Es ist ziemlich genau drei Jahre her, als Nils-Ole Book auf jede Faser durchleuchtet wurde. Passt er zum Klub? Ist den Fans eine Verpflichtung zu verkaufen? Die Antwort lautete nach einiger Recherche: nein. Die Schalker Verantwortlichen hatten Fotos ausgegraben, auf denen Book im BVB-Dress zu sehen ist. Aus Sorge, dass diese öffentlich werden könnten, nahmen die Verantwortlichen damals Abstand von einem Engagement.

Nun ist genau das eingetreten, was die damaligen Bosse von Dortmunds Pott-Rivalen schon zu dem Zeitpunkt erahnt haben: Book wird irgendwann mal in Dortmund landen. Der Manager, der zuletzt knapp acht Jahre als Sport-Chef in Elversberg tätig war, tritt die Nachfolge von Sebastian Kehl an, der am vergangenen Sonntag freigestellt wurde. Eine Entscheidung, die den BVB ordentlich durchrüttelte. Die sich aber über Monate angebahnt hatte.

Nils-Ole Book übernimmt beim BVB

Am Montag war das Kapitel für Kehl endgültig beendet. Der 46-Jährige fuhr noch einmal zur Geschäftsstelle, um einige Dinge abzuholen und sich von den Mitarbeitern zu verabschieden. Hätten Sport-Geschäftsführer Lars Ricken und Carsten Cramer, der Sprecher der Geschäftsführung, die Trennung zuletzt so nicht entschieden, wäre die Wahrscheinlichkeit groß gewesen, dass Kehl von sich aus neue Wege gegangen wäre. Zu groß waren die Risse, zu gravierend war das Misstrauen. Wie konnte es so weit kommen?

Kampf um Anerkennung zwischen Kehl und Ricken

Intern wurde Kehl immer wieder vorgeworfen, dass seine Arbeitsweise nicht zum BVB passe. Hinter vorgehaltener Hand wurde gelästert, dass er sich – auch öffentlich – immer wieder über den Transfermarkt beklagte, über die immer weiter ansteigenden Preise für Spieler, die durch die Milliarden aus der Premier League gefördert werden. Anstatt mutige und kreative Lösungen zu finden. Die Philosophie, die den BVB zur klaren Nummer zwei in Deutschland machte.

Zur Wahrheit gehört aber genauso: Die Spieler, die Kehl zuletzt verpflichtete, waren die Wünsche aller Verantwortlichen. Beispiel Carney Chukwuemeka: Trainer Niko Kovac wollte den Offensivspieler von Chelsea im vergangenen Sommer nach der vorherigen Leihe unbedingt fest verpflichten. Kehl drückte den Preis in den Verhandlungen massiv, von 30 auf rund 20 Millionen Euro (plus Boni). Dass Chukwuemeka in dieser Saison kaum zum Zuge kommt und nur bedingt überzeugt, wurde dann oft Kehl in die Schuhe geschoben.

Haben sich auseinandergelebt: Kehl (l.) und Lars Ricken

Und bei den Dingen, die gut funktionierten, gab es vor allem zwischen Ricken und Kehl einen Kampf um Anerkennung. Als Jamie Gittens etwa im vergangenen Sommer für rund 65 Millionen Euro zu Chelsea verkauft wurde, hielten sich beide wenig zurück, um in der Branche zu erzählen, welchen Anteil sie jeweils an dem Deal hatten.

Kehl kokettierte mit den Interessen anderer Klubs

In den vergangenen Monaten schlich sich zunehmend eine Atmosphäre des Misstrauens ein. Berater wunderten sich, dass beide teilweise von Gesprächen mit dem anderen nichts wussten. Energie in den Verhandlungen, die verloren ging. Kehl wurde zudem immer wieder verantwortlich gemacht für die Außendarstellung des Vereins, musste sich intern den Vorwurf gefallen lassen, dass er Informationen nach außen preisgegeben habe.

Vor allem Cramer versuchte über Monate, dass Ricken und Kehl Hand in Hand arbeiten, die Abstimmung zwischen beiden sollte noch enger werden. Als aber im vergangenen November Gerüchte aufkamen, dass Kehl zum VfL Wolfsburg wechseln könnte, und er öffentlich erklärte, dass dieses Gerücht ja durchaus für ihn spreche, gab es den nächsten Knacks. Genauso wie bei den HSV-Gerüchten einige Wochen später.

Die Geschäftsführung empfand es als unpassend, dass ihr Sportdirektor mit dem angeblichen Interesse anderer Klubs kokettiere. Hinzu kam, dass in der Branche und auch beim BVB immer auffälliger wurde, dass Kehl in Interviews häufig in der „Ich-Form“ redete – anstatt in der „Wir-Form“. Kleinigkeiten, die sich weiter anstauten.

Schon seit Wochen schmiedete die Geschäftsführung deshalb einen Plan B, sodass nur einen Tag nach der Entlassung der Nachfolger präsentiert werden konnte. Schon vor einigen Wochen holte Ricken Präsident und Klub-Patron Hans-Joachim Watzke (66) mit ins Boot, um ihn in seine Überlegungen einzuweihen. Watzke sagte ihm, dass es die Entscheidung der Geschäftsführung sei. Er intervenierte jedoch auch nicht. Bereits vor rund einem Jahr, als Watzke noch Teil der Geschäftsführung war, gab es Überlegungen, sich von Kehl zu trennen. Dann legte die Borussia eine überragende Rückrunde hin – und schaffte es auf den letzten Metern noch in die Champions League. Kehls damalige Rettung. Seine Entlassung jetzt ist gleichzeitig Rickens wichtigste Patrone.

Durch die Entscheidung gegen Kehl hat sich Rickens Stellung zunächst zementiert, über den Sommer hinaus darf er auf jeden Fall weiterarbeiten. Ob sein bis 2027 gültiger Vertrag verlängert wird, werden die nächsten Monate nun zeigen. Sein Faustpfand: die Verpflichtung von Trainer Kovac vor rund einem Jahr, die den BVB in allen Bereichen stabilisierte und aktuell in der Bundesliga zur Vize-Meisterschaft steuert, die es seit 2023 nicht mehr gab. Im kommenden Herbst will der Präsidialausschuss, zu dem auch Watzke gehört, über die Zukunft der Geschäftsführung final entscheiden.

Was bleibt nun? Transfer-Vorschläge für den Sommer, die Kehl in den vergangenen Monaten angefertigt hat. In der vergangenen Woche reiste der Ex-Sportdirektor noch nach England, um dort Gespräche mit englischen Erstligisten zu führen. Ob diese Ideen allerdings Bestand haben werden, ist offen. Denn: Die Geschäftsführung will gemeinsam mit Book einen neuen Weg einschlagen. Eher auch mal ein Auge auf talentierte Zweitliga-Spieler werfen, als (teure) Ersatzspieler aus England zu kaufen. Voraussetzung dafür soll jedoch stets ein gefestigter Mannschaftskern sein.

Zuletzt konnte Kehl allerdings noch Fakten schaffen – die dem BVB sehr zugutekamen: Die bis Sommer laufenden Verträge mit Julian Brandt (29), Salih Özcan (28) und Niklas Süle (30) werden nicht verlängert, den Kontrakt mit Felix Nmecha (25), den Kehl 2023 aus Wolfsburg holte, konnte er noch bis 2030 verlängern. Inklusive Ausstiegsklausel, die im Sommer 2027 sogar über 80 Millionen Euro liegt. Auch im Falle von Nico Schlotterbeck (26) konnte Kehl – in diesem Fall gemeinsam mit Ricken – noch Fortschritte erzielen.

Schlotterbeck soll bis 2031 unterschreiben

Nach Informationen der „Sport Bild“ ist eine Vertragsverlängerung des Nationalspielers in Sicht. In den jüngsten Gesprächen ging es nicht mehr um wirtschaftliche Aspekte, der Kontrakt ist ausverhandelt. Ebenso die Vertragslänge: Schlotterbeck soll bis 2031 unterschreiben. Die Signale des Verteidigers: Er könne sich eine Zukunft beim BVB vorstellen. Nach der Länderspielpause stehen die nächsten Gespräche an. Intern ist man optimistisch, dass es dann schnell gehen könnte.

In Kehls Vertrag (bis 2027) war keinerlei Feuer-Klausel verankert, sein Kontrakt läuft vorerst weiter. Geplant ist aber, dass dieser in den kommenden Wochen gegen eine Abfindung aufgelöst wird. Erste Klubs wie der HSV haben Kehl bereits auf der Liste. Man wird sich wohl schon bald im Stadion wiedersehen.

Der Artikel wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) verfasst und zuerst in SPORT BILD veröffentlicht.

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