Die Grabstätte mit der Nummer O 27 37-38 auf dem weltweit größten Parkfriedhof in Hamburg-Ohlsdorf ist leicht zu finden. Ein Wegweiser erklärt, wo einer der größten Helden der Hansestadt im Alter von 85 Jahren seine letzte Ruhe gefunden hat: Uwe Seeler.
Am Grab wurde eine Holzbank aufgestellt, dort ist die Erinnerung „UNS UWE – EINER VON UNS“ eingraviert. Darüber sind Hamburger Wahrzeichen wie die Landungsbrücken, das Volksparkstadion, der Fernsehturm, ein HSV-Logo, das Rathaus, der Michel und die Köhlbrandbrücke zu sehen. Auch ein Konterfei von Seeler in jungen Jahren: Freudestrahlend sitzt er auf einem Fußball.
Hunderte besuchen jährlich das Grab von Seeler, der am 21. Juli 2022 verstarb – und als einer der größten Sportler überhaupt in die Geschichte einging. Nicht nur, weil er ein großartiger Fußballer und Torgarant war. Er spielte von 1953 bis 1972 für den Hamburger SV und erzielte 507 Treffer in 587 Pflichtbegegnungen. 72 Länderspiele bestritt er für Deutschland, schoss 43 Tore, war langjähriger Kapitän der Nationalmannschaft.
Seeler wurde auch deshalb zum Vorbild, weil er für Bescheidenheit, Verlässlichkeit, Disziplin, Ehrgeiz, Bodenständigkeit, Freundlichkeit und Treue stand. Allein die Tatsache, dass er auf einen Millionenbetrag verzichtete, als Inter Mailand um ihn warb, um in seiner Heimatstadt zu bleiben, sagt alles über den im Stadtteil Eppendorf aufgewachsenen Seeler. WELT verrät nun neue Details zu den Verhandlungen mit Inter Mailand.
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Ende April 1961. Es galt höchste Geheimstufe. Nur die Verantwortlichen des Hamburger SV und der damalige Bundestrainer Sepp Herberger († 80) waren eingeweiht. Und natürlich seine Frau Ilka (89). Im feinen Atlantic-Hotel an der Hamburger Außenalster kam es zum Treffen, das Seeler innerhalb von wenigen Sekunden hätte steinreich machen können.
Superstar-Trainer Helenio Herrera († 87) von Inter Mailand wartete auf den umworbenen Torjäger in einer Suite, mit ihm Berater des Weltvereins aus Italien. Seeler bestellte sich eine Cola. Dann wurde Klartext gesprochen. Inter wollte den Stürmer unbedingt verpflichten, lockte mit einem nicht abzulehnenden Angebot, wovon sein Förderer Herberger wusste und vom ersten Vertragsentwurf folgendes Protokoll erstellte:
„1.) Herr Seeler verpflichtet sich, für den FC Internazionale ab 1. Juli 1961 zu folgenden Bedingungen zu spielen. 2.) Einmalige Vertragsprämie: in italienischen Liren den Gegenwert von DM 500.000. 3.) Jährliches Gehalt: 3.000.000 Millionen Lire, zahlbar in monatlichen Raten von je 250.000 Lire.“
Das wären beim damaligen Umtauschkurs rund 19.100 D-Mark Jahresgehalt gewesen. Als damaliger Oberligaspieler verdiente Seeler beim HSV nur 4800 Mark im Jahr – plus 50 Mark Siegprämie.
Weiter hielt Herberger in seinen Aufzeichnungen fest: „4.) Spielprämie: die von Internazionale üblich gewährte Prämie, jedoch nicht unter fünf Millionen Lire pro Jahr.“ Umgerechnet also nochmals 32.350 Mark garantiert. Zudem steht unter Punkt 5 in Herbergers Protokoll: „Der FC Internazionale wird für eine möblierte Wohnung besorgt sein und für ärztliche Betreuung der Familie aufkommen. Die erwähnten Beträge verpflichten beide Seiten für drei Spieljahre und verstehen sich rein netto, das heißt steuerfrei.“
Uwe Seeler (l.) und Bundestrainer Sepp Herberger 1960Damit nicht genug. „Ich habe drei Tage mit Inter Mailand verhandelt. Und die Zahlen sind immer höher gegangen“, sagte Seeler bei einem von mehreren Treffen mit WELT. Allein das Handgeld wurde erhöht. „Die boten mir 900.000 Mark. Als ich ablehnte, erhöhten sie auf eine Million, dann auf 1,2 Millionen. Es stimmte alles“, sagte Seeler. Es waren unfassbare Summen Anfang der 1960er-Jahre, das Durchschnitts-Jahreseinkommen in Deutschland betrug knapp 7000 D-Mark.
Seeler war aufgewühlt, als er sich entscheiden musste. „Ilka servierte mir Quarkbrötchen. Danach machte ich einen Spaziergang über unser Trainingsgelände, denn ich wohnte nur wenige Meter davon entfernt. Dann reifte der Entschluss, das Angebot abzulehnen. Als ich den Italienern absagte, verstanden sie die Welt nicht mehr. Sie sagten: ,So viel Geld hat noch niemand weggeschmissen.‘ Aber ich war damals schon ein Sicherheitsfanatiker“, erzählte Seeler. Und eine treue Seele.
Für Seeler galt wirklich, was heute ein Slogan ist: Nur der HSV. Das zeigt auch dieses Beispiel aus dem Jahr 1959: Seine große Hochzeits-Sause stieg 1959 im Klubheim. Dabei war er schon Nationalspieler.
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1963 startete die neugegründete Bundesliga. Mit 30 Treffern wurde der HSVer 1964 der erste Torschützenkönig und zu Deutschlands Fußballer des Jahres gekürt. Was Seeler und seine ganze Karriere begleitete: Ein großer Titelsammler wurde er nicht. Einmal Deutscher Meister (1960) und einmal Deutscher Pokalsieger (1963).
Dennoch legte „Uns Uwe“, wie er von allen genannt wurde, eine außergewöhnliche Karriere hin, begeisterte mit sensationellen Toren. Einen seiner schönsten Treffer erzielte er am 4. Juni 1960 im Endrunden-Spiel zur deutschen Meisterschaft gegen Westfalia Herne und Nationaltorwart Hans Tilkowski († 84) per Sitzrückzieher, das als Jahrhunderttor bezeichnet wurde. Legendär auch sein Treffer im WM-Viertelfinale 1970 in Mexiko gegen England, als er beim 3:2-Sieg n.V. zum zwischenzeitlichen 2:2 per Hinterkopf traf.
Die Kapitäne Uwe Seeler (r.) und Bobby Moore (l.) reichen sich vor dem Viertelfinale die HandDer dreimalige Weltmeister Pelé († 82), der wohl beste Fußballer überhaupt, sagte im WELT-Gespräch 2013 über den Hamburger: „Ich habe Uwe Seeler immer bewundert. Sein Kopfballspiel, seine Schüsse im Fallen – das habe ich bei keinem anderen Spieler gesehen. Dazu seine Ballbehandlung, die war einzigartig. Es war mir eine Ehre, gegen ihn zu spielen. Zum Beispiel, als wir 1962 mit dem FC Santos in Hamburg auf den HSV trafen. Es ist schade, dass Uwe Seeler mit Deutschland nie Weltmeister wurde. Verdient hätte er es gehabt.“
Den größten Titel im Weltfußball nahm ihm ausgerechnet ein Schiedsrichter im legendären Finale 1966 gegen England. Der Schweizer Gottfried Dienst († 78) entschied nach einem Lattenschuss von Geoff Hurst (84) in der 11. Minute der Verlängerung auf 3:2 für die Gastgeber. Das „Wembley-Tor“ ist bis heute eines der großen Mythen des Weltfußballs. Deutschland verlor am Ende 2:4.
„Meine schmerzhafteste Niederlage. Keiner weiß, was er da gepfiffen hat“, sagte Seeler. Dem folgte sein Rücktritt aus der DFB-Auswahl. Im Januar 1969 wurde Seeler offiziell verabschiedet, der Hamburger Senat hatte ins Rathaus geladen. Doch dem damaligen Bundestrainer Helmut Schön († 80) gelang es, ihn zu einem Comeback für die WM 1970 zu überzeugen. Seine vierte WM nach 1958, 1962 und 1966.
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Seine große Karriere hat die deutsche Fußball-Ikone Uwe Seeler vor allem dem Ehrgeiz zu verdanken. Darum ärgerte er sich immer wieder über die Profis und deren Einstellung im modernen Fußball. „Die Spieler werden zur Unselbstständigkeit erzogen. Klar, Fußball ist Geschäft geworden, Erlebniswelt. Das ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Aber der Wohlstand hat nicht nur Vorteile. Ich glaube, er verweichlicht. Die Spieler sind ständig verletzt. Die haben Dinge, die kannten wir früher gar nicht. Bei uns gab es ein ABC-Pflaster – und fertig“, sagte er.
Am 1. Mai 1972 beendete Seeler mit 35 Jahren in Hamburg seine Profikarriere. „Je älter man wird, desto mehr Pflege brauchst du, dafür hatte ich keine Zeit“, sagte Seeler. Denn im Zweitberuf war er Vertreter des Sportartikelherstellers Adidas – und diesbezüglich kommt wieder Mentor Herberger, der Deutschland 1954 beim Wunder von Bern zum ersten WM-Titel führte, ins Spiel.
Nach dem gescheiterten Transfer zu Inter besorgte er dank seines hervorragenden Verhältnisses zu Adidas-Gründer Adolf Dassler († 77) Seeler den Job als Generalvertreter, damit er sein Gehalt aufbessern konnte. Als solcher musste er als Bundesliga-Spieler zwischen 60.000 und 80.000 Kilometer im Jahr durch die Republik fahren. Er trainierte auf diesen Touren stellenweise sogar auf Rastplätzen, um fehlende Trainingseinheiten zu kompensieren.
Hamburg verlieh ihm 2003 die Ehrenbürgerschaft, weil die Hanseaten so unglaublich stolz sind auf „Uns Uwe“. SPORT BILD huldigte ihm 2016 mit dem Award für sein Lebenswerk.
Der Artikel wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) verfasst und zuerst in SPORT BILD veröffentlicht.
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