Noch fehlt Jonny Clayton in diesem Jahr ein Turniersieg. Trotzdem lässt sich das erste Drittel des Darts-Jahres für den 51-jährigen Waliser gut an. Bei den UK Open ging es bis ins Viertelfinale, in der Premier League steht er aktuell an der Spitze der Tabelle. Am Donnerstag holte er in Brighton bereits seinen dritten Tagessieg am zehnten Spieltag. In der Weltrangliste sitzt Clayton Superstar Michael van Gerwen im Kampf um Platz vier im Nacken.
All diese Leistungen sind alles andere als selbstverständlich. Nicht nur, weil ihn der Tod seines Vaters im Herbst 2023 völlig aus der Bahn geworfen und zwischenzeitlich außer Form gebracht hat. Clayton leidet schon lange an Gichtanfällen.
WELT: Herr Clayton, woran merkt ein Darts-Profi, ob er gut in Form ist?
Jonny Clayton: Es ist das Selbstbewusstsein. Wenn es da ist, kann man den Dart einfach loslassen – er wird schon in der Triple-20 landen. Es gibt kein besseres Gefühl. Wenn die Dinge nach deinen Vorstellungen laufen, ist das Spiel einfacher. Wenn das aber nicht der Fall ist, ist die Bühne ein einsamer Ort. Das Selbstvertrauen sinkt, der Wurf in die Triple-20 klappt einfach nicht. Das macht das Spiel so schwierig.
WELT: Einfach gesagt, Darts ist ein Spiel des Flows.
Clayton: Absolut. Wenn man im Flow ist, lassen sich die Darts viel einfacher werfen.
WELT: Was braucht es, um in diesen Flow zu kommen?
Clayton: Wir spielen alle gut Darts, aber wir haben auch alle Formtiefs. Da muss man sich durcharbeiten. Man muss trainieren, und ich gehöre zu denen, die nicht besonders viel trainieren. Ich bin ziemlich faul. Mir wird an der Dartscheibe langweilig. Manchmal trainiere ich nur 20 Minuten, am nächsten Tag aber drei Stunden, wenn es mir doch Spaß macht. Trainieren ist wirklich wichtig, aber nur, wenn es Spaß macht – das ist meine Meinung. Um auf die Frage zurückzukommen: Im Grunde muss man sich durch schlechte Phasen kämpfen, versuchen, schlechte Würfe zu vergessen und die guten zu finden. Genau darum geht es beim Darts.
WELT: Können Sie sich erklären, warum Ihnen das Training manchmal keinen Spaß macht?
Clayton: Manchmal gehe ich ans Board mit dem Gedanken, zu trainieren. Dann habe ich aber doch einfach keine Lust dazu. Ich bin dann einfach nicht in der Stimmung, Darts zu werfen. Also lasse ich es sein. Und wie gesagt, am nächsten Tag trainiere ich dann vielleicht zwei, drei Stunden und habe Spaß dabei. Dann vergeht die Zeit wie im Flug.
WELT: Sind Sie jemand, der einen Trainingspartner bräuchte, um sich mehr zu motivieren?
Clayton: Training mit anderen ist immer gut. Aber unser Terminkalender ist so voll, in meiner Nähe wohnt auch keiner der anderen Profis. Ich müsste also einen langen Weg auf mich nehmen, um mit anderen zu trainieren. Das mache ich nicht.
WELT: Sie haben den Terminkalender angesprochen. Neben den Major-, Pro-Tour- und European-Tour-Turnieren spielen Sie aktuell jeden Donnerstag in der Premier League. Hängt Ihr geringes Trainingspensum auch damit zusammen, dass Sie neben all den Turnieren auch mal Zeit für andere Dinge haben wollen?
Clayton: Natürlich brauche ich Zeit für die Familie, will meine Frau und meine Kinder sehen. Aber letztlich ist Darts mein Job. Ich verdiene damit mein Geld. Ich plane nicht, Turniere auszulassen. Matchpraxis ist ohnehin besser als alles andere. In den Turnieren spielst du gegen die besten der Welt. Ein besseres Training gibt es nicht. Du stehst unter Druck, musst gut spielen, um zu gewinnen.
WELT: Sie haben über das benötigte Selbstbewusstsein gesprochen, um gut zu spielen. Als Beobachter hat man das Gefühl, dass Sie gerade viel davon haben. Wann hatten Sie es zuletzt verloren?
Clayton: Dieses Jahr läuft es sehr gut, ja. Ich muss aber ehrlich sein. Ich hatte vorletztes Jahr eine schwere Zeit, in der einfach nichts klappen wollte. Was ich auch versucht habe, es lief nicht rund. Ich habe damals meinen Vater verloren. Das hat mir jegliches Selbstvertrauen genommen. Ich wollte gar kein Darts mehr spielen.
Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify, Apple Podcasts oder direkt per RSS-Feed.
WELT: Was hat Sie durch diese schwierige Zeit gebracht?
Clayton: Man muss an die anderen Dinge denken. Ich habe immer noch eine Familie. Ich habe zwei Kinder und eine Frau, für die ich sorgen muss, damit sie ein gutes Leben haben. Das ist einer der Gründe, warum ich mir gedacht habe: Ich bleibe beim Darts, ich mache weiter.
WELT: Wie viel Ihrer Motivation ziehen Sie heute aus Ihrer Familie?
Clayton: Jegliche Motivation. Es ist genauso wie mit jedem anderen Job. Du gehst zur Arbeit, um Geld zu verdienen und für dich und deine Familie zu sorgen. Ich versuche, meiner Familie das Beste möglich zu machen. Und durch Darts ist das möglich.
WELT: Der Unterschied zu anderen Jobs ist allerdings, dass Sie im Darts die Chance haben, das Geld in einer viel kürzeren Zeit zu verdienen.
Clayton: Es ist ein Hobby, das sehr gut für mich gelaufen ist. Jetzt ist es mein Job geworden. Meine Aufgabe ist es, so viel Geld wie möglich zu verdienen. Das versuche ich, hoffentlich noch für ein paar weitere Jahre.
WELT: Wann hören Sie auf?
Clayton: Ich weiß es nicht. Ich habe kein festes Enddatum. Vielleicht spiele ich noch weitere zehn Jahre. Aber es muss mir Spaß machen. An dem Tag, an dem es mir keinen Spaß mehr macht, werde ich sagen: Das war’s mit Darts.
WELT: Ihre Gicht scheint kein Hindernis, selbst wenn Sie wie zuletzt beim Premier-League-Abend in Nottingham über die Bühne humpeln. Wie gehen Sie mit der Krankheit um?
Clayton: Ich nehme jeden Tag Medikamente – 400 Milligramm Allopurinol. Wenn ich einen Gichtanfall bekomme, hoffe ich einfach nur, dass es weg ist, bis ich Darts spielen muss. Aber manchmal, wie in Nottingham, war die Gicht da. Es ist sehr schmerzhaft und unangenehm.
WELT: Wie lange haben Sie damit schon zu kämpfen?
Clayton: Ich glaube, es sind rund zehn Jahre. Am Anfang wusste ich nicht, was es ist. Ich dachte, es wäre eine Verletzung vom Rugby oder von der Arbeit. Dann habe ich herausgefunden, dass es Gicht ist. Ich versuche, alles richtig zu machen, mich richtig zu ernähren, mich zur richtigen Zeit auszuruhen. Aber ich habe leider trotzdem darunter zu leiden, und ich glaube nicht, dass es so schnell wieder weggehen wird.
WELT: Sie dürften glücklich sein, dass Sie keine regelmäßigen Anfälle in Ihrem rechten Wurfarm haben. Das wäre schwierig.
Clayton: Allerdings. Aber es kann in jedem Gelenk auftreten. In den Fingern, im Arm, in den Knien, ganz egal. Ich habe vor allem Probleme mit den Knöcheln und mit den Knien. Bislang ist es noch nicht in meinen Arm gezogen.
WELT: Angesichts des engen Terminkalenders könnten Sie sich eine längere Pause auch gar nicht erlauben, oder?
Clayton: Das stimmt. Ich versuche, auf mich zu achten. Wenn man die Gelegenheit hat, sich gesund zu ernähren, muss man das auch tun. Wir spielen oft zu einer Uhrzeit, zu der Restaurants schon geschlossen haben. Also greift man danach zur Pizza oder anderem Fast Food, das nicht ganz so gesund ist. Ich versuche, auf meine Ernährung zu achten, wann immer es geht.
WELT: Fällt es Ihnen angesichts der vielen Reisen leicht, auf Ihren Körper zu achten?
Clayton: (deutet auf seinen Bauch) Ich bin nicht in Form. Ich bin 51. Ich brauche keinen Sixpack mehr. Ich brauche etwas, das mich den Winter über warmhält. Spaß beiseite: Ich versuche schon, mich einigermaßen gesund zu ernähren. Bei unserem vollen Terminkalender und den Spielzeiten hat man aber manchmal einfach keine Gelegenheit, sich gesünder zu ernähren, als es um 22 Uhr in einer Pizzeria oder einem Dönerladen möglich ist.
WELT: Wie oft trifft man Jonny Clayton um 22 Uhr in einer Pizzeria?
Clayton: Ich liebe Döner, also bin ich dann eher in der Dönerbude. Ich esse Salat auf meinem Döner, das ist also gesund für mich (lacht).
WELT: Machen Sie neben Darts noch Sport?
Clayton: Ich spiele Golf, das genieße ich. Aber ich bin nicht besonders gut.
WELT: Viele sehen nur die Schwünge, aber immerhin läuft man beim Golf ja auch mehrere Kilometer über den Platz.
Clayton: Die jungen Menschen laufen immer. Ich nehme mir ein Golfcart. Dann kann ich sitzen und die Leute beim Laufen beobachten. Ich genieße Golf, aber nicht wegen des Laufens.
WELT: Was ist Ihr Handicap?
Clayton: 13. An einem guten Tag.
Luca Wiecek ist Sportredakteur für WELT. Er spielt selbst semigut Darts, noch in der Berliner Oberliga.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke