Er war sofort zur Stelle, als er das Missgeschick mitbekam. Am vergangenen Samstagabend saß Rodyse Munienge auf der Trainerbank des FC Bayern, vor ihm lief ein Kameramann im Rückwärtsgang, um die besten Bilder des Bundesliga-Topspiels aus dem Stadion des FC St. Pauli zu bekommen. Dabei stolperte er mit der Kamera in der Hand über zwei Wasserkisten vor der Bayern-Bank. Munienge sprang von der Bank auf und half sofort.
Beim FC Bayern nennen sie den Assistenten von Cheftrainer Vincent Kompany „Mister Aura“. Auch wegen seiner Hilfsbereitschaft, vor allem wegen seiner Coolness und seines Humors. Aufgrund von Aktionen wie der beim 5:0 der Münchner auf St. Pauli feiern die Fans des deutschen Fußball-Rekordmeisters den 40-Jährigen beinahe jede Woche.
Auf Instagram hat Munienge mittlerweile und 65.000 Follower, er bespielt auch TikTok. Und hat es bei den Bayern recht schnell zur Kultfigur und zum Publikumsliebling geschafft.
Mittwoch (21 Uhr, DAZN) empfangen die Bayern im Rückspiel des Viertelfinales der Champions League den spanischen Topklub Real Madrid, das Hinspiel gewann die Münchner auswärts 2:1. Vor der mit Spannung erwarteten Partie stehen Kompany und sein Trainerteam im Fokus. Für ihn und Munienge ist es das größte Spiel ihrer bisherigen Zeit als Coaching-Team eines Topklubs. Der Algorithmus sorgt schon daher dafür, dass Munienge in diesen Tagen auf den Smartphones vieler Fußball-Fans sehr präsent ist.
Die offizielle Job-Bezeichnung von Munienge beim FC Bayern lautet: Mitglied des Teammanagements. Er ist viel mehr als das – und immer dabei. Als Vertrauter und Jugendfreund Kompanys ist er ein enorm wichtiger Ansprechpartner, eine Art Assistent. „Mister Aura“ ist nicht als Gute-Laune-Onkel oder Maskottchen beim Team dabei.
„Rodyse ist ganz wichtig. Man sagt immer, er ist mein Kumpel, aber er ist vor allem auch ganz wichtig in meiner Arbeit“, sagte Kompany über die gemeinsamen Aufgaben in der Münchner Klubzentrale an der Säbener Straße. Der Belgier versichert: „Das sage ich nicht nur so. Man muss sich das verdienen, hier dabei zu sein. Wir verbringen viele Stunden zusammen in diesem Gebäude. Ganz alleine zu sein an der Säbener macht nicht immer Spaß, er ist immer dabei – bis ganz spät. Wenn einer am Ende das Licht ausmacht, dann ist es Rodyse.“
Munienge übernimmt bei den Bayern viele Aufgaben. Er steuert im Training die beiden Drohnen, welche die Übungseinheiten unter Kompany von oben für Analysezwecke filmen. Abseits des Rasens ist der Belgier Fahrer für Kompany, hilft ihm Termine zu koordinieren und Probleme zu lösen, die ein Leben als Trainer eines Weltklubs mit sich bringen. Er ist der organisatorische Rückhalt Kompanys und Bindeglied zwischen Trainerstab und Mannschaft. Kompanys Vater Pierre beschreibt es so: „Er macht alles Mögliche für Vincent, schon seit Jahren: Rodyse ist sein Bodyguard, sein Fahrer, sein Tausendsassa.“
Vincent Kompany schwärmt von Mr. Aura
Nach einem wichtigen Sieg oder Titelgewinn tanzt Munienge schon auch mal mit Kompany und den Spielern vor der Fankurve, auch ein wichtiges Tor feierte er hin und wieder sehr euphorisch mit. Und im Training tritt er manchmal selbst gegen den Ball, agiert mal als Freistoßschütze und mal als Torwart.
Bei einer Trainingseinheit mit dem französischen Defensivstar Dayot Upamecano nahm Munienge kürzlich einige Pässe sogar mit dem Hintern an. Videos seiner besten Aktionen teilt er gern in den sozialen Medien, meist mit einem augenzwinkernden Kommentar – „Mister Aura“ nimmt sich selbst nicht allzu ernst. Unter die Aufnahmen eines verwandelten Freistoßes schrieb er: „Ich kann es immer noch.“ Die Fans feiern es.
„Mister Aura“ trägt an der Seitenlinie kurze Hosen – auch bei Schnee, Eis oder Dauerregen. „Was it kält today?“, schrieb er bei Instagram zu einem entsprechenden Foto. In seiner Heimat Kinshas, Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, ging er in einer Bayern-Lederhose zum dortigen Oktoberfest. Als Kompany kürzlich auf seine lässigen Outfits an der Seitenlinie angesprochen wurde, sagte der Coach lächelnd: „Es gibt nur einen ‚Mister Aura‘ und das ist Rodyse – das wissen Sie auch!“
Mai 2025: Rodyse Munienge (3. von.l.) feiert mit Trainer Vincent Kompany und der MannschaftKompany und Munienge wuchsen gemeinsam im Brüsseler Problemviertel „Quartier Nord“ auf, ihre Familien lebten im selben Gebäude. Sie sind Trauzeugen und Patenonkel für die Kinder des jeweils anderen. Als Innenverteidiger Kompany 2006 vom belgischen Spitzenklub RSC Anderlecht nach Deutschland zum Hamburger SV wechselte, kam Munienge als Vertrauter mit. Ein Jahr später erlebte Kompany einen Einschnitt: Seine Mutter starb.
In einer Phase, in der er von Hamburg aus sportlich den nächsten Schritt gehen wollte, verlor Kompany einen zentralen Halt. In dieser Phase rückte Rodyse Munienge noch näher an ihn heran. Auch bei Kompanys Trainerstationen in Anderlecht sowie in England beim FC Burnley war er stets dabei und kam dann im Juli 2024 auch mit nach München.
Die Bayern-Spieler scherzen viel mit Munienge, in der Mannschaft ist er enorm beliebt. Auch wegen seines Humors. Im vergangenen Jahr schrieb der Vater einer neunjährigen Tochter bei Instagram: „Frisch gebackener Single-Mann, fast 40 Jahre alt, sucht eine Frau namens Nathalie. Damit ich mein Tattoo nicht neu machen muss.“
Am vergangenen Freitag feierte er mit seinem Freund Kompany dessen 40. Geburtstag, bei der kleinen Party am Trainingszentrum an der Säbener Straße waren auch Ehrenpräsident Uli Hoeneß und Präsident Herbert Hainer sowie Kompanys Vater dabei. Mittwochabend nun kann Rodyse Munienge alias „Mister Aura“ den international bislang größten Erfolg als Teil des FC Bayern schaffen. Wieder zu Europas Top vier zu gehören – das ist das große Ziel der Münchner, die im Vorjahr im Viertelfinale an Inter Mailand gescheitert waren.
Munienge wird an der Seitenlinie wieder alles geben – natürlich in kurzen Hosen.
Julien Wolff ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit Jahren über den FC Bayern und die Nationalmannschaft. Mittwochabend wird er beim Rückspiel gegen Real Madrid im Münchner Stadion sein.
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