Sie haben noch keinen Punkt geholt, da spricht man beim FC Bayern schon vom neuen „Dream-Team“ des deutschen Fußballs. Die Einkäufe nähren Fantasien und Hoffnungen der Anhänger. Weltmeister Jürgen Klinsmann ist nach drei Jahren bei Inter Mailand (1989 – 1992), zwei Jahren bei der AS Monaco und einem bei Tottenham Hotspur in die Bundesliga zurückgekehrt, das allein elektrisiert vor der Saison 1995/96. Genau 30 Jahre ist das nun her.
Auch Andreas Herzog (Werder Bremen), Ciriaco Sforza (1. FC Kaiserslautern) und Rückkehrer Thomas Strunz (VfB Stuttgart), für zusammen fast 17 Millionen D-Mark Ablöse geholt, heben das Starpotenzial erheblich an. „Wir haben jetzt eine Ansammlung von großen Spielern, so wie es der AC Mailand schon seit Jahren kennt“, findet Uli Hoeneß. Der neue Trainer Otto Rehhagel hat zwölf Nationalspieler aus fünf Nationen im Kader – und er hat Druck. „Druck hat Bayern immer, aber so groß wie in dieser Saison war er in den vergangenen 15 Jahren nicht“, stellt der noch verletzte Lothar Matthäus fest.
Nicht nur das ist für Rehhagel nach 14 Jahren im beschaulichen Bremen neu. Er taucht in München in eine andere Welt ein. Wie Rehhagel schon am Tag nach Vertragsabschluss im Februar 1995 feststellt, als er die Eckdaten „Wort für Wort“ in der Presse wiederfindet.
6000 Zuschauer beim ersten Training
„Ich weiß, was mich erwartet“, verkündet er vor Dienstantritt trotzig, „ich habe gelernt, mich auf jedem Parkett zu bewegen.“ Zum ersten Training kommen 6000 Zuschauer, Rehhagel muss seine Anweisungen an die Spieler in all dem Trubel per Megafon geben. Hollywood liegt nun an der Säbener Straße – und keiner eignet sich weniger zum Regisseur als der gelernte Anstreicher aus Essen, der sich gern als „Kind der Bundesliga“ bezeichnet und noch so denkt und fühlt wie in deren Gründerzeit: „Ich stehe nicht jeden Tag stramm vor den Medien“, kündigt Rehhagel an. Franz Beckenbauer überredet ihn, es doch zu tun: 30 Minuten – jeden Tag.
Otto Rehhagel (3.v.r.) und die Neuen. Von links: Emil Kostadinov, bereits seit Januar im Team, Thomas Strunz, Andreas Herzog, Ciriaco Sforza und Jürgen KlinsmannDie Bayern-Oberen geben spaßige Kappen in Auftrag mit der Aufschrift „Otto find ich gut“, und anfangs glauben sie sogar daran. Mit sieben Siegen startet Rehhagel in die Saison und stellt einen Bundesliga-Rekord auf. Doch schon vor der ersten Niederlage, dem 1:3 beim BVB (8. Spieltag), geht der Ärger mit dem Uneinsichtigen los.
Die Chronologie einer Demontage
2. September: Rebellion der Ausgewechselten im Derby gegen 1860 München (2:0). Herzog reißt sich das Trikot vom Leib, Klinsmann brüllt: „Ist doch alles Scheiße.“
18. September: In der zweiten Runde des DFB-Pokals ist schon Endstation bei dem Klub, mit dem Rehhagel 1980 zum ersten Mal Pokalsieger geworden ist: Fortuna Düsseldorf. Gerade in die Bundesliga aufgestiegen, kämpft die noch sieglose Mannschaft die Bayern mit 3:1 nieder. Die erste Niederlage für Rehhagel. Fortuna-Stürmer Frank Mill spottet: „In der Bayern-Abwehr spielt jeder, was er will. Vielleicht haben die ein System, ich habe keines erkannt.“
28. September: Jean-Pierre Papin klagt: „Das Problem ist der Trainer, der spricht ja nicht mit uns.“
14. Oktober: Rehhagel will Mehmet Scholl am 9. Spieltag gegen Gladbach nicht aufstellen, Beckenbauer verhindert das und nennt den Trainer im VIP-Raum einen „Wahnwitzigen“. Scholl wird nach dem 1:2 grundsätzlich: „Wir spielen seit acht Wochen und haben noch immer keine Taktik.“
14. Oktober: Thomas Helmer, Ersatz-Kapitän für Matthäus, droht mit Rücktritt, weil er von Rehhagel „immer Kontra kriegt, wenn ich was sage“.
17. Oktober: Beckenbauer greift wieder ein, sagt salopp: „Den Otto kriegen wir schon hin, dass er lockerer wird.“
21. Oktober: Bayern quält sich zu einem 1:0 auf St. Pauli (10. Spieltag). Beckenbauer tobt als Co-Kommentator am Mikrofon von Premiere, spricht von einer „Schülermannschaft“ und zürnt: „Die können froh sein, dass ich nicht mehr ihr Trainer bin.“ Rehhagel weist alle Vorwürfe zurück: „Ich bin Erster, ich habe recht. Wenn wir Fünfter sind, können wir reden.“
Bremer Fans fanden Rehhagels Wechsel zu den Bayern nicht so gut24. Oktober: „Bild“ zitiert Rehhagel: „Ich habe gedacht, die Spieler hätten Größe und Klasse. Aber jetzt habe ich das Gefühl, wir sind im Kindergarten.“ Und Scholl will weg: „So geht es auf keinen Fall weiter.“
25. Oktober: In einer Presseerklärung distanziert sich der FC Bayern „von der Art und Weise, wie in den letzten Tagen über Otto Rehhagel berichtet wurde“.
28. Oktober: Marcel Witeczek erfährt vor der Partie gegen den VfB Stuttgart erst im Stadion, dass er auf die Tribüne muss. Sein Kommentar: „Will der Trainer mich ärgern? Fakt ist, dass ich meine Chance nicht bekommen habe, dabei propagiert Rehhagel nach außen immer, dass er nicht nach Namen geht.“
9. November: Ciriaco Sforza hat Verbesserungsvorschläge: „Pressing nach Ballverlust und den Gegner unter Druck setzen – solche Sachen muss man trainieren. Das klappt derzeit nicht, Sache des Trainers.“
10. November: Scholl wird beim 0:0 in Rostock ausfallend, ruft in Richtung Trainerbank: „Halt’s Maul, du Wichser.“
17. November: Der Vorstand bittet zur Krisensitzung. Rehhagel wird gebeten, sich an die Münchner Verhältnisse anzupassen.
16. Dezember: Hoeneß wird eine gute Woche nach dem 2:0 in Düsseldorf, mit dem Bayern die Hinrunde als Tabellen-Zweiter abschließt, kryptisch: „Wir hätten auch den Mut, einen Trainer zu entlassen, der Tabellenerster ist und die Meisterschaft holt, wenn das Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft nicht stimmt.“
11. Februar: Im Spiel beim HSV drückt Beckenbauer Scholl ins Team, Sat.1-Reporter Jörg Wontorra macht es öffentlich.
14. März: Karl-Heinz Rummenigge antwortet wenige Tage nach der 1:3-Pleite beim SC Freiburg (22. Spieltag) auf die Frage, ob Rehhagel noch der Richtige sei: „Dazu sage ich nichts.“
Abgang: Otto Rehhagel und seine Frau Beate nach dem 0:1 gegen Rostock am Fahrstuhl27. April: Vor dem Spiel gegen Hansa Rostock (30. Spieltag) hat der Vorstand den Spielerrat informiert, dass Giovanni Trapattoni zurückkommt und Rehhagel zur neuen Saison ablösen soll. Bayern verliert das Heimspiel 0:1 und die Tabellenführung an die punktgleichen Dortmunder. Strunz meckert: „Jede Mannschaft hat mehr Disziplin und Fitness.“
Das sieht auch der Vorstand so, Rehhagel wird noch am Abend entlassen. Gründe: Mangel an Kommunikation, eintöniges Training, Starrsinn, Misserfolg. Hoeneß erklärt: „Wir haben auf ihn eingeredet wie noch auf keinen Trainer zuvor, aber er hat sich nicht helfen lassen.“ Zum vierten Mal in den vergangenen vier Jahren haben sich die Bayern bei der Trainerwahl vergriffen, nach Lerby, Ribbeck und Trapattoni nun bei Rehhagel.
Was danach geschah
Wie schon in der Saison 1993/94 springt erneut Beckenbauer ein und sitzt beim 3:2 gegen Köln als erster Präsident der Bundesliga-Geschichte auch als verantwortlicher Trainer auf der Bank. Aber besser wird es unter ihm nicht. In Bremen (2:3), auf Schalke (1:2) und gegen Düsseldorf (2:2) verspielt seine Mannschaft die Meisterschaft endgültig. Den Titel gewinnt zum zweiten Mal in Folge Borussia Dortmund.
Doch Beckenbauer wäre nicht Beckenbauer, würde er mit der Mannschaft nicht doch noch etwas gewinnen. Im Finale des Uefa-Pokals setzen sich die Bayern mit zwei Siegen gegen Girondins Bordeaux durch.
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