Das Meer, die Riesenwellen, das Abenteuer – das ist die Welt des Sebastian Steudtner. Der Nürnberger hält mit 26,21 Metern den Rekord für die höchste jemals gesurfte Welle (Oktober 2020), basierend auf anerkannten Messungen durch „Guinness World Records“ und die „World Surf League“. Im Februar 2024 nahm er dann in Nazaré eine Welle von 28,57 Metern, gemessen mit moderner Drohnentechnologie. Eine offizielle Bestätigung steht noch aus.
Zum Interview meldet sich der 40-Jährige per Videocall aus Nazaré. Die kleine Küstenstadt in Portugal ist längst sein Lebensmittelpunkt, hier hat er ein professionelles Sicherheitsnetzwerk für seinen Sport aufgebaut und sich mit seinem Projekt „Mission Wave Alpha“ niedergelassen, um das Big-Wave-Surfen weiterzuentwickeln. Steudtners Geschichte ist unkonventionell – und kommt am 5. März mit der Dokumentation „On The Wave“ ins Kino.
WELT AM SONNTAG: Herr Steudtner, Sie haben sich auf dem Wasser schon immer frei gefühlt, erzählen Sie. Frei wovon?
Sebastian Steudtner: Ich kann da draußen machen, was ich will, muss mich an keine Regeln halten. Und wenn ich Mist baue, dann werde ich von der Natur zurechtgewiesen. Ich kann Gas geben, ich kann testen und herausfinden, wo meine Grenzen sind, ich kann es auf meine Art versuchen, kann mir Visionen ausdenken und sie in die Realität umsetzen – all das ist für mich absolute Freiheit.
WAMS: Und haben Sie wirklich keine Angst, wollen Sie das Biest zähmen und begegnen der Welle mit Aggression? Das sagen Weggefährten über Sie in der Doku. Braucht man nicht auch Demut?
Steudtner: Es stimmt, dass ich sehr aggressiv in die Welle gehe, ich würde es aber eher selbstbewusst nennen. Es ist auch so, dass mein Team und ich die Welle jagen, wir suchen also aktiv die größten Wellen. Mittlerweile haben wir außerdem verstanden, dass und wie wir im Sturm surfen können. Wir gehen bewusst dorthin, wo eigentlich keiner sein möchte. Sobald ich auf meinem Brett stehe und mein Jetski-Partner Erik auf seinem Fahrzeug, ist es ein Angriff. Allerdings ist der andere Teil von mir sehr demütig, und ich weiß, wie klein und unbedeutend ich angesichts der Welle bin. Vielleicht klingt das widersprüchlich, aber darin liegt auch das Besondere. Dieses Gefühl, unbedeutend zu sein und dann Gas zu geben, ist großartig.
WAMS: Big-Wave-Surferin Maya Gabeira beschreibt Sie als jemanden, der viel von sich verlangt – und dafür einen hohen Preis zahlt. Welchen Preis zahlen Sie?
Steudtner: Es gibt ein Sprichwort, auf Deutsch übersetzt bedeutet es in etwa: Man zahlt für alles. Ich jage meine Träume – ich zahle dafür. Ich jage meine Träume nicht – ich zahle ebenfalls dafür. Egal, für welchen Weg du dich entscheidest, es bleibt immer etwas auf der Strecke. Das meint sie vielleicht. Ich könnte ja theoretisch auch auf Bali hocken und entspannt ein paar Wellen surfen. Dort müsste ich auch kein Sicherheitssystem aufbauen, um unter Lebensgefahr eine Performance erbringen zu können. Was mich aber antreibt, es anders zu machen, ist, dass es möglich ist. Von außen sieht das sehr ernst, sehr martialisch und gefährlich aus. Aber ich habe große Freude daran.
WAMS: Ist es diese Intensität, die sie brauchen und suchen? Intensives Leben?
Steudtner: Unbedingt. Diese Intensität und der Spaß daran. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Vorgestern hat es hier nachts gestürmt und geschüttet, um fünf Uhr früh war noch Gewitter. Wir – also das Team und ich – sahen Blitze überall. Wir sind dann aufgestanden, saßen in der Tankstelle, tranken Kaffee und warteten, bis der Regen aufhört. Plötzlich sahen wir: Der Himmel ist blau. Wir gingen raus, stellten fest, dass der Wind plötzlich ablandig war, sprinteten zum Meer und konnten zum Sonnenaufgang mit den krassesten Wellen in einem anderthalbstündigen Fenster surfen.
WAMS: Die Jagd nach den Wellen ist also nicht primär eine Rekordjagd?
Steudtner: Nein. So eine Nacht und so ein Morgen wie vorgestern – das ist für mich das Besondere und das Level von Intensität, das ich brauche. Natürlich ist das auch Stress für Kopf und Körper, aber für einen überschaubaren Zeitraum, der etwas Gutes mit sich bringt.
WAMS: Unter anderem werden Endorphine ausgeschüttet, wenn wir großem Stress ausgesetzt sind, also über unsere Grenzen gehen. Und das will man dann wieder erleben – also nicht jeder, aber Sie, oder?
Steudtner: Ganz sicher. Ich glaube, diese Intensität ist auch das, was mich ausmacht. Ich bin einfach sehr intensiv. Das ist für andere vielleicht nicht immer einfach, aber auf der anderen Seite ist es ja auch das, was Laird Hamilton in dem Film sagt: „Du bist zum Big Wave Surfer entweder geboren oder nicht.“
WAMS: Und Sie sind es, befindet er eindeutig.
Steudtner: Ich kann mir in vielen Situationen im Umgang mit den großen Wellen nicht erklären, warum ich das weiß oder warum ich so intuitiv darauf reagiere. Ich denke, es trifft zu, was er sagt. Es wäre für mich auch eher Stress, es nicht zu machen, nicht die Wellen zu suchen. Was nach außen für andere vielleicht als Stress oder vielleicht sogar Unzufriedenheit oder Besessenheit wirkt, ist das, was ich machen muss, um meinen Frieden zu haben. Ich finde durch diese Intensität meinen Frieden.
WAMS: Intensität kann auch irgendwann zermürben. Wie balancieren Sie sich aus?
Steudtner: Es sind Extreme. Ich habe nach der Saison, wenn das Adrenalin abfällt, standardmäßig eine Phase, in der nichts Sinn macht. Ich weiß nicht, ob man da von Depression sprechen kann, aber es ist so, dass der Adrenalinpegel nach sechs Monaten plötzlich fällt. Das passiert auch im Kleinen während der Saison, dann bin ich aber schnell wieder voll motiviert, weil es übermorgen wieder abgeht. Es ist ein Hin und Her. Manchmal Chaos, manchmal aufgeräumt, manchmal glücklich, manchmal nicht glücklich. Ich habe da keine Stabilität.
WAMS: Außer die Abfolge der Extreme.
Steudtner: Ja, meine Stabilität sind die Zyklen und dass ich weiß, nach der Höhe kommt die Tiefe, nach der Tiefe kommt die Höhe. Und dazwischen ist Raum fürs normale Leben.
WAMS: Alles begann, als Sie sich mit neun Jahren im Frankreich-Urlaub auf einem blauen Bodyboard versuchten. Ihre Mutter sagt, sie habe Sie noch so glücklich gesehen. Und dass da etwas in Ihnen erwacht ist. Was genau?
Steudtner: Ich hatte schon immer eine riesengroße Liebe fürs Wasser, für Abenteuer und Action. Darauf hatte ich ganz tief in mir drinnen von Natur aus Lust. Und ich glaube, als ich in jenem Urlaub das Surfen das erste Mal kennengelernt habe, fühlte ich: „Wow, man kann das alles verbinden.“ Das hat mich sehr glücklich gemacht und macht es bis heute.
WAMS: Mit 13 beschlossen Sie, nachdem Sie vom Surfen auf Hawaii gelesen hatten, dass Sie dort hinmüssen. Ihrer Mutter kommen in der Doku die Tränen, als sie von jenem Moment erzählt, als sie Sie auf dem Wasser beobachtete und verstand: Der Junge muss nach Hawaii, so sehr es ihr auch wehtat. Wie war es für Sie, diese Szene in der Doku zu sehen?
Steudtner: Das war sehr speziell. Ich war damals absolut entschlossen und bin dann ans andere Ende der Welt gezogen. Allein. Damals gab es kein WhatsApp, kein Video-Telefonat oder Ähnliches. Meine Eltern haben auch mal länger nichts von mir gehört, wenn meine Telefonkarte leer war. Für mich war es ein Befreiungsmoment, nach Hawaii zu gehen. Ich bin raus in die große Welt, habe mein Ding gemacht und überhaupt nicht darüber nachgedacht, was das eigentlich für meine Familie bedeutet. Rückblickend verstehe ich erst richtig, wie sehr meine Mutter mir vertraute und wie sehr sie mir den Rücken gestärkt hat. Sie hat mich machen lassen – das zeigt, was sie für eine starke Frau ist und wie sehr sie an mich geglaubt hat.
WAMS: Hatten Sie überhaupt keine Ängste oder Unsicherheiten?
Steudtner: Nein, ich hatte ja so lange davon geträumt und es mir die ganze Zeit vorgestellt. Als ich dann ankam, war es plötzlich Realität und hat mich im Positiven extrem eingenommen. Natürlich gab es später auch schwierige Momente, zum Beispiel, als es darum ging, wie ich mich finanziere. Dass mich eine hawaiianische Großfamilie aufgenommen hat, war ein sehr großes Glück, das hat mich enorm geprägt. Dadurch waren aber auch die unschönen Seiten von Hawaii nah an mir dran.
WAMS: Also Armut, Kriminalität?
Steudtner: Hawaii ist aus Sicht der Ureinwohner ein besetztes Land seit 1892, sie haben alle Ländereien verloren, durften ihre Sprache nicht mehr sprechen, ihre Kultur nicht mehr ausüben – so die Kurzversion. Das führt natürlich dazu, dass die üblichen Probleme kommen. Drogen, Kriminalität, Hass auf die Besetzer oder auf das Bild des Besetzers. In meinem Umfeld war all das. Und es ist so, dass Nelsons Familie eine Bedeutung auf Hawaii hatte.
WAMS: Nelson Armitage war so etwas wie Ihr Mentor, Ersatzvater. Ihre Verbindung kam zustande, weil Sie von ihm das Big Wave Surfen lernen wollten.
Steudtner: Er war der Außenminister der sogenannten „Reinstated Hawaiian Government“, einer großen Bewegung auf Hawaii, die sich für die Unabhängigkeit eingesetzt hat. Bis hin zur obersten politischen Ebene. Ich stand dann als Familienmitglied gewissermaßen unter seinem Schutz.
WAMS: Wie hat Sie diese Zeit geprägt?
Steudtner: Bei den Hawaiianern war ich aufgenommen und integriert, obwohl ich eigentlich überhaupt nicht dazu passte. In der hawaiianischen Kultur ist es aber so, dass es völlig egal ist, welche Hautfarbe du hast und wo du herkommst. Du wirst so behandelt, wie du andere behandelst. Es kommt darauf an, wie du dich integrierst. Es gibt außerdem klare Werte, klare Bräuche. Es ist eine Kultur, die auf der Natur basiert, auf der Community, auf gegenseitiger Unterstützung. Es geht um Respekt vor Natur und Mensch. Ich habe so ein Miteinander nirgendwo auf der Welt mehr erlebt. Und diese Werte sind mir bis heute wichtiger, als mich mit jemandem gut zustellen oder Politik zu betreiben, um mir einen Vorteil zu verschaffen. Ich hatte nie Angst davor, nicht dazuzugehören, wenn ich mein Ding mache. Letzteres war mir immer wichtiger.
WAMS: Dass Sie es heute geschafft haben, dass Sie das erfolgreichste Big-Wave-Projekt aufgebaut haben mit Sicherheitssystem, Forschung und anderem, war ein Kraftakt. 2010, als eigentlich alles hätte beginnen können, war es erst mal vorbei.
Steudtner: Sie sprechen die Billabong XXL Awards an. Und was danach passierte – nämlich nichts. Ich wurde geächtet.
WAMS: Sie gewannen, für die Szene völlig überraschend, als erster Europäer in der prestigeträchtigen Kategorie „Biggest Wave“ für einen Ritt auf einer Welle vor Hawaii. Auf der Bühne kam es zum Eklat. Christian Fletcher aus einer bekannten US-Surf-Familie sagte betrunken als Laudator: „Der scheiß Deutsche, der nicht paddeln kann, gewinnt. Sebastian irgendwas.“ Und dann nannte er Sie den „Stiefsohn von Hitler“. Hat er sich mal entschuldigt?
Steudtner: Nein, jedenfalls nicht bei mir. Ich weiß nur, dass sie danach sehr viel Angst hatten und auch sehr lange nicht mehr auf die Insel kamen. Und dass sie sich lange sehr unwohl gefühlt haben – ich glaube, sich bis heute nicht wohlfühlen würden, wenn sie mich sähen. Ich habe die Aussagen damals währenddessen gar nicht mitbekommen, erst danach.
WAMS: Normalerweise wäre er danach der Geächtete. Warum Sie? Und woher sein Hass?
Steudtner: Ich glaube, er sprach für eine Community, die ein bisschen verzweifelt war. Die Fletcher-Familie war Teil der amerikanischen Crew, und die hat gekotzt, dass plötzlich ein Deutscher aus dem Nichts kommt, der zudem nicht als Dreijähriger mit dem Surfen begonnen hatte. Und der es dann besser kann. Diese ganzen Hierarchien, die im Surfsport ein Phänomen sind, waren mir schon immer suspekt. Irgendwie ist das Rassismus. Wenn du nicht von hier bist, darfst du die Wellen hier nicht surfen. Wenn du neu im Sport bist, musst du dich erst mal mit diesem und jenem gutstellen und klein anfangen, bis du irgendwann reingelassen wirst. Ich kapiere das bis heute nicht. Bei den Awards spielte auch eine große Rolle, dass ich nicht nur einen anderen Weg gegangen war und für sie aus dem Nichts kam, sondern auch, dass ich zu den Hawaiianern zählte.
WAMS: Nelson und andere waren mit Ihnen gereist und saßen neben Ihnen.
Steudtner: Surfen ist im Ursprung hawaiianische Kultur, und diese Kultur wird zelebriert. Am Ende möchte jeder ein Teil davon sein, da gibt es viele Rivalitäten. Die amerikanische Crew und die Hawaiianer – das gehörte nicht zusammen. Und dadurch, dass ich mit den Hawaiianern so gut war und tiefe Freundschaften mit ihnen hatte und habe, war ich auf der anderen Seite geächtet. Ich sehe das mit Abstand so: Ich war eine Gefahr. Mir persönlich, Nelson oder den anderen hätten sie es nie gesagt, denn vor der Familie hatten sie Angst. Sie kamen sogar vor der Verleihung alle an unseren Tisch, so richtig mit Anstand. Aber vor der Kamera fühlten Sie sich sicher. Sie waren wie verzweifelte Kinder. Dass es mir komplett geschadet hat, ist eine andere Sache.
WAMS: Keine Sponsoren, keine Verträge, nichts – außer Medienaufmerksamkeit in Deutschland. Dennoch schwer verständlich, dass Ihnen nicht die Surfwelt offenstand.
Steudtner: Die Industrie war auf der Seite der US-Crew. Alle üblichen Verdächtigen, auch Red Bull, wollten nichts mit mir zu tun haben. Weil ich mit einer hawaiianischen Großfamilie in Verbindung gebracht wurde und in Surfkreisen nicht anerkannt wurde. Ich war integriert in einer Welt, vor der die Surf-Welt Angst hatte, weil es diesen politischen Konflikt gibt – also, dass die hawaiianische Kultur von Weißen gekapert wurde und vermarktet wird, und die Hawaiianer keinen Platz in ihrer eigenen Kultur haben. Ich passte einfach nicht dazu. Es war richtig bitter.
WAMS: Sie hatten 2010 dann kein Geld mehr, um ihren Traum weiter zu finanzieren und zurück nach Hawaii zu kehren. Eine harte Zeit?
Steudtner: Schwierig, ja. Ich habe mich dann erst mal in Nürnberg mit meinen Jugendkumpels, mit Nachtclubbesitzern und Türstehern befasst, um Geld zu verdienen. Bis ich es 2012 noch einmal versuchen wollte und konnte, nach Irland fuhr – und schließlich in Nazaré gelandet bin. Das Ganze ist dann irgendwann komplett in eine andere, in eine große Dimension geraten. Klar, mit viel Lehrgeld und mit viel Schmerz, auch mit vielen unsicheren Momenten, in denen ich keinen Plan hatte, was ich nächsten Monat mache. Aber deswegen habe ich mich so entwickelt.
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