Die Formel 1 hat Wort gehalten. CEO Stefano Domenicali hatte nicht weniger als „eine Revolution“ und „eine neue Ära“ für die Saison 2026 versprochen. Kein Wunder, ist das neu eingeführte Reglement (u. a. Motoren zur Hälfte elektrisch, neue Aerodynamik) gleichbedeutend mit der größten Regeländerung der 76-jährigen Geschichte der Königsklasse des Motorsports. Doch wie gut oder schlecht diese „neue Ära“, die durch mehr Überholmanöver für mehr Unterhaltung und engere Rennergebnisse sorgen soll, sein würde, wusste vor dem Saisonstart Anfang März in Australien keiner. Auch Domenicali nicht.
Nach zwei Grands Prix kann der Italiener durchatmen: Die Formel 1 ist – wie von ihm angekündigt – in eine Ära gestartet. Nur bei der Antwort auf die Frage, ob diese besser oder schlechter ist, scheiden sich die Geister. Im Fahrerlager herrscht lediglich Einigkeit darüber, dass sich die Rennserie grundlegend verändert hat.
Nicht nur, weil statt der bisher 20 Autos mittlerweile 22 Boliden (Cadillac kam als elftes Team) um den Sieg fahren, sondern weil es um mehr geht als nur darum, der furchtloseste Fahrer zu sein, der am schnellsten durch die Kurven rast. Der Kopf entscheidet nach wie vor, aber dabei geht es ab dieser Saison vermehrt um den idealen Bremspunkt und cleveres Energiemanagement bei dem halbelektrischen Motor.
Ferrari-Star Lewis Hamilton ist vom Kritiker zum Fürsprecher geworden
Die ersten beiden Rennen waren geprägt von dauerhaften Führungswechseln, Positionskämpfen, technischen Ausfällen und Abflügen. Das Geschehen auf der Strecke erinnerte an den Videospielklassiker Mario Kart. Entertainment pur für den Fan – und damit genau das, was die Formel 1 sich erhofft hat. Wenig überraschend, dass Domenicali das neue Produkt gefällt.
Zuspruch erhält er vom prominentesten Fahrer der Rennserie: Lewis Hamilton. Nachdem der Ferrari-Pilot bei den Testfahrten in Bahrain noch kritisierte, dass die Regeln „lächerlich kompliziert“ seien, ist er nach zwei Grands Prix voll des Lobes. „Die Autogeneration macht mehr Spaß beim Fahren. China war eines der besten und spaßigsten Rennen seit langer, langer Zeit – wenn nicht sogar in meiner Karriere“, sagte der Brite. Das soll was heißen. Immerhin fährt Hamilton seine 20. Saison und ist mittlerweile bei 382 Grands Prix gestartet. Lediglich Fernando Alonso kann mehr Rennteilnahmen vorweisen (427).
Ganz anders ist die Stimmung bei Max Verstappen. Der viermalige Weltmeister ist mal wieder der Gegenpol von Hamilton, der lautstärkste Kritiker der neuen Formel 1. Verstappen ist genervt davon, dass nicht mehr der Fahrer, sondern die Technik über Erfolg und Misserfolg entscheidet: „Die neuen Autos sind zu kompliziert. Es macht überhaupt keinen Spaß, sie zu fahren. Das hat mit der Formel 1 nichts mehr zu tun. Das ist Anti-Racing.“
Verstappen gegen Hamilton. Es ist eine Rivalität, die die Formel 1 seit Jahren prägt und trägt. Was die beiden Gesichter der Rennserie aber gemein haben: Sie dürften von ihren jeweiligen Emotionen gelenkt sein. Denn während Ferraris roter Renner neben Mercedes das beste Auto ist und Hamilton in China beim 26. Versuch endlich seinen ersten Podestplatz für die Scuderia einfahren konnte, scheint es für Verstappen und Red Bull eine schwierige Saison zu werden. Der Niederländer, der seinen fünften Weltmeistertitel ins Visier nehmen wollte, wurde in Australien nur Sechster. In China musste er seinen Boliden mit technischen Problemen abstellen. Ein Sinnbild. Der „RB22“, wie der Red Bull offiziell heißt, bereitet Verstappen und den Verantwortlichen Kopfschmerzen.
Insbesondere der Start, früher eine der Stärken des Ausnahmepiloten, macht Probleme. Bei beiden Grands Prix verlor Verstappen mindestens fünf Plätze. Grund dafür ist eine im Vergleich zur Konkurrenz unterentwickelte Software für den Turbolader, der den Schub beim Start geben soll. Verstappen: „Es würde schon helfen, wenn ich einen normalen Start hätte. Jedes Mal falle ich zurück, aber dann gibt es da auch noch den Reifenabbau, der sehr hoch ist. Unsere Reifen körnen stark, wahrscheinlich haben wir damit mehr zu kämpfen als die anderen. Das ist derzeit das größte Problem.“
Während Red Bull bisher hinter den Erwartungen zurückbleibt, ist Audi überraschend gut aus den Startlöchern gekommen. Doch genau das könnte sich für die Ingolstädter zum Problem der Zukunft entwickeln. Nachdem Gabriel Bortoleto beim Saisonauftakt in Australien mit Platz neun auf Anhieb Punkte erkämpfte und sich das Team auch in China in guter Form zeigte, ist die öffentliche Erwartungshaltung gestiegen. War der Neuling vor der Saison neben Cadillac als schlechtestes Team eingeschätzt worden, gilt er nun als Anwärter für die Top Ten.
Dass Audi aber dauerhaft mit seinen beiden Boliden auf Punktefang gehen kann, ist unrealistisch. Denn während die VW-Tochter bei ihrem ersten Grand Prix in der Königsklasse des Motorsports nah an das eigene Leistungslimit kam, blieben mehrere konkurrierende Rennställe in Australien hinter den Erwartungen zurück.
Neben Aston Martin, McLaren und Williams galt das auch für Alpine. Wie schnelllebig die Formel 1 ist, wurde aber genau an dem französischen Team sichtbar. War Alpine in Melbourne Teil des unteren Mittelfelds, raste Pierre Gasly in China auf Rang sechs. Selbst Teamkollege Franco Colapinto, der im Fahrerlager den Ruf eines mäßig talentierten Piloten hat, errang als Zehnter einen Zähler. Alpine hat seinen Renner und die Wichtigkeit des Energiemanagements verstanden.
Audi erlebt nach dem guten Start in die Formel 1 ein Beben
Die (noch) schwächelnde Konkurrenz wird das genau beobachtet haben. Auch bei Audi haben sie davon Notiz genommen. Für die VW-Tochter kommt nach dem Rennen in Suzuka/Japan (7.00 Uhr/Sky) am Sonntag die bevorstehende Zwangspause der Formel 1 von fünf Wochen – die Grands Prix in Bahrain und Saudi-Arabien wurden aufgrund des Kriegs im Nahen Osten abgesagt – zum idealen Zeitpunkt. Bis am 3. Mai in Miami die Motoren wieder aufheulen, können die Ingolstädter die Eindrücke der ersten beiden Rennen Revue passieren lassen und sich für die Zukunft aufstellen.
Das müssen sie auch – ob sie wollen oder nicht. Denn nach dem Großen Preis von China hat Teamchef Jonathan Wheatley den Rennstall verlassen. Der Brite hat „aus persönlichen Gründen“ um eine sofortige Freistellung gebeten. Neben der Eingewöhnung, die seiner Frau in der Schweiz schwergefallen ist, soll aber auch das Interesse von Aston Martin eine Rolle spielen. Audi kam dem Wunsch dennoch nach und beurlaubte Wheatley. Projektchef Mattia Binotto, der zuvor eine Doppelspitze mit dem Briten gebildet hatte, übernahm die Aufgabe des Teamchefs zusätzlich.
Der Italiener ist es, der Audi in die neue Ära führen wird. Bleibt abzuwarten, ob er in den nächsten Monaten wie Landsmann Domenicali durchatmen und zufrieden auf seine Arbeit schauen kann.
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