formel 1 für viele junge Fahrer das Ziel. Aber ich bin offen: Die Formel E hat sich aus meiner Sicht in den letzten zwei, drei Jahren auf Hersteller- und Fahrerniveau zur härtesten Rennserie entwickelt. Für mich ist es wirklich ein toller Schritt, mit Opel diese Partnerschaft einzugehen und in eine Weltmeisterschaft einzusteigen.

Frage: Wollen Sie einen Platz als Stammfahrerin? Oder ist es ein Sprungbrett in Richtung Formel 1?

Flörsch: Aktuell bin ich happy, da wo ich bin. Ich bin ein treuer Mensch und wenn die Zusammenarbeit gut klappt: Warum nicht Formel E? Und klar: Mein Ziel ist es natürlich, Stammfahrerin zu werden. Das weiß auch Opel. Es ist aber natürlich wie immer im Sport, die Leistung muss passen.

Frage: Sie meinten kürzlich bei einer Veranstaltung, dass Motorsport nach wie vor Machosport sei. Finden Sie, die Formel E unterscheidet sich von anderen Rennserien?

Flörsch: Der Sport ist nach wie vor Männer-geprägt. Vor allem die Formel 1 wirkt noch sehr alt eingesessen in manchen Aspekten. Die Formel E versucht, sich jünger positionieren und jüngere Menschen anzusprechen, moderner zu sein. Deshalb sind auch Hersteller offener. Unterm Strich muss man aber performen. Bei den Rookie-Tests, wenn Männer und Frauen gegeneinander fahren, ist das Geschlecht egal, Hauptsache ich bin vorne mit dabei.

Frage: Was halten Sie von den jährlichen Frauen-Tests der Formel E?

Flörsch: Ich habe mich in der Vergangenheit immer so ein bisschen gegen reine Frauen-Rennen gewehrt. Wir sind auch alle Sportler, warum daraus so ein Ding machen? Aber natürlich gehört das für mich zu meiner neuen Aufgabe dazu und ich sehe es in der Formel E als eine zusätzliche Entwicklungsfahrt.

Frage: Sie haben mit über 800.000 Followern eine sehr große Reichweite auf Instagram. Sehen Sie sich als Idol für die nächste Generation von Mädchen von Frauen im Motorsport?

Flörsch: Mich selber als Vorbild oder Idol zu bezeichnen, fühlt sich komisch an – ich sage lieber, ich fühle mich wie eine große Schwester. Fakt ist aber: Sobald Mädchen sehen, dass eine Frau Erfolg hat in diesem Sport, dann inspiriert sie das, auch damit anzufangen. Und auch Eltern sehen, dass Motorsport eine Option ist. Deswegen habe ich vor vielen Jahren Social Media angefangen, weil ich einfach zeigen wollte, dass der Sport sich verändert. Dass ich auch mit gemachten Nägeln im Motorsport erfolgreich sein kann. Und dass es eben nicht nur ein reiner Männersport sein muss.

Frage: Haben Sie das Gefühl, sie bewirken etwas?

Flörsch: Als ich DTM gefahren bin, war es so toll, wie viele junge Mädchen auf mich zugekommen sind und sogar geweint haben – da kamen mir dann auch die Tränen. Sie waren so begeistert, von dem, was ich mache, das erwärmt einem wirklich das Herz. Ich bin gespannt, wie es sein wird, wenn ich im kommenden Jahr bei der Formel E in Berlin dabei bin.

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Frage: Wie sind die Reaktionen auf Social Media? Bekommen Sie viele Hass-Nachrichten?

Flörsch: Direkte Nachrichten bekomme ich keine. Da haben Leute nicht den Mut dafür. Ins Gesicht sagen würde es mir wahrscheinlich auch keiner. Unter meinen Bildern gibt es aber immer wieder Kommentare und Diskussionen.

Frage: Wie haben Sie gelernt, damit umzugehen?

Flörsch: Es gibt noch Phasen, da beschäftigt mich das. Ich bin auch nur Mensch und natürlich geht das einem nahe. Ich glaube, das Wichtigste ist wirklich, an sich selbst zu glauben und die richtigen Leute um sich herum zu haben. Familie und Freunde, die einen unterstützen. Und am Schluss drehe ich den Spieß um, beweise es den Kritikern erst recht. Auf der Couch liegen und Hate-Kommentare schreiben kann jeder. Aber das, was ich mache, das kann nicht jeder.

Frage: Absolut nicht. Wenn Sie in ein Rennauto steigen – haben Sie da ein bestimmtes Ritual?

Flörsch: Ich muss immer meinen rechten Handschuh anziehen vor meinem linken. Und in Formelautos muss ich auch immer von rechts ins Auto einsteigen, weil sonst läuft es nicht. Außerdem muss ich an Renntagen morgens immer meine Haare waschen, das braucht mit langen Haaren immer ein bisschen Zeit (lacht).

Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst bei „Sport Bild“ erschienen.

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