Der Mann mit der Brille wird 75 Jahre alt. Am 30. April hat Reporter-Legende Uli Köhler Geburtstag. Der Bayer geht seit 1978 auf Stimmenfang, sein Schwerpunkt ist der FC Bayern. Die Brille mit den gelben Gläsern war eine Idee seiner Frau Andrea. „Ich war zunächst skeptisch, aber meine Frau hat mich überzeugt“, sagt Köhler. „Sie trifft immer den Zeitgeschmack. Mit meiner gelben Brille war ich im Jahr 2000 Vorreiter. Sie wurde zu meinem Markenzeichen. Ich werde bis heute darauf angesprochen.“
In seiner TV-Karriere hatte Köhler alle Größen des deutschen Fußballs am Mikro. Hier erzählt er die kuriosesten und bewegendsten Geschichten.
Über Franz Beckenbauer
„Zu den Bayern-Präsidentenzeiten ist er nach schlechten Spielen oft schnell von der Ehrentribüne durch die Tiefgarage abgehauen. Da bin ich ihm die Treppen runter gefolgt und stellte ihn dort mit der Kamera. Da kamen immer wunderbare Sätze heraus wie: ,Ich weiß nicht, was für eine Sportart die gespielt haben, aber Fußball war es nicht!‘ 1986 sollte ich ihn zu seinen Teamchef-Zeiten beim Länderspiel in der Schweiz befragen. Es war ein grottenschlechtes Spiel, das Deutschland mit 1:0 durch Dieter Hoeneß gewann. Zur Halbzeit war Beckenbauer bereits geladen. Auf dem Weg in die Kabine sagte er zum 110-Kilogramm-Mann mit der Tuba von der Kapelle, die im Stadion auftrat: ,Kannst du für uns Fußball spielen? Schlechter kann es nicht werden.‘ Nach dem Spiel wollte er dann kein Interview geben. Ich hielt ihn mit einem Eisengriff am Unterarm fest, und als er gehen wollte, ließ ich ihn nicht los. Dann filmte der Kameramann los, und Beckenbauer schaltete in den Diplomatie-Modus und antwortete charmant, wie er es perfekt konnte. Danach sagte er aber: ,Das machst du nicht noch mal!‘“
2006/07 ging Köhler (l.) kurz für eine Saison zum Bundesliga-Sender Arena. 2009 bis 2011 kehrte er zum BR zurück. Seit 2011 ist Köhler für Sky Sport News im EinsatzÜber Uli Hoeneß
„Beim FC Bayern gab es 2021 Spannungen zwischen Sportvorstand Hasan Salihamidzic und Trainer Hansi Flick. Es ging unter anderen um den Back-up des Rechtsverteidigers. Über diesen Konflikt berichtete ich. Dann bekam ich im Auto einen Anruf mit unterdrückter Nummer. So melden sich nur ganz wenige. Es war Uli Hoeneß, der mich begrüßte mit: ,Uli, du hast überhaupt keine Ahnung!‘ So heißt heute mein Podcast. Bereits 2018 vor seiner legendären Pressekonferenz mit Karl-Heinz Rummenigge, wo er sich dann über Juan Bernat aufregte, raunte er mir beim Reinkommen nur ein ,Schlaumeier!‘ zu. Man konnte sich trefflich mit Uli streiten, manchmal auch vor der Kamera. Es gibt einige Trigger-Worte, da startete er immer durch: Real Madrid, die Schulden machen dürfen wie die Weltmeister. Die Schiedsrichter. Der DFB. Da floskelt er nicht wie viele andere herum, die Angst vor Stress auf Social Media haben, sondern haut authentisch raus.“
Über Otto Rehhagel
„Bei einem Spiel von Rehhagels Bremern in Nürnberg stand ich auf der Tartanbahn, kam dabei wohl in sein Sichtfeld. Da hat er immer gewunken, also ging ich weg. Nach dem Spiel holte ich mir Bremens Norbert Meier zum Interview. Als ich mit ihm zur Kameraposition ging, bekam ich plötzlich einen Stoß von hinten in den Rücken und landete in einem Schneehaufen. Ich drehte mich um und sah Rehhagel, wie er Meier unterhakte und ihn wegführte. Die Situation sahen auch Kollegen. Ich wurde danach gefragt, ob ich ihn anzeigen würde. Ich sagte, dass ich das nicht tun würde, weil Emotionen zum Fußball dazugehören. Am Tag danach klingelte das Telefon, als ich im Schnittraum beim BR saß. Rehhagel war dran. Er sagte nur: ,Herr Köhler, das war ja nicht so schlimm, oder?‘ Ich antwortete: ,Herr Rehhagel, bei aller Wertschätzung, recht nett war es nicht.‘ Von ihm kam da nur: ,Wollen Sie da jetzt was machen?‘ Als ich ihm versicherte, dass ich ihn nicht anzeigen würde, sagte er nur, dass es dann ja gut sei und legte auf. Kein Wort der Entschuldigung! Viele Jahre später wollte er in Griechenland kein Interview geben, doch ich spürte ihn auf, wir waren live drauf, und er musste reden. Es wurde ein unwirsches Interview. Wir sind keine Freunde geworden.“
Über Erich Ribbeck (Bayern-Trainer 1992/93)
„Bayern spielte schwach, es gab ein riesiges Pfeifkonzert. Also sagte ich Trainer Erich Ribbeck: ,So eine katastrophale Leistung der Bayern habe ich noch nie gesehen …‘ und hielt ihm das Mikro hin. Er antwortete: ,Ist das ihr Ernst, oder wollen Sie mich verarschen?‘ Ich: ,Ich will Sie überhaupt nicht verarschen, aber Sie haben ja die Reaktion der Fans gehört.‘ Woraufhin er mit wutentbrannter Miene fragte: ,Haben Sie jeden gefragt?‘ Und ich antwortete: ,Das war nicht nötig. Das hat man gehört.‘ Daraufhin sagte er: ,Sie tun mir leid.‘ Und rannte weg. Das Problem war, dass er sich im Kabel meines Mikrofons verheddert hatte.“
Über Louis van Gaal (Bayern-Trainer 2009 bis 2011)
„Als er 2009 beim FC Bayern loslegte, war eines der ersten Spiele gegen Nürnberg. Ein extrem mühsames 2:1. Ich war für die ARD-Sportschau vor Ort. Danach ging es für ihn erst zum Interview beim Premiere-Kollegen Dieter Nickles, der ihn ganz neutral nach dem schlechten Spiel fragte. Trotzdem ging van Gaal aus dem Sattel und faltete ihn zusammen: ,Wieso schlechtes Spiel? Das war perfekt von meiner Mannschaft.‘ Ich stand hinter einer Trennwand in der Interview-Zone daneben, konnte alles mithören. Also stellte ich mich auf einen schlecht gelaunten van Gaal ein und fragte: Heute ein ganz spezielles Spiel, sehr viel Aufwand, aber ganz wenig Ertrag. Da glänzten van Gaals Augen, und er sagte: ,Sie sind der Erste, der dieses Spiel verstanden hat.‘ Da habe ich die innere Säge gemacht. Er antwortete dann auch kritisch. Danach hatten wir ein gutes Verhältnis, auch wenn er meinen Namen nicht kannte.“
Köhler (l.) 2006 mit Dragoslav Stepanovic. Ans Aufhören denkt Köhler noch nicht: Aktuell hat er dort das Format „Gesagt. Gemeint!“, und die Umfrage-Show „Das Fußball-Barometer“.Über Vincent Kompany
„Eines der beeindruckendsten Statements, die ich in meiner Karriere gehört habe, war Kompanys zum Thema Rassismus auf der Pressekonferenz bei den Bayern. Dort hatte ich ihm 15 Minuten vorher angekündigt, dass ich ihm eine Frage zu den rassistischen Attacken gegen Vinícius Júnior in Lissabon stellen möchte. In kürzester Zeit bereitete er dann so einen Monolog vor, der druckreif war.“
Der Artikel wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) verfasst und zuerst in SPORT BILD veröffentlicht.
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