Einmal Bronze, sonst nichts – das war die Medaillenausbeute der deutschen Biathleten bei den Olympischen Winterspielen in Italien. Dazu vier vierte Plätze und fünf weitere Top-Acht-Ränge. Die Erfolgsjahre sind vorbei. Und: Zwischen Medaille und Blech lag nicht selten das letzte Schießen.

Peter Sendel, 53, galt in seiner Karriere als sicherer Schütze, weshalb er eine Bank in den Staffelrennen war. Sein größter Erfolg: Olympiagold 1998 mit Sven Fischer, Rico Groß und Frank Luck. Hinzu kommen mit der Staffel Olympia-Silber 2002, zwei WM-Titel, WM-Silber und WM-Bronze. Seit seinem Karriereende vor 20 Jahren arbeitete in verschiedenen Trainerfunktionen, seit zwei Jahren in der „Trainer-Task-Force“ Schießen, die an den Stützpunkten unterstützt. 

WELT: Wie oft haben Sie bei den olympischen Biathlonrennen in die Tischkante gebissen?

Peter Sendel: Ich habe mich schon oft geärgert. Besonders, weil wir viele gute Leistungen der Deutschen hatten, am Ende aber oft ein Quäntchen zur Medaille gefehlt hat. Aber es zählen eben nicht nur die Medaillen. Wir hatten viele Platzierungen unter den ersten Acht, das waren gute Ergebnisse – aber bei Olympia interessiert es keine Sau, wenn du Vierter wirst.

WELT: Also ist Ihr Fazit gar nicht so negativ?

Sendel: Es war nicht alles so enttäuschend, wie das im Medaillenspiegel aussieht. Auch beim Schießen, wenn ich sehe, wie Vanessa Voigt den letzten Schuss weggibt und damit auch die Medaille. Am Ende hängt es an Kleinigkeiten, die über eine Medaille oder Platz acht entscheiden. Drei, vier Podestplätze wären auf jeden Fall drin gewesen. Es gibt aber keinen Grund, ein ganzes System infrage zu stellen.

WELT: Die Erfolgszeiten sind allerdings vorbei. Im Prinzip hat Olympia den aktuellen Zustand des deutschen Biathlons widergespiegelt. Die Bilanz ist nicht überraschend, oder?

Sendel: Das stimmt. Bei einer ausreichenden Breite des Teams gleichen sich Glück und Pech über die Zeit aus. Diese Breite haben wir gerade aber nicht. Man muss dennoch sagen, dass wir nicht viel Glück hatten. Oft ging es um letzte Schüsse, bei denen die Nerven nicht mitspielten. Franziska Preuß hat es vier- oder fünfmal beim letzten Schießen nicht rübergebracht. Da war der Druck vielleicht zu groß. Da hängen Leid und Glück sehr eng miteinander zusammen.

WELT: Also fehlte die Kaltschnäuzigkeit. Kann man das trainieren? 

Sendel: Nur bedingt. Viel hängt mit Selbstvertrauen zusammen, das bei einigen Deutschen gefehlt hat. Das muss sich über viel gute Ergebnisse im Vorfeld aufbauen. Die Französin Julia Simon etwa stellt sich beim letzten Schießen hin und schießt die Scheiben runter, wie sie will. Das hatten wir früher auch, wenn ich etwa an einen Frank Luck denke. Wir haben uns das aber damals über viele Erfolge im Vorfeld aufgebaut – und wie Sie sagen … diese Situation gab es jetzt im Vorfeld nicht. Dazu kommt, dass Olympia eine andere Nummer ist. 

WELT: Inwiefern?

Sendel: Beim Anlauf an den Schießstand machst du dir tatsächlich zehnmal mehr in die Hose als bei einer WM. Ich kann mich an zwei Schießstand-Anläufe meiner Karriere so gut erinnern, als wären sie gestern. Das war bei Olympia 1998 in Nagano in der Staffel und vier Jahre später in Salt Lake City. Da habe ich auch Stoßgebete abgesetzt. Lieber Gott, lass es heute funktionieren. 

WELT: Es hat funktioniert – Gold und Silber.

Sendel: Ja, zum Glück. Da spielt sich unheimlich viel im Kopf ab. Und da kommen vielleicht auch nur die Abgezockten, die das schon sehr oft durchgespielt haben, durch. Es ist die Frage, ob sie mit einem Psychologen diese Situation schon vorweggenommen haben. Olympia, Staffel, ich habe das letzte Schießen. Komme ich damit zurecht oder nicht?

WELT: Die Deutschen waren bei Olympia offensichtlich nicht abgezockt genug. 

Sendel: Die meisten können das nicht aus dem Kopf bringen. Das ist aber notwendig, um den großen Erfolg zu haben. Es waren alles gute Ergebnisse, und im Weltcup hätte kein Mensch darüber gesprochen, dass es enttäuschend ist. Uns fehlten einfach die metallenen Dinger um den Hals.

WELT: Wo steht denn das deutsche Biathlon? 

Sendel: Ich sehe uns auf Platz drei, vier mit anderen Nationen wie Schweden und Italien auf Augenhöhe. Frankreich und Norwegen sind uns derzeit enteilt. Die Franzosen haben anscheinend in den letzten zehn Jahren irgendwas an ihrer Struktur und in ihrer Nachwuchsarbeit sehr gut gemacht.

WELT: Braucht es eine grundlegende Reform? 

Sendel: Wir können nicht viel auf links drehen. Wir haben nur eine geringe Anzahl an Sportlern, bei denen nicht viele ausfallen dürfen, sodass wir immer noch eine Podest-Chance haben. Wir haben nicht 200 Athleten, die gut auf Ski und an der Waffe sind. Wir haben 20, 25 Männer im Seniorenalter, von denen sechs im Weltcup performen sollen. Da müsste man das ganze deutsche Sportsystem reformieren, sodass man wieder viele Kinder in die Vereine bekommt. Die Pyramide, die unten breit war und oben mit Topathleten spitz zulief – die hatten wir noch vor 20 Jahren, heute aber leider nicht mehr.

WELT: Gibt es nach dem Karriereende von Franziska Preuß noch Topathleten?

Sendel: Selina Grotian und Julia Tannheimer könnten noch bei den Juniorinnen starten. Das sind sehr junge und sehr talentierte Mädels, über die wir uns in Zukunft freuen dürfen. 

WELT: Wann sehen wir wieder Schlussläufer einer deutschen Staffel jubelnd mit der Fahne über die Ziellinie fahren?

Sendel: Optimalerweise schon bei den nächsten Olympischen Spielen. Ich traue es vor allem unseren Frauen zu. Mir ist da nicht bange. Da kommt schon noch was. Auch bei den Männern. Wir haben schon noch ein paar hoffnungsvolle Talente. Wenn die gut vorbereitet und gepflegt werden, können sie performen. 

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