Die Wall of Fame ist beeindruckend. Die Schülerinnen und Schüler des Sportgymnasiums Oberhof werden jeden Tag daran erinnert, welche Ziele sie erreichen können. Über viele Meter hängen Plaketten mit den Namen von Medaillengewinnern bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften, die das Gymnasium besucht haben. Die dreifache Biathlon-Olympiasiegerin Kathi Wilhelm ging hier zur Schule, Rodlerin Silke Kraushaar wurde zur Olympiasiegerin geformt und Biathlet Mark Kirchner legte hier seine sportliche Grundlage für seine drei olympischen Goldmedaillen.
Die Bedingungen sind optimal – die Schule ist zugleich Internat, die Trainingsstätten wie der Eiskanal oder die Skihalle sind nur wenige Meter entfernt. Sina Griebenow ist Direktorin des Sportgymnasiums. Sie kann bei den Spielen in Mailand und Cortina d‘Ampezzo über Medaillen ehemaliger Schüler jubeln. Der Doppel-Olympiasieger im Rodeln Max Langenhan und Christopher Grotheer, der nach Gold in Peking vor vier Jahren Bronze im Skeleton gewann, lernten in der Medaillen-Schmiede für ihren Abschluss, den Sport und das Leben.
Christopher Grotheer gewann 2022 in Peking Gold und legte im Eiskanal von Cortina d‘Ampezzo eine Bronzemedaille nachWELT: Welche Voraussetzungen müssen die Schüler erfüllen, wenn Sie auf das Sportgymnasium gehen wollen?
Sina Griebenow: Die meisten Schüler, die ins Internat gehen, kommen ab der siebten Klasse zu uns. Sie müssen die entsprechende Sportart schon in einem Verein trainieren und sportliche Kriterien erfüllen, die der jeweilige Verband vorgibt. Sie müssen eine Kaderzugehörigkeit haben und sportliche Leistungsnachweise erbringen. Die sportliche Perspektive und Entwicklungsmöglichkeiten zählen in die Bewertung auch mit rein.
WELT: Wer bewertet die Talente?
Griebenow: Es gibt eine Aufnahmekommission aus Schule, Trainer und den Sportverbänden. Die schaut sich dann die sportlichen Erfolge, die vorhanden Grundlagen und vor allem auch die Perspektive der Interessenten an. Natürlich brauchen sie auch eine schulische Eignung. Wir sind ein klassisches Gymnasium, haben aber auch einen Regelschulteil, sodass unsere Schüler auch einen Realschulabschluss machen können. Die Bildungsempfehlung bekommen wir aus den Grundschulen.
WELT: Die Warteliste ist bestimmt lang.
Griebenow: Leider nicht. Wir müssen mehr und mehr unsere Schüler generieren. Es ist nicht so, dass sie bei uns Schlange stehen. Die Breite an Talenten wie etwa vor 20 Jahren, als wir die Hochphase unserer Erfolge hatten, ist nicht mehr so gegeben.
Das Gymnasium in Oberhof ist eine Eliteschule des SportsWELT: Woran liegt das?
Griebenow: Ich war vorher als Lehrerin an einer Schule ohne sportlichen Schwerpunkt tätig. Da hatten wir viele Fünftklässler, die keine Rolle rückwärts konnten. Das ist schon erschreckend, wie viele Kinder sich nicht mehr richtig bewegen. Viele Kinder trauen sich einst natürliche Bewegungsabläufe nicht mehr, weil die Eltern Angst um sie haben und sie überbeschützen. Die fahren nicht mehr mit dem Fahrrad zur Schule, dürfen nicht auf Bäume klettern oder über einen Balken balancieren. Was glauben Sie, wenn das Kind sagt, es möchte mit Skispringen anfangen? Es ist generell so, dass die Draußenzeit für Kinder immer weniger wird.
WELT: Nur wegen ängstlicher Eltern?
Griebenow: Nein, aus unterschiedlichsten Gründen wollen oder können viele Eltern nicht mehr mit ihren Kindern toben und Sport treiben. Das schränkt die motorischen Bewegungsmöglichkeiten einer ganzen Generation ein. Das merken auch die Sportvereine und nach und nach dann auch wir an der Sportschule.
WELT: Für die Elite braucht es aber ein breites Fundament.
Griebenow: Ja. Und genau das fehlt immer mehr. Wir haben nicht mehr einen riesigen Pool an Kindern, die im Verein Sport treiben und aus dem wir die größten Talente fördern können. Das wird sich irgendwann auch im Medaillenspiegel bemerkbar machen.
WELT: Wie sieht der Alltag der Schüler aus?
Griebenow: Der Alltag ist durchorganisiert. Jüngere Schüler haben also fünf bis sieben Trainingseinheiten in der Woche. Die Schüler in der Oberstufe sieben bis zwölf. Beim Langlauf müssen die Schüler zum Beispiel auf eine vom Verband festgelegte Kilometerzahl in der Woche kommen. Dazu haben die Schüler normalen Unterricht, sechs bis sieben Stunden am Tag. Schulstart ist um 7.10 Uhr.
WELT: Aua…
Griebenow: Das Gute ist, dass wir ein Internat sind – der Schulweg fällt weg. Vor der ersten Stunde gibt es in der Kantine Frühstück, nach dem Unterricht Mittagessen. Wir haben eine sehr gute Küche, da Ernährung im Leistungssport eine große Rolle spielt. Danach beginnt das Training. Von 19 bis 20 Uhr ist Hausaufgabenzeit, ab 22 Uhr ist Nachtruhe. Bei dem Programm erleben viele diese Uhrzeit nicht mehr.
WELT: Ein straffes Programm für Jugendliche.
Griebenow: Die Schüler, die hier sind, sind so sportaffin, dass sie intrinsisch motiviert sind. Anders würde es bei diesem Programm auch nicht dauerhaft funktionieren. Deswegen haben wir das Training auch umgestellt.
WELT: Erzählen Sie.
Griebenow: Die Struktur, die wir am Sportgymnasium haben, ist in Teilen noch ein sehr starres, das aus DDR-Zeiten stammt. Wir brechen das aber immer mehr auf. Früher ging es mehr um Leistung, um Wettkampfhärte und sich schinden. Jetzt machen wir viel spielerisch und haben vielseitigere Inhalte. Die jüngeren Trainer sind darauf erpicht, dass sich die Sportler selbständig Lösungen erarbeiten. Wir holen die Schüler viel mehr mit ins Boot. Sie sind mündiger, informierter und interessierter als früher.
Sina GriebenowWELT: Inwiefern?
Griebenow: Die Schüler wollen verstehen, was bei bestimmten Trainingsprozessen mit ihrem Körper passiert. Sie interessieren sich mehr für Ernährung, deswegen haben wir hier auch Sporttheorie als Abiturfach. Denn wenn du Sachen verstehst, dann stehst du auch viel mehr dahinter, als wenn es dir einfach vorgegeben wird. Die aktuelle Generation ist aufgeklärter, sie hinterfragt mehr und versucht dann, die Ergebnisse auf das eigene Training zu projizieren. Das ist auf jeden Fall ein Wandel. Es ist sinnvoll zu erklären, warum die Schüler 20 Kniebeugen machen sollen und welchen Effekt das hat, als einfach zu sagen: ‚Mach’s halt.‘
WELT: Oft heißt es, dass die Jugend sich nicht mehr quälen wolle. Können Sie das bestätigen?
Griebenow: Nein, nicht bei unseren Schülern. Sie wissen schon, dass sie zur sportlichen Elite gehören und für ihren Traum vom Leistungssport viel investieren müssen. Das tun sie auch.
WELT: Wie vielen gelingt der Sprung in den Spitzensport?
Griebenow: Der allergrößte Teil wird nicht Olympiasieger, nicht weltbekannt und kann auch nicht davon leben. Die allermeisten, die hier einen Abschluss machen, gehen dann einen ganz normalen beruflichen Weg, studieren oder kombinieren ihren Sport mit einer Anstellung bei der Bundeswehr oder Polizei. Aber wir messen Erfolg hier nicht nur an Medaillen.
WELT: Sondern?
Griebenow: Natürlich auch an den schulischen Leistungen. Aber vor allem daran, wie sich die Schüler als Menschen entwickeln. Ich denke schon, dass unsere Schüler härter im Nehmen und selbständiger sind, auch später im Berufsalltag. Sie haben mehr Biss und lassen sich nicht so schnell hängen. Viele Ehemalige haben mir erzählt, wie besonders und prägend ihre Schulzeit war. Nicht zuletzt deswegen bleiben viele von ihnen der Schule lange verbunden.
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