Angst hat sie keine. „Irgendwann sterben wir ohnehin alle“, sagt Yekta Jamali und lacht dabei. Vielleicht wäre ihr Leben sogar schon vorbei. Doch die Gewichtheberin lässt sich nicht verbiegen. Auch nicht vom System in ihrer Heimat. Ein Besuch bei der gebürtigen Iranerin an ihrem Trainingsort in Leimen. Wo die 21-Jährige genau wohnt, will sie nicht verraten. Drohungen haben sie vorsichtig werden lassen.
„Ich bekam anonyme Nachrichten: ‚Pass auf, wenn du rausgehst. Wir wissen, wo du wohnst.’“ Und weiter: „Hey, ich bin in Deutschland. Haben die nichts anderes zu tun? Nein, ich habe keine Angst“, sagt Jamali. Sie spricht fließend Deutsch, besitzt seit Februar einen deutschen Pass. Bei der EM, die am Sonntag in Batumi (Georgien) beginnt, will sie eine Medaille – zum ersten Mal mit dem Adler auf der Brust. Rückblick: 2022 floh die damals 17-Jährige nach der Junioren-WM in Athen nach Deutschland. Sie hatte Silber in der Klasse bis 87 Kilo gewonnen, wurde aber vom Sportdirektor niedergemacht. Yekta: „Er sagte: ‚Du warst nicht gut. Wir wollten Gold. Ich glaube nicht, dass ich dich noch einmal einlade.“
So stark, so mutig – Yekta JamaliDer berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Jamali: „Ich war traurig, weinte und hörte, Frauen-Gewichtheben solle wieder verboten werden. Da bekam ich Angst. Ich hatte für den Sport meine Familie verlassen, sie nur zwei Wochen im Jahr gesehen. Und nun das? Da wollte ich nicht mehr zurück.“
Jamalis Flucht ist filmreif
Zu Hause im Iran war sie schon lange nicht mehr glücklich. Yekta: „Mit Sportlern wird respektlos geredet. Die Trainer sagen oft schlechte Worte, haben uns ständig beleidigt. Männliche Athleten werden mit dem Gürtel geschlagen, wenn sie nicht gut trainieren.“
Yekta: „Wir hatten auf Reisen einen Aufpasser dabei. Der achtete darauf, dass die Hose nicht zu kurz ist und das Kopftuch richtig sitzt. An dem Morgen ist er aber zu einem Wettkampf. Eine Situation, wie von Gott geschickt. Ich sagte meinem Trainer, dass ich spazieren gehe – und bin mit dem Taxi zum Flughafen.“
Dort suchte sie die nächste Maschine nach Deutschland. Die Begründung dafür klingt unglaublich. Jamali: „Ich wusste, dass es ein Land gibt, das so heißt, aber nicht, ob es gut oder schlecht ist. Aber ich kannte über Instagram zwei Gewichtheber. Die Trainingsbilder sahen gut aus und da dachte ich mir: ‚Gehst du eben da hin!‘“
Und weiter: „Ich hatte nur meinen Pass, mein Handy, ein Ladekabel und meine Silbermedaille dabei. Meine Trainingsjacke und das Kopftuch habe ich auf dem Flughafen in den Müll geschmissen.“
Sie startete bei den Olympischen Spielen in Paris
Da der nächste Flug nach Frankfurt ging, nahm sie diesen. Ein Visum hatte sie. Jamali: „Es galt 20 Tage für den gesamten Schengen-Raum.“ Nach der Landung in Frankfurt kam sie für zwei Tage in Gewahrsam. Die Gewichtheberin: „Ich log, dass ich Freunde besuchen wolle. Aber ich war unter 18 und hatte kein Rückflugticket. Also glaubten sie mir nicht.“
Google half der Bundespolizei: „Die Polizistin sagte: ‚Wir wissen, wer du bist.‘ Daraufhin habe ich alles erzählt. Auch, dass ich Angst vor dem Gefängnis habe, oder ich bald nicht mehr lebe, wenn ich zurückgehe.“ Über das Jugendamt kam sie in ein Heim für Jugendliche, blieb dort ein Jahr. Die Einrichtung stellte den Kontakt zu den Gewichthebern her. Nach vier Monaten hatte sie einen Ausweis, konnte zwischen Trainingsort und Frankfurt pendeln.
Jamali träumt von einer Teilnahme an den Olympischen Spielen 2028 in Los AngelesWenig später holte sie das Flüchtlingsteam des IOC in den Kader. So wurde 2024 in Paris ihr Olympia-Traum wahr. Da wurde sie Neunte. Und wie ist das, die Ex-Teamkollegen aus dem Iran bei Wettkämpfen zu sehen? Yekta: „Wir haben Kontakt, aber vor Ort haben sie Angst, mit mir zu reden.“
Gab es Repressalien gegen ihre Familie? „Meiner Mutter wurde das Handy weggenommen, um herauszufinden, wo ich bin. Meinem Vater wurde der Ausweis abgenommen und er verlor seinen Job als Bauarbeiter. Aber meine Eltern verstehen mich. Wir Sportler müssen unterschreiben, dass all unser Besitz dem Staat verfällt, wenn wir flüchten.“
„Das Regime muss weg, sonst wird es noch schlimmer“
Die Eltern und ihre Schwester Donya leben weiter 4500 Kilometer entfernt in ihrer Geburtsstadt Sedeh Lenjan, 500 Kilometer südlich von Teheran. Seit fast vier Jahren hat sie ihre Liebsten nicht gesehen. Die Informationen aus der Heimat sind spärlich. Auch, weil das Internet seit Kriegsbeginn vor zwei Monaten weg ist. Länger als zehn Sekunden hält keine Telefonverbindung. Yekta: „Sie hören Bomben fallen und Schüsse. Aber auch ohne Krieg haben sie kein Leben. Du wirst getötet, wenn du sagst, dass du Freiheit willst oder Arbeit. Und die ist knapp.“
Politikwissenschaftler Peter Rough blickt auf die Verhandlungsbereitschaft des Iran. Eine Einigung der USA mit dem Iran zur Beendigung des Krieges rückt nach den Worten von US-Präsident Donald Trump näher.Das Kopftuch wegzuschmeißen, war emotional kein Problem für sie. Jamali: „90 Prozent der Frauen wollen kein Kopftuch tragen, viele sind nicht gläubig. Aber man muss es tragen, auch als Touristin. Einfach dumm! Jede sollte es so machen, wie sie möchte. Aber es wurden auch schon Frauen ermordet, weil sie es nicht trugen. Eine Freundin musste unterschreiben, das nicht mehr zu tun, sonst käme sie in den Knast.“
Den Schritt nach Deutschland hat sie nicht bereut. Yekta: „Der war richtig, aber ich bin nicht zu 100 Prozent glücklich, denn ich vermisse meine Familie und Freunde.“ Trotzdem ist sie in Deutschland – nicht nur wegen der Sprache – angekommen. Sie hat Freunde, geht zur Schule, auch wenn sie damit gerade pausiert.
Deutschland und Iran – beides ist ihre Heimat
Deutschland oder der Iran – welches ist ihre Heimat? Yekta: „Beides. Im Iran bin ich geboren und habe dort 17 Jahre gelebt, in Deutschland habe ich meinen Olympia-Traum verwirklichen können. Hier fühle ich mich wie zu Hause, hier spüre ich die Freiheit.“
Was wünscht sie sich für den Iran? Jamali: „Es ist gut, dass Ali Chamanei (Ober-Mullah; Anm. d. Red.) tot ist. Aber der Rest ist noch da. Das Regime muss weg, sonst wird es noch schlimmer.“
Hilft dabei der Krieg? Yekta: „Keiner will Krieg, aber auch ohne Bomben töten Iraner ihr eigenes Volk. Ich hoffe, dass das Ganze bald ein Ende hat und die Menschen frei sind.“ So wie sie. In Deutschland. 4500 Kilometer entfernt von ihrer Heimat.
Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Bild am Sonntag“ veröffentlicht.
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