Ole Werner strahlt eine für einen Bundesligatrainer bemerkenswerte Ruhe aus. Das könnte für ihn in der angespannten Situation, in der er sich derzeit mit RB Leipzig befindet, hilfreich sein. Jedenfalls versteht es der 37-Jährige, auch heikle Ereignisse cool zu moderieren. So sei der Kabinenbesuch von Oliver Mintzlaff und die emotionale Rede, die der mächtige Geschäftsführer von Red Bull dabei an die Spieler gehalten habe, nicht ungewöhnlich gewesen, so Werner. Mintzlaff habe die Mannschaft nach dem 2:1 über den FC Augsburg vom vergangenen Samstag, einem mühsamen Arbeitssieg, „noch einmal eingeschworen auf die Phase, die jetzt kommt“. Und das habe er „als sehr positiv wahrgenommen“.

Denn die Phase, die nun anbricht, ist die, nach der das Urteil über Werners Mannschaft gefällt werden wird – und damit auch über die Arbeit des Trainers, der erst seit Saisonbeginn bei RB ist. Mintzlaff habe an die Spieler appelliert, an einem Strang zu ziehen. „Weil es jetzt genau darum geht: Alle gemeinsam“, sagte Werner. Und diese Botschaft sei komplett in seinem Sinne.

Damit sicherte sich der Coach die Deutungshoheit über einen Vorgang, der für einigen Wirbel gesorgt hatte. Mintzlaff habe eine viertelstündige Brandrede gehalten, hatte „Bild“ geschrieben. Allein seine Einleitung sei recht martialisch gewesen: „Glückwunsch zum Sieg – aber ich bin nicht hier, um zu gratulieren.“ Tatsächlich lässt sich der Kabinenbesuch von Mintzlaff, der dabei die Geschäftsführer Tatjana Haenni, Johann Plenge und Florian Hopp im Schlepptau hatte, auch anders interpretieren als es Werner tat: als den Versuch, den Druck auf die Mannschaft zu erhöhen.

Wichtige Spiele gegen Stuttgart und Hoffenheim

Denn trotz der klaren Verbesserung gegenüber der Vorsaison, als die Leipziger auf dem enttäuschenden siebten Platz landeten und alle internationalen Wettbewerbe verpassten, liegt RB aktuell als Fünfter nicht auf einem Rang, der zum Einzug in die Königsklasse berechtigen würde. So würde es am Ende nur für die Europa League reichen – doch das genügt Mintzlaff nicht. Deshalb müssen Siege her, vor allem in den direkten Aufeinandertreffen mit den Mannschaften, die unmittelbar vor den Leipzigern stehen: am Sonntag beim punktgleichen Vierten, dem VfB Stuttgart (19.30 Uhr, DAZN) und dann eine Woche darauf gegen den Dritten, die TSG Hoffenheim.

Dessen ist sich Werner bewusst – auch wenn er in den vergangenen Wochen nicht müde wurde, darauf hinzuweisen, dass ursprünglich eine andere Vorgabe für die Spielzeit verabredet war. „Wir sind mit dem klaren Ziel in die Saison gegangen, uns wieder für das internationale Geschäft qualifizieren zu wollen – mit einer Mannschaft, in der wir ganz viele Spieler, die vorige Saison eher in der zweiten Reihe waren, in die erste Reihe gehoben haben“, sagte er vor einem knappen Monat. Das sei „super aufgegangen“, so Werner. Von daher wehre er sich nicht dagegen, die Ziele „nach oben zu korrigieren“. Doch er erinnerte auch daran, woher die Leipziger, die im vergangenen Sommer einen massiven Umbruch im Kader hatten, kommen. „Und die Themen, die wir damals diskutiert haben, haben wir ja nicht vergessen“, erklärte er.

Tatsächlich ist Werner auf dem Weg, Leipzig wieder zurück in die Spitzengruppe zu führen, ein beachtliches Stück vorangekommen. Vor der Saison hatten gleich 18 Spieler den Klub verlassen – darunter eine Vielzahl von Leistungsträgern. Es wurde ein beträchtlicher Transferüberschuss von 39,5 Millionen Euro erwirtschaftet: Benjamim Sesko ging für 76,5 Millionen Euro zu Manchester United, Xavi Simons für 65 Millionen zu Tottenham und Mohamed Simakan für 35 Millionen Euro zu Al Nassr in Saudi-Arabien. Der Kader wurde ausgedünnt. „Wir wollten back to the roots“, sagte Sportgeschäftsführer Marcel Schäfer. RB wollte das eigene Profil schärfen: mit einem neuen, verjüngten Team – und einem neuen Trainerteam.

Werner schaffte es, eine neue Hierarchie im Team entstehen zu lassen. Nicolas Seiwald und Christoph Baumgartner wurden zu Leistungsträgern. Der neue Linksaußen Yan Diomande wurde sogar zu einem neuen, gehypten Bundesligastar, der sich bereits in das Blickfeld internationaler Topklubs gespielt hat.

Geheimer Titelfavorit? Ein Trugschluss

Bis kurz vor Weihnachten war das runderneuerte RB voll auf Kurs: Tabellenplatz zwei hinter den Bayern. Wegen der fehlenden Belastung durch Europapokalspiele wurden die Leipziger sogar als Geheimfavorit auf die Meisterschaft gehandelt. Ein Trugschluss: Denn danach schlitterte das Team in eine Ergebniskrise. Zwischen dem 13. und 23. Spieltag gab es vier Niederlagen bei nur drei Siegen und drei Unentschieden. Erst seit zwei Wochen zeichnet sich wieder ein etwas freundlicherer Trend ab: Beim Hamburger SV und gegen Augsburg konnten jeweils knappe Siege erkämpft werden. Doch von spielerischer Leichtigkeit ist das Team weit entfernt.

RB Leipzig dreht das Spiel beim HSV. Romulo erzielt den äußerst sehenswerten Ausgleich, vergibt aber später dann einen Elfmeter. Die Bundesliga-Highlights der Partie kommentiert von Corni Küpper.

Umso bedeutsamer wird die nahe Zukunft sein – und vor allem das Spiel gegen den VfB. „Viele Mannschaften sind sehr konstant – sowohl was die Leistungen als auch, was die Ergebnisse angeht. Am Ende wirst du dich nur durchsetzen, wenn alle gemeinsam an einem Strang ziehen“, sagte Werner. Genau das habe Mintzlaff gegenüber der Mannschaft zum Ausdruck gebracht.

Für die Leipziger bedeutet das: Siege über Stuttgart und Hoffenheim – um die Chance zu erhöhen, künftig wieder in den Genuss der Zusatzeinnahmen aus der Champions League kommen. Nur so könnten Spieler wie Diomande weiterhin gehalten werden. Hier gibt es keinen wesentlichen Unterschied zwischen RB und den Konkurrenten aus Hoffenheim und Stuttgart. Für die Teilnahme an der Königsklasse würde es allein eine Startprämie von 18,62 Millionen Euro geben.

Die Leipziger könnten zwar wegen des Mäzenatentums durch den Limonade-Multi auch mehrere Jahre ohne Champions League finanziell verkraften – doch die Strahlkraft des Projekts würde nicht unerheblich leiden. Die Marketingstrategie ist auf internationale Erfolge ausgerichtet. RB Leipzig, das es 2020 bis ins Halbfinale der Königsklasse geschafft hatte, braucht die große Bühne.

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