Die Mannschaft blieb auf Abstand. Aus der Gästefankurve in Bergamo drangen wüste Beschimpfungen an die Ohren der Spieler, vereinzelt flogen auch Becher. Die Profis von Borussia Dortmund wollten sich dem nicht aussetzen. Sie blieben zehn Meter vor dem Zaun, der sie von ihren Anhängern trennte, stehen. Nach ein, zwei Minuten schlichen sie sich in die Kabine. Möglicherweise auch, weil sie sich geschämt haben.
Was bitte, war das denn? Mit einer schlechten, fast schon desaströsen Leistung katapultierte sich der Bundesligazweite selbst aus der Champions League, verlor nach einem 2:0-Hinspielsieg in der Play-off-Runde das Rückspiel bei Atalanta Bergamo mit 1:4. Der BVB war phasenweise so klar unterlegen, dass es seinen Fans fast schon wehtat.
Am Ende war es zwar auch ein Drama – bei dem Torhüter Gregor Kobel im allerletzten Akt, in der achten Minute der Nachspielzeit, ein verhängnisvoller Patzer unterlaufen war. Statt den Ball einfach wegzuschlagen und damit die Verlängerung einzuleiten, spielte er ihn in den Fuß von Bergamos Mario Pasalic. Der flankte an den Fünf-Meter-Raum, Kobel konnte den Ball nicht erreichen – und als Ramy Bensebaini per Hacke klären wollte, traf er Nikola Krstovic im Gesicht. Der blutete aus einer Platzwunde an der Stirn. Nach VAR-Check gab es Gelb-Rot für Bensebaini und Strafstoß für Bergamo. Lazar Samardzic traf vom Punkt – Dortmund war ausgeschieden. Es wurde nicht mal mehr erneut angepfiffen.
„Fußball ist manchmal hart. Es war mein Fehler, es tut mir super leid“, sagte Kobel. Eine Stunde nach Schlusspfiff stellte sich der Schweizer. Das ehrt ihn. Er versuchte die Fehleinschätzung, die zu seinem Fehler geführt hatte, zu erklären.
Doch darum ging es nicht – selbst wenn Kobels Aussetzer noch weiteren Kollateralschaden zur Folge hatte. Denn während Schiedsrichter José-Maria Sanchez sich das Foul von Bensebaini in der Review-Area anschaute, drehten die Reservisten durch: Nico Schlotterbeck sah auch noch Rot. Die Folgen von Kobels Fehler waren fast schon spektakulär – aber aus Sicht von Borussia Dortmund trotzdem nur von untergeordneter Bedeutung.
BVB war unkonzentriert bis an die Grenze der Überheblichkeit
Denn alarmierend war die Art und Weise, wie sich die Mannschaft in Bergamo präsentiert hatte: nur bedingt abwehrbereit, unkonzentriert bis an die Grenze der Überheblichkeit. „Es darf nicht sein, dass wir die Leistung aus dem Hinspiel nicht hierher bekommen. Wir sind eine Bundesliga-Mannschaft, die das hinkriegen muss“, sagte Niko Kovac. Der BVB-Trainer, der eigentlich bekannt dafür ist, sich vor seine Spieler zu stellen, zählte sie regelrecht an.
„Ich habe es vor einer Woche gesagt, ich habe es auch gestern wieder gesagt: Du musst dagegenhalten, du musst die Zweikämpfe annehmen und führen, du musst scharf sein, du musst griffig sein. Doch das war der Gegner deutlich mehr als wir. Deswegen wurden wir bestraft und sind zu Recht ausgeschieden“, erklärte er.
Kovac wirkte angefasst, als er über die Partie sprach – wahrscheinlich, weil auch er von der Passivität des Teams überrascht war. Dabei hatten die Dortmunder gewusst, was auf sie zukommen wird: ein Gegner, der noch einmal alles in die Waagschale werfen und durch eine engagierte, aggressive Gangart das Publikum heiß machen will. Der eine hitzige Atmosphäre erzeugen will.
All dies hatte Bergamos Trainer Raffaele Palladino angekündigt. Kovac hatte es seinen Spielern erzählt. Mehrfach. Doch trotzdem wirkten die mit Anpfiff überrascht und unvorbereitet. In den ersten zwanzig Minuten wurden die Borussen regelrecht überrannt. Die Folge: Schon in der ersten Halbzeit war das Hinspiel-Ergebnis egalisiert. Nach dem Wechsel erzielte Atalanta sogar das 3:0. Erst nachdem Kovac ausgewechselt hatte, wurde es etwas besser. Und als Karim Adeyemi den Anschlusstreffer erzielen konnte, schien die Moral der Italiener, die bis dahin drückend überlegen waren, gebrochen. Dann aber kam Kobels Fauxpas.
Wieder kommt die Mentalitätsdebatte auf
Die Frage, die sich aufdrängt, ist die, ob die Dortmunder Bergamo nach dem 2:0 aus der Vorwoche überhaupt noch ernst genug genommen haben. Oder ob sie schon den kommenden Samstag im Hinterkopf hatten, wenn die Münchener Bayern zum Bundesliga-Spitzenspiel nach Dortmund kommen? „Den Eindruck hatte ich nicht“, sagte Sebastian Kehl. Dann aber räumte er ein: „So wie wir ins Spiel hereingekommen sind, haben wir es nicht angenommen. Und das ist einfach auch eine Erkenntnis.“ Sogar eine sehr bittere.
Denn in Dortmund war man sich eigentlich sicher: Mentalitätsdebatten gehören der Vergangenheit an.
Doch genau davon wird der BVB durch das denkwürdige Ausscheiden wieder eingeholt – ausgerechnet vor dem Kräftemessen mit den Bayern. Der Zeitpunkt für eine Sinnkrise könnte kaum schlechter sein. Der BVB hat am Mittwoch quasi seine Jahresleistung infrage gestellt: durch das Aus gehen dem Klub elf Millionen Euro allein an Prämien der Uefa für das Achtelfinale verloren. Das war fest eingeplant.
Bergamo hat mehrere Fragen aufgeworfen. Vor allem die, ob der Kader tatsächlich gut genug ist, um auch zukünftig – so wie in den letzten Jahren – ein Dauergast in der K.-o.-Runde der Königsklasse zu sein? Die vielen Gegentore, die der BVB in laufenden Saison in diesem Wettbewerb kassiert hat, sprechen nicht dafür: 21 in zehn Spielen.
Das hängt letztlich mit der Qualität der Mannschaft zusammen. „Wir hatten eine gute Ausgangsposition, um vielleicht auch direkt unter die ersten Acht zu kommen und haben uns das ein Stück weit selbst kaputt gemacht“, erklärte Kehl. Dennoch sei er sei nach wie vor davon überzeugt, dass der BVB vom Potenzial her einen Platz unter den letzten 16 „im Tank“ habe.
Das Aus als Entscheidungshilfe für BVB-Verteidiger Schlotterbeck?
Da aber das Achtelfinale selbst nach Nachsitzen nicht erreicht werden konnte, gibt das zu denken – und wird in die Bewertung des Kaders im Hinblick auf die kommende Saison einfließen. Die Verträge von Julian Brandt, Emre Can und Niklas Süle laufen aus. Sicher ist auch: Das Erlebnis von Bergamo dürfte nicht gerade eine Entscheidungshilfe für Nico Schlotterbeck sein, sich langfristig an den BVB zu binden.
Für die nächsten Champions League-Spiele dürfte Schlotterbeck ohnehin gesperrt sein – egal für welchen Klub. Verstanden hat er übrigens nicht, warum er Rot gesehen hat. Er hätte lediglich die Spieler von Atalanta, die sich lautstark beschwert hatten, aufgefordert, sich wieder hinzusetzen. „Das war alles. Ohne Beleidigungen, ohne Respektlosigkeiten oder sonst irgendwas“, schrieb er auf Instagram. Doch auch darum ging es höchstens am Rande.
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