Fünf Spiele hat Edin Dzeko erst für Schalke 04 absolviert – zum Gesicht des Vereins ist er trotzdem schon geworden. Der 39-jährige Bosnier hat nicht nur die Fan-Herzen im Sturm erobert. Auch sportlich läuft es richtig gut. Beim 5:3 gegen den 1. FC Magdeburg am Wochenende erzielte Dzeko ein Tor selbst und bereitete ein weiteres vor. Schalke thront an der Tabellenspitze.
Frage: Stimmt es, Herr Dzeko, dass Sie nach Gelsenkirchen gezogen sind?
Edin Dzeko: Das stimmt. Es ist eine möblierte Wohnung. Meine Familie war in der Woche vor dem Heimspiel gegen Magdeburg einige Tage bei mir zu Besuch, unsere Kinder hatten in Italien Schulferien. Sie bleiben aber zunächst in Florenz wohnen.
Frage: Warum ziehen Sie nicht ins etwas glamourösere Düsseldorf?
Dzeko: Ich nehme mir nach dem Training bewusst länger Zeit. Wenn ich dann noch eine Stunde nach Düsseldorf fahren müsste, um allein in der Wohnung zu sein, ist das ein zu hoher Aufwand. So brauche ich nur fünf Minuten bis nach Hause. Zumal ich eine nette Nachbarschaft hier habe.
Frage: Einen Mitspieler?
Dzeko: Ja, mein sehr guter Freund und Mitspieler Nikola Katic wohnt direkt neben mir. Und Timo Becker wohnt ganz in der Nähe. Da fühle ich mich natürlich sehr wohl.
Frage: Ihr Einstand auf Schalke war überragend: vier Tore in fünf Spielen, zudem drei Torvorlagen. Sie scheinen mit fast 40 Jahren so fit zu sein wie manche Spieler mit 30. Wie schaffen Sie das?
Dzeko: Ich gehe meistens schon vor dem Training in den Kraftraum, um Verletzungen vorzubeugen. Nach den Einheiten dann in der Regel noch einmal 20 bis 30 Minuten. Danach gehe ich in die Sauna, dann ins Eisbecken, anschließend behandeln mich noch unsere Physios. Ich liebe den Fußball zu sehr, als weniger als einhundert Prozent zu geben.
Frage: Der Winter-Wechsel zu Schalke ging von Ihnen aus. Wie kamen Sie auf diese Idee?
Dzeko: Ich habe mit meinem Ex-Klub Florenz Ende Dezember in Parma gespielt. Für Florenz war es ein ganz wichtiges Spiel gegen einen direkten Abstiegskandidaten. Ich saß auf der Bank, kurz nach der Halbzeit sind wir in Rückstand geraten. Ich habe mich warm gemacht, und einige Minuten vor dem Spielende hat unser Trainer noch einmal gewechselt. Er hat einen Abwehrspieler herausgenommen – und dafür einen anderen Abwehrspieler gebracht.
Frage: Anstatt Sie als Stürmer.
Dzeko: Da habe ich zu mir gesagt: Das geht so nicht weiter. Ich habe direkt nach dem Spiel meinen Berater angerufen und ihm das gesagt. Er fragte mich, was ich mir denn vorstelle.
Frage: Ihre Antwort?
Dzeko: Dass ich noch keine Ahnung habe.
Frage: Und dann?
Dzeko: Am Tag nach dem Spiel haben wir mit der Mannschaft zusammen Mittag gegessen. Ich bin nach dem Essen allein in dem Raum sitzen geblieben und habe nachgedacht. Ich habe mich gefragt: Was will ich? Was brauche ich? Ich kam zu der Antwort: ein emotionales Stadion mit lauten Fans. Einen Verein, der mich noch einmal mitreißt. Da kam mir plötzlich Schalke in den Kopf. In dem Moment habe ich sofort mein Handy in die Hand genommen und Nikola geschrieben.
Frage: Und was haben Sie ihm geschrieben?
Dzeko: „Braucht ihr noch einen Stürmer?“
Frage: Wie ging es weiter?
Dzeko: Er rief mich umgehend an und fragte mich, ob er den Kontakt zum Trainer herstellen solle. Ich habe gesagt: „Ja, gerne.“ Dann kam alles ins Rollen.
Frage: Wie häufig haben Sie mit Trainer Miron Muslic gesprochen?
Dzeko: Mehrere Male. Wir haben über alles gesprochen: Fußball, Familie, über das Leben. Und ich habe ihm von Anfang an klar gesagt: Geld ist mir nicht wichtig. Ich hatte andere Angebote, die deutlich lukrativer waren. Aber darum ging es mir überhaupt nicht. Ich habe für diesen Verein gerne auf Geld verzichtet. Ich brauchte noch einige Tage Bedenkzeit, aber mein Herz hatte sich eigentlich schon mit der Nachricht an Nikola entschieden.
Frage: Mussten Sie sich als Weltstar in der Kabine überhaupt vorstellen?
Dzeko: Nein, im Profifußball kennt man sich untereinander. Aber natürlich bin ich zu jedem einzelnen Spieler gegangen und habe ihn begrüßt. Das gehört sich einfach. Ich habe von zu Hause gelernt: Man muss immer Mensch bleiben. Und auf dem Boden.
Frage: Wäre Ihre Zeit auf Schalke eine Enttäuschung, wenn es mit dem Aufstieg nicht klappen sollte?
Dzeko: Ich blicke auf eine Karriere zurück, in der ich eigentlich immer sehr zufrieden war und ich den Fußball geliebt habe. Auch die sechs Monate zuletzt in Florenz ändern daran nichts. Und daran können auch die Monate hier auf Schalke nichts ändern.
Frage: Anders gefragt: Wie stolz würde es Sie machen, Schalke in die Bundesliga zu schießen?
Dzeko: Natürlich sehr. Schalke war immer ein großartiger Verein, der für mich in die Bundesliga gehört.
Frage: Einfache Ja-oder-nein-Frage: Beenden Sie im Sommer Ihre Karriere?
Dzeko: Tut mir leid, das kann ich so nicht beantworten, weil ich es noch nicht weiß.
Frage: Also ist es nicht ausgeschlossen, dass es weitergeht?
Dzeko: Ich bin kein Typ, der einige Monate vorher schon sagen kann, dass er aufhören wird. Ich plane nicht so weit in die Zukunft. Ich werde im Sommer auf meinen Körper hören, und momentan fühle ich mich noch sehr gut. Und ich habe immer noch Ziele, auch mit der Nationalmannschaft.
Frage: Im Sommer mit Bosnien bei der WM zu spielen?
Dzeko: Natürlich. Auch wenn es wirklich nicht einfach wird. Wir haben in den Play-offs mit Wales einen sehr starken Gegner.
Frage: Hört man sich im Verein um, sagen alle Mitarbeiter, dass Sie extrem respektvoll seien. Was bedeutet Respekt für Sie?
Dzeko: Wenn du von jemandem respektiert werden willst, musst du ihn auch respektieren. Ganz einfach. Es ist doch völlig egal, ob einer viel Geld oder wenig Geld hat. Ob einer weiß oder schwarz ist. Ob einer aus Bosnien oder Deutschland kommt. Worüber reden wir da?! Mensch zu sein – das ist das Wichtigste. Und mit allen gleich und respektvoll umzugehen.
Frage: Leben Sie das hier vor?
Dzeko: Für mich ist das selbstverständlich. Man kann doch zum Beispiel nicht einfach zum Zeugwart gehen und sagen: „Gib mir mal das!“ Nein. Man fragt ihn, wie es ihm geht und bittet ihn dann um Hilfe.
Frage: Welche Ratschläge haben Sie für die jüngeren Spieler?
Dzeko: Dass man für das Ziel hart arbeiten muss. Für die jüngeren Spieler ist es heute ein bisschen einfacher als früher. Damals kam ich als junger Spieler in die Kabine, da konnte man mit den erfahrenen Profis nicht einfach Späße machen und sie auch mal ärgern. Bei meinem ersten Profiverein in Bosnien haben wir ein Kreis-Spiel gemacht, bei dem ein erfahrener Spieler den Ball verloren hatte und eigentlich in die Mitte musste. Er hat stattdessen zu mir gesagt: „Du gehst rein!“ Das hat man dann einfach gemacht. Ohne Widerspruch. Das wäre heute nicht mehr so einfach. Vielleicht täte manchen Talenten eine solche Härte heute ab und zu ganz gut, aber ich habe einen anderen Ansatz. Ich will helfen, nehme die jüngeren Spieler in den Arm. Gerade, wenn sie mal in einem Tief stecken.
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Frage: Genießen Sie unter Miron Muslic Privilegien?
Dzeko: Nein, ich will keine Privilegien. Wir haben klar besprochen, was ich der Mannschaft geben kann. Und das mache ich. Die Fans honorieren unsere Leistungen. Wenn ich an den Samstagabend gegen Magdeburg denke: Deswegen bin ich hier hergekommen. Weil ich weiß, was Schalke ist.
Frage: Muslic hat gesagt, er wolle irgendwann mal Nationaltrainer Ihres Heimatlandes werden. Trauen Sie ihm das zu?
Dzeko: Zu einhundert Prozent.
Frage: Sie sind Deutscher Meister, englischer Meister, Pokalsieger in Italien geworden. Bedeuten Ihnen diese Erfolge noch mehr aufgrund Ihrer Vergangenheit? Als Kind mussten Sie vor dem Krieg in Bosnien fliehen und hatten nicht die typische Profifußballer-Ausbildung.
Dzeko: Stimmt. Wobei ich immer dazu sagen muss: Für meine Eltern war es noch viel schlimmer. Sie mussten sich um uns kümmern, immer mit der Angst um ihr Leben und das Leben ihrer Kinder. Kinder wollen immer spielen – egal, was gerade passiert. Sie machen sich weniger Gedanken. Unser Glück war, dass wir noch sehr klein waren.
Frage: Stimmt es, dass Ihre Mutter Ihnen eines Tages verboten hat, draußen Fußball zu spielen – und genau an dem Ort wenig später eine Granate eingeschlagen ist?
Dzeko: Ja, so etwas konnte jeden Tag zu jeder Zeit passieren. Es sind viele Kinder durch Granaten gestorben. Es war ein schlimmer Krieg, und viele Menschen mussten sinnlos sterben.
Frage: Was war der beste Ratschlag, den Sie während Ihrer Karriere erhalten haben?
Dzeko: Ich habe viele Ratschläge bekommen, aber einer fällt mir spontan ein: Ich spielte in Wolfsburg, und wir hatten einen Chiropraktiker, der uns einmal pro Woche besucht hat. Eines Tages hat er mich behandelt – und fragte mich: „Darf ich dir einen Tipp geben?“
Frage: Was war das für ein Tipp?
Dzeko: Er sagte mir, dass ihm aufgefallen sei, dass ich nach vergebenen Torchancen immer auf den Boden schaue und den Kopf hängen lasse. Und riet mir, positiver zu sein und irgendwas zu machen. Zum Beispiel am Trikot zupfen, einfach irgendwas als Routine. Ich habe das umgehend umgesetzt – und es hat wirklich geholfen. Ich habe die Torchance viel schneller vergessen können.
Frage: Mit Wolfsburg sind Sie 2009 sensationell Meister geworden. Träumen Sie manchmal noch von Medizinbällen?
Dzeko: Es hat ein wenig gedauert, sich an den Trainingsstil von Felix Magath zu gewöhnen. Aber wenn man so viele Spiele gewinnt, glaubt man daran und macht es mit. Ich erinnere mich an einen Tag: Da waren wir mit der Mannschaft im Trainingslager in Norddeutschland. Wir mussten um 7 Uhr aufstehen und dann sofort zum Strand kommen. Da lagen dann Traktoren-Reifen, die wir schleppen mussten. Mit Sprints zwischendurch. Viele Mitspieler kamen zu mir und mussten sich erst einmal übergeben. So etwas vergisst man nicht. Und so etwas schadet keinem Spieler.
Dieser Text wurde für das Sportkompetenzcenter (WELT, BILD, SPORT BILD) verfasst und erschien zuerst in SPORT BILD.
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