Noch in der Nacht zum Dienstag begaben sich die ersten deutschen Fußball-Nationalspieler nach Hause, der Rest machte sich schließlich am Morgen auf den Weg. Für Julian Nagelsmann war die Dienstreise nach den Testspielen in der Schweiz (4:3) und in Stuttgart gegen Ghana (2:1) aber noch nicht beendet. Für ihn ging es nach Eindhoven, wo er sich die Partie zwischen den Niederlanden und Ecuador aus nächster Nähe anschauen wollte. Ecuador ist am 25. Juni in New York der dritte Vorrundengegner bei der WM.
Für das Turnier, das vom 11. Juni bis 19. Juli in den USA, Mexiko und Kanada stattfindet, sieht der Bundestrainer seine Mannschaft schon gut gewappnet. „Wir haben Erkenntnisse gewonnen, die wir jetzt verarbeiten. Wir haben ein paar Schritte nach vorn gemacht Richtung WM“, resümierte der Bundestrainer nach den zwei Siegen binnen vier Tagen. In der Favoritenrolle für den WM-Pokal sieht Nagelsmann den viermaligen Weltmeister Deutschland zwar nicht. Er wisse auch nicht, „ob wir jetzt Herausforderer sind“. Was er aber weiß: „Wir haben auf jeden Fall die Fähigkeiten, ein sehr gutes Turnier zu spielen. Wie jeder weiß, ist in K.-o.-Spielen immer alles möglich – und da müssen wir hinkommen.“
Zum Auftakt der WM trifft Deutschland am 14. Juni in Houston auf Curaçao, im zweiten Gruppenspiel ist die Elfenbeinküste am 20. Juni in Toronto der Gegner. In Bezug auf die Gruppenphase müsse laut Nagelsmann das Ziel sein, „dass wir da stabiler sind als bei den letzten beiden Weltmeisterschaften und uns gute Voraussetzungen schaffen, um in der K.-o.-Phase gute Spielorte, gute Gegner zu haben. Und dann ist in allen Richtungen etwas möglich.“ Bei der WM 2018 und der WM 2022 schied Deutschland jeweils in der Vorrunde aus.
Vor der WM testet die Mannschaft von Nagelsmann am 31. Mai in Mainz noch gegen Finnland, am 6. Juni spielt die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in Chicago gegen die USA. Tags darauf begibt sie sich von dort ins WM-Quartier nach Winston-Salem im US-Bundesstaat North Carolina.
Bundestrainer Nagelsmann lobt taktische Disziplin
Nach sieben Siegen in Serie, das bleibt festzuhalten, stimmt die Richtung, die die deutsche Mannschaft eingeschlagen hat. Sie spielte zwar weder gegen die Schweiz noch gegen Ghana überzeugend, doch bekanntlich stärkt nichts mehr das Selbstvertrauen als Erfolge. „Wir haben sicherlich zwei nicht perfekte Spiele gemacht. Aber wir haben beide Spiele trotzdem gewonnen“, hob Kapitän Joshua Kimmich explizit hervor.
Der Bundestrainer lobte seine Mannschaft für die taktische Disziplin in den ersten 25 Minuten gegen Ghana. Der Gegner hatte, so Nagelsmann, keinen einzigen Konter. Weil seinem Team jedoch kein Tor gelungen sei, „wurden wir etwas ungeduldig und haben die Positionen nicht mehr so besetzt. Dann hatten wir wieder sehr viel Freestyle, wie in der Schweiz“. Doch insgesamt habe man besser gespielt als beim 4:3 in Basel, „auch wenn wir gegen Ghana mit weniger Toren gewonnen haben“. Die Mannschaft, ergänzte der 38-Jährige, müsse aufpassen, sich das Leben nicht selbst schwerzumachen, gerade mit Blick auf die WM, wo es dann wärmer wird und sie nicht unnötig weite Wege in einem Spiel gehen sollte. „Es ist sehr gut, dass wir immer Tore schießen und gewinnen wollen. Das ist ja ein Top-Zeichen, die Jungs wollen einfach.“
Am 12. Mai wird Julian Nagelsmann seinen WM-Kader nominieren. 13 Tage später beginnt die unmittelbare Turniervorbereitung in Herzogenaurach. Mit Blick darauf äußerte der 38-Jährige seine Wünsche. An vorderster Stelle stehen fitte, formstarke Akteure. Er drückt „allen Spielern die Daumen“, dass sie die Saison in ihren Vereinen bestmöglich beenden. „Sie sollen möglichst viele Titel mitbringen in die letzte Phase vor der WM“, sagte der Bundestrainer. Mit den Tests gegen Finnland und die USA wäre man dann „sehr gut präpariert“ und würde alles geben für ein gutes Turnier.
26 Spieler darf der Bundestrainer mit zur WM nehmen. Und so wie es ausschaut, wird es wohl keine großen Debatten mit Blick auf die finale Nominierung geben. Denn die Rollen, dies betonte Nagelsmann in den vergangenen Tagen gebetsmühlenartig, sind klar verteilt. Es gibt Stamm-, Ersatz- und Kaderspieler. Auch wenn der Coach nicht explizit verraten wollte, was er mit jedem Spieler einzeln besprochen hat, so ließ sich anhand von einigen Aussagen, aber auch aufgrund der Aufstellungen das eine oder andere schlussfolgern. Rolle, Rollenverteilung, Rollengespräche – es waren die meistbenutzten Worte rund um die Tests gegen die Schweiz und Ghana.
Die Startelf rund um Florian Wirtz, den deutschen Unterschiedsspieler vom FC Liverpool, steht im Grunde, auch wenn beispielsweise Deniz Undav, der Matchwinner von Stuttgart, deutlich mehr sein möchte als „nur“ ein Joker. „Natürlich würde ich sie gerne verändern“, sagte der 26-Jährige, der bei seinem Heimspiel in Stuttgart schon vor seinem Tor in der 88. Minute lautstark gefeiert wurde, mit Blick auf seine Rolle im Team. Der Bundestrainer aber erteilte dem Wunsch eine klare Absage.
Deniz Undav lässt sich feiern: Der Stuttgarter Stürmer erzielte gegen Ghana das SiegtorEr habe die Rollengespräche ja nicht für die März-Maßnahme gemacht, sondern für die WM. „Ich glaube zu wissen, dass wir auch im Sommer auf jeden Fall Joker brauchen, die in der Lage sind, Spiele zu entscheiden. Er hat sein Tor gemacht, das ist sein Auftrag, das ist seine Rolle“, betonte Nagelsmann. Undav ist mit 23 Toren und 13 Vorlagen in 38 Pflichtspielen aktuell der beste deutsche Angreifer.
Im deutschen Angriff sind Kai Havertz und Nick Woltemade Nagelsmanns Optionen. Auf der Zehnerposition hofft der Bundestrainer auf eine Rückkehr von Jamal Musiala und sieht Serge Gnabry vorn. Undav, der die legendäre Nummer 13 der Weltmeister Gerd Müller (1974) und Thomas Müller (2014) auf dem DFB-Shirt trägt, ist offenbar überall nur Backup des Backups.
Auch wenn die Rolle des Stuttgarters damit klar definiert ist, zählt er dennoch zu den Gewinnern rund um die vergangenen zwei Länderspiele. Wie auch Lennart Karl, der Youngster des FC Bayern – oder Angelo Stiller, der Mittelfeldchef des VfB Stuttgart. Letzterer war anfangs gar nicht für die beiden Partien nominiert worden, rückte nach den verletzungsbedingten Absagen von Aleksandar Pavlovic (FC Bayern) und Felix Nmecha (BVB) dann aber ins Team. Stiller stand jeweils in der Startelf, hat aber noch Luft nach oben.
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Dies wurde auch Leroy Sané nach dessen schwachem Auftritt in der Schweiz attestiert. Gegen Ghana saß der Mittelfeldspieler von Galatasaray Istanbul 78 Minuten auf der Bank, ehe er für Woltemade ins Spiel kam und in seinem 74. Länderspiel das Siegtor vorbereitete. Bei seiner Einwechslung wurde er von einem Teil der 52.723 Zuschauer in der Stuttgarter Arena ausgepfiffen. Das sorgte im Nachgang für großen Unmut beim Bundestrainer und seinen Mitspielern.
„Ich will keine Fans kritisieren, weil das habe ich einmal gemacht vor ein, zwei Jahren. Das hätte ich nicht machen sollen. Generell finde ich es aber wichtig, dass wir, egal, ob man jetzt zufrieden ist mit der Leistung oder nicht, den Spieler zumindest bei der Einwechslung so lange unterstützt, wie er den Adler auf der Brust trägt“, sagte Nagelsmann. Und Deniz Undav sagte: „Wir brauchen jeden Spieler, egal ob man Leroy mag oder nicht, wir werden ihn brauchen. Wir wissen um seine Qualität. Und wir sind eine Mannschaft, wir sind eine Nation, wir müssen zusammenhalten, da darf man keinen ausgrenzen.“
Apropos Zusammenhalt. „Zusammen Geschichte schreiben“ stand in großen Lettern auf einem Banner, das zu Beginn der Partie in der deutschen Fankurve hing. Welche Spieler sich in wenigen Wochen dann zusammen auf die WM-Reise begeben, ist noch offen. „Wir haben eine gute Auswahl an Spielern“, sagte der Bundestrainer abschließend, „wir müssen nun schauen, die Besten zu finden.“
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