Von den Olympischen Winterspielen über den Fußball-Sommer mit der Weltmeisterschaft bis zur Abstimmung über die deutsche Olympia-Bewerbung im September: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) spricht im Interview über Gegenwart und Zukunft des deutschen Sports.
Frage: Ist Deutschland noch eine Sport-Nation, Herr Söder?
Markus Söder: Es besteht die Gefahr, dass Deutschland als Sport-Nation zurückfällt. Das liegt aber nicht an den Athletinnen oder Athleten, sondern an den Strukturen. Wir dürfen international nicht den Anschluss verlieren. Andere Länder sind innovativer, leistungsbereiter und investieren mehr Geld. Es braucht deshalb eine neue Sport-Strategie in Deutschland. Platz fünf im Medaillenspiegel hinter den Niederlanden und Italien kann nicht unser Anspruch sein. Wir können mehr.
Frage: Bei den Sommerspielen in Paris war es Platz 10, jetzt in Mailand/Cortina Platz 5. Wo hakt es konkret?
Söder: Beim Bobfahren und Rodeln ist Deutschland weiter Spitzenklasse, aber in anderen beliebten Sportarten wie Biathlon und Eisschnelllauf fallen wir zurück. Auch bemerkenswert: In Trendsportarten spielen wir im Winter wie im Sommer kaum eine Rolle. Das wäre aber gerade für die jüngere Generation wichtig.
Frage: Wie gelingt die Wende im Sport?
Söder: Der Bund diskutiert gerade ein Sportgesetz, das leider in die falsche Richtung weist. Bayern legt deshalb ein Veto ein. Für uns ist klar: Es braucht größtmögliche Entscheidungsfreiheit der Sportverbände statt staatlicher Einmischung. Alles andere mag in einem autoritären Staat funktionieren, aber nicht in einer demokratisch-liberalen Gesellschaft. Die Kompetenz muss bei den Sportverbänden liegen und nicht bei einer nachgeordneten staatlichen Stelle.
Frage: Das allein wird nicht reichen.
Söder: Der Spitzensport braucht mehr Geld. Schon die Medaillenprämien in Deutschland sind mickrig. Bayern ist Vorreiter und verdoppelt die Prämien – auch andere Bundesländer ziehen jetzt nach. Aber wir brauchen insgesamt ein Modell, das den Sport und die Athleten stärkt. Das beginnt bei der finanziellen Grundlage mit einem verlässlichen Job, etwa bei Polizei, Zoll und Bundeswehr. Das muss noch stärker ausgebaut werden.
Frage: Und außerdem?
Söder: Bessere Strukturen, innovativere Ideen und mehr Mut gerade bei Trendsportarten. Das Thema Sport wurde dem Kanzleramt zugeordnet. Nun braucht es auch die entsprechende Power und Priorität. Olympische Spiele in Deutschland würden dabei sehr helfen. Olympia löst einen Sportschub aus. Das haben die Erfolge Englands, Italiens und Frankreichs klar gezeigt. Olympia ermöglicht Investitionen, weckt Begeisterung und sorgt für Innovation. Wir müssen als Politik unsere Verbände stärken: Wenn es so weitergeht, dann spielen wir auf B-Elf-Niveau und nicht Champions League.
Frage: Das betrifft den Spitzensport. Aber Spitzensportler der Zukunft sind jetzt noch Kinder und Jugendliche. Wie werden Nachwuchs- und Schulsport gefördert?
Söder: Wir brauchen ein neues Mindset: Kinder müssen die Freude am Gewinnen wiederentdecken. Der Leistungsgedanke ist nichts Schlechtes, im Gegenteil. Und anstatt allein über ein Social-Media-Verbot für Kinder zu diskutieren, sollten wir auch über sinnvolle Alternativen sprechen: Bewegung und Sport. Zu unserer Jugendzeit gab es doch nichts Schöneres, als sich beim Sport auszutoben. In Bayern haben wir jetzt ein eigenes Sportgesetz. Wir haben eine tägliche Bewegungs-Halbestunde an Grundschulen eingeführt, unterstützen Bewegungsangebote in Kitas und fördern massiv Sportgrundschulen und Jugendleistungszentren. Die Förderung für Vereine und den Sportstättenbau haben wir massiv aufgestockt. Auch im Bund gibt es jetzt eine Sport-Milliarde – das ist ein guter Anfang, aber verteilt über vier Jahre und ganz Deutschland leider immer noch zu wenig.
Frage: Wie viel investiert hier Bayern?
Söder: 115 Millionen Euro – allerdings pro Jahr. Als einzelnes Bundesland haben wir seit meinem Amtsantritt weit über eine halbe Milliarde in den Sport investiert.
Frage: Haben Sie bei jetzt bei Olympia Bundeskanzler Friedrich Merz vermisst? Oder Dieter Reiter und Verena Dietl? Der Oberbürgermeister und die Sportbürgermeisterin der potenziellen Olympia-Bewerberstadt München haben die kurze Reise nach Nord-Italien auch nicht angetreten.
Söder: Dafür war ja ich da (lacht). Wir arbeiten als Land beim Thema Olympia eng mit der Stadt München zusammen. Nach der Kommunalwahl (am 8. März, d. Red.) wird die Stadt einen weiteren Zacken zulegen müssen. Denn wir wollen Olympia unbedingt wieder nach Deutschland holen. Mit München, Hamburg, Berlin und Rhein-Ruhr gibt es vier deutsche Bewerber. Ich bin überzeugt: München hat das beste Angebot für die Entscheider beim IOC und für die Sportfans in der Welt. Das müssen wir noch stärker herausstellen. München gehört im Ranking der weltweiten Sport-Städte zu den Top Ten, weit vor allen anderen Bewerbern.
Frage: Wäre es nicht ein starkes Signal an das IOC gewesen, vor Ort zu zeigen: Wir Deutschen wollen Olympia, wir brennen dafür auf höchster Ebene?
Söder: Zunächst laufen noch die nationalen Bewerbungsprozesse. Mit Bundeskanzler Friedrich Merz hat Deutschland außerdem einen starken Fürsprecher für den Sport. Er war auch bei der Handball-EM vor Ort. Was allerdings in der Tat noch fehlt, wäre ein Besuch zur Übergabe der Fußball-Meisterschale in München (lacht). Auch wenn das als Dortmund-Fan für ihn sicher nicht ganz leicht wäre …
Frage: Ist das eine Einladung an Merz?
Söder: Einladen kann nur der FC Bayern, aber ich fände es eine schöne Idee. In den kurzen Pausen im Koalitionsausschuss steht es übrigens auch 2:1 – Lars Klingbeil und ich sprechen für den FC Bayern und Friedrich Merz für den BVB.
Frage: Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil, SPD, hat Bundesmittel für die Olympia-Finanzierung zugesagt.
Söder: Ja – wie im Koalitionsausschuss vorher beschlossen. Wir werden das aber weiter aufstocken müssen.
Frage: Wie bewerten Sie die Aussage von Frank-Walter Steinmeier, Deutschland solle sich nicht um Olympia 2036 bewerben, 100 Jahre nach den Nazi-Spielen von Berlin?
Söder: Ich schätze den Bundespräsidenten sehr, vertrete hier aber eine andere Auffassung. Aus meiner Sicht wären Olympische Spiele 2036 in München sogar eine historische Chance. Als Spiele der Lebensfreude und des Miteinanders könnten sie das Gegenstück zu Berlin 1936 sein. Sport verbindet Menschen und Völker – eine starke Botschaft gerade in der heutigen Zeit. Deutschland sollte sich in der Bewerbungsphase nicht vorschnell selbst einschränken. Es ist überhaupt nicht klar, in welchen Paketen die Spiele 2036 bis 2044 ausgeschrieben werden.
Frage: Wie haben Sie die Anti-Rassismus-Rede von Bayern-Trainer Vincent Kompany wahrgenommen?
Söder: Überraschend – und stark. Diese Rede hat Wirkung für den deutschen Fußball und auch ein internationales Echo. Über Vincent Kompany kann man ohnehin nur Positives sagen. Er ist ein Glücksfall für den FC Bayern.
Frage: Was erwarten Sie von der Fußball-WM in diesem Sommer?
Söder: Die Nationalmannschaft braucht Rückdeckung. Diskussionen über die Außenumstände wie bei der WM in Katar oder die Farbe der Kapitänsbinde spalten die Mannschaft und schwächen das Team. Damit ist niemandem geholfen. Deshalb ist auch jetzt der Versuch wenig sinnvoll, eine Debatte über einen WM-Boykott im Sommer anzuzetteln. Es ist besser, die Welt durch Erfolg und eigene Stärke positiv zu verändern, anstatt immerzu als Moralprediger am Spielfeldrand zu stehen. Das sollte das Motto sein – dann können wir etwas erreichen. Ich wünsche es der Mannschaft. Sie soll sich auf den Fußball konzentrieren dürfen.
Frage: Wie weit kommt Deutschland in Amerika?
Söder: Die Vorrunde sollten wir diesmal überstehen. Und dann mindestens unter die besten Acht, das wäre schön.
Das Interview wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT, BILD, SPORTBILD) verfasst und erschien zuerst in BILD.
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