„Mein Traum ist, dass Deutschland Olympische Spiele bekommt.“ Dass Heike Drechsler diesen Satz sagt, ist kein Wunder. Die Thüringerin lebt Olympia wie nur wenige. Für beide deutsche Staaten holte sie Medaillen, wurde zweimal Olympiasiegerin.
Drechsler, die am 16. Dezember 1964 als Heike Gabriela Daute in Gera geboren wurde, musste schon früh einen Schicksalsschlag hinnehmen. Ihr Vater Günther († 30) verunglückte 1974 tödlich. „Er stürzte bei einem Betriebsausflug aus einer Luftschiffschaukel, die ihm anschließend über die Beine fuhr. Sie mussten im Krankenhaus amputiert werden, aber er konnte nicht gerettet werden. Er starb eine Woche später an einer Thrombose im Gehirn“, sagte Drechsler 2024 zu „Bild“.
Für die Familie begann eine schwere Zeit, besonders für ihre Mutter. Drechsler weiter: „Sie war psychisch am Boden, arbeitete nachts in Schicht, um uns zu ernähren. Wir waren Schlüsselkinder, was nicht leicht war. Papa fehlte mir sehr. Ich hatte keine überaus glückliche Kindheit, auch weil ich in der Grundschule wegen meiner Größe von 1,80 Metern als Bohnenstange beschimpft wurde.“
Trotzdem: Sie machte Abitur, absolvierte eine Lehre als Feinmechanikerin, studierte Pädagogik. Bereits 1983 in Helsinki wurde die DDR-Sportlerin Weltmeisterin im Weitsprung. Der Beginn einer großen Karriere.
Vor allem bei den ersten Sommerspielen nach der Wiedervereinigung 1992 in Barcelona war der Druck enorm hoch. Drechsler: „1992 ging es nur um Gold, was anderes wollte ich nicht. Ich war die Top-Favoritin, und es war mein bestes Jahr überhaupt. Ich war auf dem Zenit meiner Leistungsfähigkeit.“
Aber: „Ich hatte immer das Gefühl: Ich muss was beweisen. Und das ging fast schief. Olympia war in dem Jahr mein schlechtester Wettkampf. Ich hatte enormen Druck auszuhalten, den ich mir manchmal selbst gemacht habe.“ Am Ende reichten 7,14 Meter, gerade mal zwei Zentimeter vor der Ukrainerin Inessa Kravets. „Sieg ist Sieg“, lacht Drechsler.
Die Wende-Wirren hatte sie gut überstanden. „Ich war so erfolgreich, weil ich immer mein Ding gemacht habe. Hätte ich aber meine Familie nicht gehabt, hätte ich einen Psychologen gebraucht“, sagt sie. Dabei hätte die deutsche Rekordhalterin (7,48 Meter) auch schon vier Jahre früher, damals noch für die DDR, Gold holen können. Doch die Dreifachbelastung aus 100 und 200 Metern sowie dem Weitsprung, war in Seoul zu viel. „Aus heutiger Sicht würde ich das nicht mehr so machen.“
Als Weltrekordlerin (21,71 Sekunden) über 200 Meter und Vize-Weltmeisterin über 100 Meter reiste sie nach Südkorea. Dazu ihre Spezialdisziplin Weitsprung. Sollte sie da was sausen lassen? Drechsler: „Ich hatte nur Pech, dass ich die Joyners überall als Kontrahentinnen hatte.“ Florence Griffith-Joyner († 38) im Sprint, Schwägerin Jackie Joyner-Kersee im Weitsprung. Dennoch holte sie drei Medaillen: Silber in der Grube, Bronze in beiden Sprint-Disziplinen.
Übrigens: Mit 21,71 Sekunden teilt sie sich bis heute mit Marita Koch den Deutschen Rekord. Drechslers Sohn Tony ist inzwischen mit Kochs Tochter Ulrike verheiratet. „Das ist schon witzig“, sagt sie, die nun mit der 400-Meter-Weltrekordlerin (47,60 Sekunden) verwandt ist.
Ihr Höhepunkt 1988 war aber etwas, das damals besser kein DDR-Funktionär wissen sollte: „Ich habe mir ein Autogramm von Steffi Graf geholt.“ Ihre Verehrung für die Tennis-Ikone hält bis heute, hätte sie aber auch das Leben kosten können. Sagt die Polizei. Aber dazu später.
1984 heiratet Heike Drechsler den Fußballer Andreas
Nach Olympia in Seoul wollte Drechsler Mutter werden. Doch die Medaillen-Garantin im Kreißsaal statt im Stadion? Das ging nicht ohne den Staat. „Ich musste beantragen, ein Jahr aussetzen zu dürfen.“ 1989 kam Tony zur Welt, und nur Monate später fiel die Mauer. „Wäre die DDR geblieben, hätte ich dann nicht wieder angefangen, auch ohne Olympia-Gold.“
1984 heiratete sie Fußball-Torhüter Andreas Drechsler (Scheidung 1998). 1999 ließ sie sich vom Ehepaar Spix aus Aachen adoptieren, das sie Ende der 80er-Jahre über ihre Autogrammpost kennengelernt hatte. Es entstand eine Brieffreundschaft. Drechsler in „Bild“: „Ich habe meine leibliche Mutter gefragt, ob ihr das recht wäre. Ich wollte Mutti nicht vor den Kopf stoßen. Sie war einverstanden, und ich hatte endlich wieder einen Papa.“ Seitdem habe sie „zwei Elternpaare“.
Acht Jahre nach Barcelona gab es in Sydney den zweiten ganz großen Triumph. „Ich war nicht mehr auf meiner höchsten Leistungsfähigkeit, hatte mit Verletzungen zu tun, vor allem mit der Achillessehne. Ich wollte nur dabei sein.“
Ihre Motivation: „Mein Sohn sagte: ‚Du musst unbedingt nach Australien, Kängurus!‘ Da war es um mich geschehen.“ Als Talisman gab Klein-Tony der Mama zwei Äffchen mit, die sie einst vom TV-Sender SWR geschenkt bekommen hatte. „Seine Lieblings-Plüschtiere“, erinnert sie sich.
„Mein damaliger Freund und Trainer Alain Blondel sagte über mich: ‚Wunder der Natur!‘ Ich wusste, ich muss nur gesund sein, den Rest macht die Erfahrung. Aber an Gold habe ich nicht geglaubt.“
Auch, dass 6,99 Meter reichen, war für Drechsler unfassbar. „Es waren Genussspiele, denn ich wusste, es sind meine letzten.“ Das machte sie locker. Da nahm sie auch in Kauf, den Platz in der Business-Class nach Australien selbst zu bezahlen. Das NOK zeigte sich auch gegenüber Spitzen-Athleten geizig. Blondel bekam nicht mal eine Akkreditierung. „Er war nur im Innenraum, weil er fürs französische Fernsehen arbeitete.“ Doch Gold und bei der Abschlussfeier die Fahne tragen zu dürfen, entschädigten für alles.
Kurios: Die 7,48 Meter als Deutscher Rekord sind nicht ihr weitester Sprung. Der gelang der Weitsprung-Weltmeisterin von 1983 und 1993 in ihrem Super-Jahr 1992 in Sestriere (Italien). „Die 7,63 Meter waren der Supersprung. Ich war noch nie so lange in der Luft. Der Wind war offiziell 2,1 m/s statt der erlaubten zwei Meter. Ich denke, die wollten mir nicht den Ferrari geben, der für einen Weltrekord ausgelobt war. Ich hatte nicht das Gefühl, dass zu viel Wind war. Bei der Siegerehrung gaben sie mir einen Spielzeug-Ferrari, einfach frech.“
Vorwürfe an Heike Drechsler: Doping und Staatstreue
Die fünfmalige Europameisterin genoss im ersten Teil ihrer Karriere die Vorzüge des DDR-Sportsystems und musste nach der Wende, wie viele Ost-Athleten, Vorwürfe über sich ergehen lassen: Doping und Staatstreue. Für die SED saß sie in der Volkskammer, dem DDR-Parlament, und bekam zweimal den Vaterländischen Verdienstorden in Gold sowie den Stern der Völkerfreundschaft, ebenfalls in Gold. Wie viele andere Top-Stars auch.
Und Doping? Sie stritt immer ab, wissentlich etwas genommen zu haben. Spätestens mit Olympia-Gold nach der Wende verstummten die Vorwürfe. Wie kann man gedopt „nur“ Silber holen und sauber ganz oben auf dem Podest stehen? Daran wollte sich niemand mehr abarbeiten.
Die Ehrungen zeigen Drechslers weltweite Anerkennung. Weltsportlerin 1986, Sportlerin des Jahres 1986 in der DDR und 2000 in Deutschland. Seit 2014 ist sie in der International Hall of Fame.
Und was war nun mit der Verehrung für Steffi Graf, die ihr fast zum Verhängnis wurde? „Ich habe in einem Interview gesagt, dass man mit Tennis ein bisschen mehr verdient als in der Leichtathletik. Ich bekam daraufhin eine Morddrohung. Und die kam vom Seles-Attentäter, wie die Polizei herausfand. Die solle ich ernst nehmen. Das war gruselig.“ Günter Parche († 68) hieß der Mann, der am 30. April 1993 am Hamburger Rothenbaum Tennis-Star Monica Seles mit dem Messer in den Rücken stach, weil er damit die größte Konkurrentin von Steffi Graf ausschalten wollte.
Wie geht’s Heike Drechsler heute? Sie ist mit dem ehemaligen finnischen Hürden-Sprinter Arto Bryggare verheiratet und lebt in Berlin. Seit 1994 ist sie bei der Barmer beschäftigt, arbeitet als Gesundheitscoach.
Drechsler probiert sich außerdem als Schauspielerin aus, war in der RTL-Sitcom „Nikola“ und den ARD-Serien „In aller Freundschaft – Die jungen Ärzte“ und „Rote Rosen“ zu sehen. Bei der Leichtathletik-EM 2018 in Berlin war sie Kampfrichterin.
Man darf gespannt sein, was als Nächstes kommt.
Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in „Sport Bild“ veröffentlicht.
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