Audi lieferte in den ersten Rennen seiner Premierensaison in der Formel 1 überraschend gute Ergebnisse. Zuletzt blieb das Team aber bei zwei Rennen ohne Punkte. Mattia Binotto ist bei Audi die zentrale Führungsperson des Formel-1-Projekts. Nach dem Abgang von Jonathan Wheatley wurde der 56-Jährige zusätzlich kommissarisch Teamchef.
Frage: Herr Binotto, wie würden Sie die bisherige Saison in einem Wort zusammenfassen?
Mattia Binotto: Overdelivering (Erwartungen übertreffen; d. Red.).
Frage: Haben Sie Ihr Team schlechter erwartet?
Binotto: Nein. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich habe mir sogar mehr erhofft – aber es geht nicht darum, was ich mir erhoffe, sondern was realistisch ist. Wir sind ein neuer Hersteller, der unter einem neuen Reglement mit einem eigens entwickelten Motor an den Start geht. Viel herausfordernder wird es nicht. Hätte mir jemand vor der Saison gesagt, dass wir im ersten Rennen direkt Punkte einfahren und zum Mittelfeld der Formel 1 gehören, hätte ich das blind unterschrieben. Denn es ist sehr leicht, in dieser Rennserie Fehler zu machen. Das haben wir aber offensichtlich nicht.
Audi steht derzeit auf dem achten Rang der KonstrukteurswertungFrage: Nach dem guten Saisonauftakt blieben Sie zweimal ohne Zählbares. Sind Sie trotzdem mit der Entwicklung zufrieden?
Binotto: Ich bin glücklich, aber noch nicht zufrieden.
Frage: Was muss passieren, damit Sie zufrieden sind?
Binotto: (grinst)
Frage: Sie wollen Audi zum Gewinn der Weltmeisterschaft führen. 2030 haben Sie dafür als Ziel ausgegeben. Ist das nach wie vor realistisch?
Binotto: Ja. Dass wir auf Anhieb um Punkte fahren können, war nicht zu erwarten. Aber es zeigt, dass wir ein gutes Fundament geschaffen haben. Das Auto funktioniert in seinen Grundzügen und hat keine gravierenden Probleme. Das ist das Wichtigste. Stimmt das Fundament nicht, muss man Zeit, Energie und Geld aufbringen, um Fehler zu korrigieren. Das bedeutet Stagnation – und damit auch, dass dich die Konkurrenz abhängt.
Frage: Stichwort Konkurrenz. Die behauptet, dass Audi nur Teil des Mittelfelds sei, weil einige Teams bisher nicht ihr volles Potenzial abrufen konnten.
Binotto: Diese Logik teile ich nicht. Es ist ein Wettbewerb, der immer im Verhältnis zu anderen steht. Wenn wir aktuell schneller sind, dann ist das ein Fakt. Die anderen können gerne nach links und rechts schauen, aber wir sind nur auf uns fokussiert. Es gibt viel Verbesserungspotenzial, vor allem beim Motor. Aber das ist kein Grund für Unruhe. Es ist Teil unserer Reise, alles läuft nach Plan.
Frage: Nach Plan lief es in der Führungsebene nicht. Teamchef Jonathan Wheatley wurde nach zwei Rennen freigestellt.
Binotto: Jonathan war natürlich eine Schlüsselfigur, und sein Ausscheiden hat Veränderungen erzwungen, die wir nicht geplant haben. Wir haben Jonathans Abgang aber gut als Kollektiv aufgefangen.
Frage: Im Fahrerlager ist es ein offenes Geheimnis, dass das Verhältnis zwischen Wheatley und Ihnen als angespannt galt.
Binotto: Das ist Tratsch aus dem Fahrerlager, der zur Formel 1 dazugehört. Jonathan und ich haben gut zusammengearbeitet. Ja, wir haben unterschiedliche Laufbahnen und kommen aus unterschiedlichen Motorsport-Kulturen, aber dadurch haben wir uns gut ergänzt. Das spiegeln ja auch die Ergebnisse wider. Wenn unser Verhältnis so angespannt gewesen wäre, wären wir sicherlich nicht so gut in die Saison gestartet.
Frage: Waren Sie traurig, dass es zur Trennung kam?
Binotto: Wir waren beide traurig. Ich hätte mir gewünscht, dass es nicht so weit gekommen wäre, aber wir müssen das respektieren und uns mit den Leuten, die noch da sind, auf das konzentrieren, was vor uns liegt.
Frage: Einer Ihrer wichtigsten Mitarbeiter ist Nico Hülkenberg.
Binotto: Nico ist ein toller Typ. Er ist ein sehr guter Rennfahrer, aber außerhalb der Strecke ist er mindestens genauso wichtig für uns. Er ist zuverlässig und führt das Team. Das macht er gar nicht zwingend mit Worten, sondern einfach mit seinem Verhalten. Er ist ein Vorbild für alle.
Nico Hülkenberg fährt seit 2025 für den Rennstall, der seit dieser Saison als Werksteam von Audi an den Start gehtFrage: Mit 38 Jahren ist er bereits im gehobenen Rennfahrer-Alter. Haben Sie Angst, dass er zeitnah seine Karriere beendet?
Binotto: Ich habe Nico noch nie so fokussiert erlebt wie in den vergangenen Monaten. Man sieht, dass er an dem Projekt und auch dem neuen Racing Spaß hat. Er fühlt sich gut in dem Auto. Deswegen kann ich mir nicht vorstellen, dass er zeitnah das Lenkrad abgibt und seine Karriere beendet. Nico hat noch einiges im Tank. Und das Alter scheint keine Rolle zu spielen. Seine Rundenzeiten sind gut.
Frage: Mit Gabriel Bortoleto haben Sie einen vielversprechenden Jungpiloten.
Binotto: Gabi ist ein super Typ und sehr schnell. Obwohl er erst 21 Jahre alt ist, hat er schon eine richtige Führungspersönlichkeit entwickelt – ohne dabei die Bereitschaft zum Lernen zu verlieren. Es ist ideal, dass er mit Nico einen Teamkollegen hat, der über 250 Grands Prix gefahren ist. Die beiden verstehen sich gut und arbeiten zusammen. Genau das brauchen wir in unserer Phase des Projekts. Ein teaminternes Duell würde unnötige Unruhe hereinbringen. Ich bin sehr zufrieden.
Frage: Was fehlt noch, um die Top-Teams um Mercedes & Co. in Zukunft angreifen zu können?
Binotto: Zeit.
Frage: Mehr nicht?
Binotto: Mehr nicht. Schauen Sie: Wir sind ein neues Team, das in allen Bereichen Nachholbedarf hat. Wir haben weniger Erfahrung beim Bau eines Formel-1-Motors, wir haben eine in die Jahre gekommene Fabrik und noch immer rund 150 Mitarbeiter weniger als die Top-Teams. Aber wir arbeiten daran. Wir stellen Leute ein, wir sanieren unsere Fabrik und wir lernen jeden Tag. Aber all das braucht Zeit.
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