Noch bevor der erste von insgesamt 7350 Kilometern in der Formel 1 2026 gefahren wurde, steht für die Verantwortlichen fest, dass die bevorstehende Saison eine erfolgreiche wird. Das stimmt – zumindest aus kaufmännischer Sicht. Ein Großteil der 24 Rennen ist seit Monaten ausverkauft. Mit Apple gibt es einen neuen TV-Deal für den weiter rasant wachsenden amerikanischen Markt, welcher der Rennserie bis 2030 rund 127 Millionen Euro pro Jahr einbringt. Und der hauseigene Kinofilm „F1“ mit Hauptdarsteller Brad Pitt wurde viermal für den Oscar, darunter für den besten Film, nominiert.
Die Königsklasse des Motorsports wird ihrem Namen derzeit zweifelsfrei gerecht. Doch wie steht es um die Zukunft der Rennserie? Zumindest in sportlicher Hinsicht ist das fraglich. Ab dem Saisonstart kommendes Wochenende in Melbourne greift ein neues Reglement, das Red Bulls Teamchef Laurent Mekies als „größte Revolution in der Geschichte der Formel 1“ beschreibt. Die Autos werden 20 Zentimeter kürzer, zehn Zentimeter schmaler und dadurch insgesamt rund 30 Kilogramm leichter. Mehr Überholmanöver und damit mehr Unterhaltung für die Fans sind das Ziel.
Doch das neue Regelwerk wirft auch Fragen auf. Weil die Motoren, die künftig nur noch mit nachhaltigem Benzin betankt werden, ab dieser Saison zur Hälfte elektrisch sind, müssen die Piloten ihren Fahrstil anpassen. Statt Vollgas geht es jetzt auch darum, wer seine Batterie am besten einsetzt. Unter den Fahrern sorgt das für Unmut. Allen voran bei Max Verstappen. Der viermalige Weltmeister sagte bei den Testfahrten in Bahrain: „Das ist nicht mehr das originale Formel-1-Gefühl. Das macht gar keinen Spaß, zu fahren. Das ist ein wenig wie Formel E auf Steroiden.“
Der Formel 1 stehen gravierende Veränderungen bevor
Worte, die bei den Formel-1-Verantwortlichen für Alarmstimmung sorgten. Kurz nachdem der Niederländer der Rennserie diesen verbalen Tiefschlag verpasst hatte, suchte ein Vertrauter von Formel-1-CEO Stefano Domenicali den Red-Bull-Piloten zum Gespräch auf. Denn bei der Rennserie weiß man intern, dass die nahe Zukunft zwar gesichert ist, doch 2026 zum Schicksalsjahr für die Königsklasse des Motorsports werden könnte.
Offen zugeben möchte das logischerweise niemand. Im Gegenteil. Geht es nach Domenicali, werde der seit mittlerweile rund sechs Jahren andauernde Hype weiter anhalten: „Ich mache mir keine Sorgen um die Zukunft. Ich bin zuversichtlich, was die kommenden Jahre angeht. Wir haben großartige Grand-Prix-Rennen, die von großartigen Piloten gefahren werden.“ Wer Domenicali gegenübersteht, wenn er das sagt, merkt, dass er vollends davon überzeugt ist. Aber: Der Italiener wird auch genau wissen, dass der Formel 1 gravierende Veränderungen bevorstehen.
Zwar drängen immer mehr Länder und Königreiche, darunter etwa Thailand, Ruanda, Marokko, Argentinien und Panama, auf einen Platz im Formel-1-Kalender, doch einige der von Domenicali gepriesenen „großartigen Piloten“ wären bis zu einer Aufnahme womöglich schon gar nicht mehr Teil der Rennserie. Prominente Abgänge könnten ihr bevorstehen.
Der bekannteste Name davon ist Lewis Hamilton. Der siebenmalige Weltmeister hat zwar noch einen bis Ende 2027 gültigen Vertrag bei Ferrari, der eine einseitige Fahrer-Option für eine weitere Saison beinhaltet. Doch im Fahrerlager der Formel 1 glauben nicht wenige daran, dass der Brite bereits am Ende dieser Saison seine Karriere beenden könnte. Ob es dazu kommt, dies weiß Hamilton bisher nicht einmal selbst. Fest steht aber: Er wird – ob er will oder nicht – nach den ersten Rennen der bevorstehenden Saison ein Gefühl dafür bekommen.
Vermutlich sogar noch vor dem Saisonauftakt beim Großen Preis von Australien, wenn am 8. März das Titelrennen beginnt. Merkt Hamilton beim Qualifying tags zuvor, dass sein roter Renner dabei nicht mitmischen kann, wird er automatisch ins Grübeln über seine Zukunft kommen. So war es bereits in der vergangenen Saison, als Hamilton in seinem Debüt-Jahr für die Scuderia von Teamkollege Charles Leclerc dominiert wurde. Während der Monegasse siebenmal auf dem Podium stand, reichte es beim Routinier nicht für eine einzige Top-3-Platzierung.
Für den Briten war das Grund genug, um sich nach den Rennen teilweise öffentlich selbst an den Pranger zu stellen. Hamilton hat (nach eigener Aussage) seine Lehren draus gezogen. Vor dem ersten Rennen sagte er: „Ich habe da natürlich einiges durchgemacht, aber ich habe das ganze Vorjahr hinter mir gelassen. Ich habe über den Winter viel Zeit mit dem Wiederaufbau verbracht. Damit, neuen Fokus zu finden und meinen Körper und Geist in eine viel bessere Verfassung zu bringen.“
Hamiltons Schicksal hat automatisch Auswirkungen auf die Formel 1
Wie stabil dieser wirklich ist, das weiß der Brite vermutlich selbst (noch) nicht. Hamilton strahlt zwar wieder mehr Selbstbewusstsein und Freude aus, wenn er durch das Fahrerlager geht, doch wie sehr würde ihn ein Fehlstart in die Saison aus der Bahn werfen? Wie sehr würde es an ihm nagen, wenn er erneut von Leclerc dauerhaft geschlagen wird? Wie sehr würde es ihn beschäftigen, wenn die leidenschaftlichen Ferrari-Fans über seinen Wert für Ferrari und seine Zukunft im Team diskutieren?
Das Schicksal des siebenmaligen Weltmeisters hätte automatisch auch Auswirkungen auf das Schicksal der Formel 1. Selbstverständlich ist die Rennserie größer als ein einzelner Fahrer, aber sollte Hamilton tatsächlich rechts ran fahren und das Lenkrad nach 20 Saisons abgeben, würde der König der Königsklasse des Motorsports seinen Thron räumen. Sportlich hat er das zwar seit geraumer Zeit, doch Hamilton ist mit seinen 60 Millionen Followern in den sozialen Medien nach wie vor das weitreichenstarke Aushängeschild der Formel 1.
Ein weiterer Fahrer, auf den das zutrifft, ist Fernando Alonso. Der Spanier ist mit 425 Grand-Prix-Starts der erfahrenste Pilot in der 76-jährigen Geschichte der Rennserie. Dass er die magische Marke von 450 Rennen noch durchbricht, scheint unrealistisch. Alonso, der mittlerweile 44 Jahre alt ist, wollte mit dem neuen Reglement eigentlich noch einmal um die Weltmeisterschaft mitfahren. Die Realität ist eine andere.
Aston Martin war bei den Testfahrten in Bahrain das schlechteste Team. Und das, obwohl die Briten und der Spanier den Fokus frühzeitig auf die Entwicklung des neuen Boliden gelegt hatten. Doch das Problem liegt weniger am Renner selbst, sondern an dessen Antrieb. Motorenpartner Honda hat große Probleme mit dem Getriebe. Alonso hat noch die Kraft, aber sein Auto bisher nicht.
Ein Fakt, der den ehrgeizigen Vollblut-Rennfahrer massiv frustriert. Alonso soll seinen Unmut intern klar geäußert haben. Die Aston-Martin-Verantwortlichen haben verstanden und hoffen, dass sie innerhalb der ersten Rennen eine Lösung finden. Offen ist, ob das wirklich gelingt. Und: Bis dahin könnte die Titel-Konkurrenz längst außer Reichweite sein. Der letzte große Traum Alonsos für seine Formel-1-Karriere, ein drittes Mal Weltmeister zu werden – er scheint geplatzt, bevor er überhaupt an Fahrt aufnehmen konnte.
Besser ist die Ausgangslage für Max Verstappen. Nachdem der Niederländer vor den Testfahrten intern Zweifel an der Stärke Red Bulls für 2026 geäußert hatte, überzeugte der Bolide. Der Motor, der erstmals in der 21-jährigen Rennstall-Geschichte eigens entwickelt wurde, läuft zuverlässig. Verstappen wird neben Mercedes, Ferrari und McLaren erneut eine Chance im Titelrennen ausgerechnet. Die braucht es auch. Denn Red Bull muss seinen Superstar bei Laune halten.
Verstappen muss Lust am neuen Regelwerk und dem dafür abverlangten Fahrstil finden
Verliert der viermalige Weltmeister die Lust, droht ein vorzeitiges Karriereende. Damit kokettiert Verstappen immer wieder öffentlich. Zumal es vertraglich ein leichtes wäre, aus seinem Kontrakt bei Red Bull auszusteigen. Sollte er zur Sommerpause nicht mindestens Zweiter in der Fahrer-Wertung sein, kann er den österreichischen Rennstall trotz eines Vertrags bis Ende 2028 nach dieser Saison verlassen. Doch daran wird nicht nur sein persönlicher Erfolg entscheidend sein. Verstappen muss Lust an dem neuen Regelwerk und dem dafür abverlangten Fahrstil finden.
Fest steht: Jeder Abgang von einem dieser drei Piloten würde die Formel 1 schmerzen. Alle drei würden einem Totalschaden gleichkommen. Formel-1-CEO Domenicali strahlt dennoch Zuversicht aus: „Ich glaube nicht daran, dass einer von ihnen aufhört. Lewis und Fernando sind Giganten und vor allem Kämpfer.“ Domenicali weiter: „Und bei Max ist es so, dass er die Formel 1 liebt. Er liebt sie so sehr, wie niemand anders.“
Die Frage ist nur, ob das auch noch der Fall sein wird, wenn er, Hamilton und Alonso alle der 7350 Kilometer in dieser Saison gefahren sind.
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