ARD und ZDF haben Olympia in die Wohnzimmer gebracht. Wenn die Spiele in Italien mit der Abschlussfeier am Sonntagabend (ab 20 Uhr) enden, werden die beiden Sender 220 Stunden live im linearen TV gesendet haben. Über drei Millionen Menschen schauten im Schnitt zu. Dazu kamen 1400 Stunden Sport online im Livestream. Genügend Zeit für Moderaten, Kommentatoren und Experten, um sich auszuzeichnen oder beim Publikum herauszustechen.
Die großen Gold-Momente, die auch zu großen TV-Momenten werden können, waren aus deutscher Sicht diesmal zwar rar gesät. Man denke dabei etwa an Langlauf-Kommentator Jens-Jörg Rieck vor vier Jahren in Peking („Ja hast du denn die Pfanne heiß? Es ist Gold!“). WELT hat dennoch genau hingesehen und kürt die drei Perlen der öffentlich-rechtlichen Olympia-Berichterstattung. Die Verlierer natürlich auch – siehe Textende.
Gold: Daniel Weiss (ARD)
„Wir alle ...“ – Pause – „... halten die Luft an.“
Woher wusste er das? Wie verdammt noch mal hatte sich Daniel Weiss Zugang in das heimische Wohnzimmer verschafft? Vor allem jetzt, wo er doch einen der größten Momente dieser Olympischen Spiele 2026 begleiten sollte.
Vielleicht liegt es schon an seinem Nachnamen, dass der ehemalige Eiskunstläufer und TV-Experte der ARD stets genau vorherzusehen vermag, was passieren wird. Auch wenn er die Atemlosigkeit vieler Menschen an diesem Freitag, den 13. Februar, korrekt antizipiert haben dürfte, als Superstar Ilia Malinin auf dem Eis zu seiner denkwürdigen Kür aufbrach, sollte er in der Folge – wie alle anderen auch – ausnahmsweise mal falschliegen.
Den Moment, als die Welt den ersten Vierfach-Axel bei Olympischen Spielen erwartete, kommentierte er so: „Nein. Er reißt ihn auf. Nur einfach.“ Und dann: „Nur Rittberger als Doppelsprung. Ja, was ist denn mit dem los?“ Und weiter: „Um Gottes Willen. Was passiert denn hier?“ Letztlich final: „Der kann nicht mehr. Der ist stehend k.o. Ilia Malinin wird kein Gold gewinnen.“
Die Momente waren so groß, dass es nur weniger Worte bedurfte. Generell eine Stärke des 57-Jährigen: die Programme der Läufer nicht zu zerreden, obwohl er mit all seiner Expertise doch so viel zu sagen hätte. Die Eiskunstlauf-Enzyklopädie mit Goldborte zeigt sich dann erst im Anschluss. Und das stets komprimiert und auf den Punkt. Mit Leidenschaft, rhetorischer Kunstfertigkeit und der Extraportion Expertise.
„Sie haben über Wochen im Team diskutiert, ob er im Teamwettbewerb beide Programme laufen soll“, analysierte Weiss unmittelbar nach Malinins historischem Zusammenbruch: „Sie haben sich dafür entscheiden, und es war ein Fehler. Vier Programme in einer Woche auf diesem Niveau zu zeigen, war nicht möglich.“
Er hätte ergänzen können, dass er höchstselbst dieses Risiko im Vorfeld benannt hatte, doch das hat ein Daniel Weiss nicht nötig. Er lieferte stattdessen kontinuierlich auf höchstem Niveau ab. Jedes Kurzprogramm geriet zur Kür.
Er ist ein bisschen wie der Dressur-Experte Carsten Sostmeier des Winters, nur besser, weil er sich nicht selbst nicht zum Kult erhebt. Er versteht es, Experten wie Unwissende gleichermaßen zufriedenstellend zu bedienen und dabei – obwohl als ehemaliger Athlet und Szene-Intimus eng verwoben mit dem Sport und seinen Athleten – bei aller gebotener Fairness kritisch zu bleiben.
Der Satz vor der Kür des deutschen Paars Minerva Hase/Nikita Volodin steht am Ende der Spiele für seine eigene Leistung: „Wenn es fehlerfrei gelingt, ist es ein kleines Kunstwerk.“ Wir erlebten den Vierfach-Axel am Mikrofon. Danke, Daniel Weiss!
Silber: Ronja Jenike (ZDF)
Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft sollte die beste gewesen sein, die jemals zusammengefunden hat. Offensichtlich hat sich das nicht bis zu den Spielern herumgesprochen. Das Team enttäuschte und schied nach einem Debakel gegen die Slowakei im Viertelfinale aus. So lahm der Auftritt des Teams war, so erfrischend war es, Ronja Jenike zu hören.
Lieferte Rick Goldmann in der ARD auch bei Olympia verlässlich ab, überzeugte die 36-Jährige im ZDF bei ihrem ersten großen Turnier mit Witz, Frechheit und ganz viel Expertise. Diese konnte die ehemalige Nationalspielerin vor allem bei Partien, die nur gestreamt wurden, beweisen. Dort, wo sie im TV-Programm nicht erklären musste, was ein Bully ist und dass das kleine schwarze Ding Puck und nicht Ball heißt.
Jenike, die mit dem Torwart der Iserlohn Roosters verheiratet ist, trat nicht wie so viele Experten bei den Winterspielen als Fan auf. Kein „uuhhhh, schade, Kombinierer-Gott“, kein „Auf geht's, packen wir's“, kein „Kopf hoch, Platz 27 ist doch auch super“. Sie macht das, was eine Expertin tun sollte – analysieren und kritisieren.
Und wenn es nichts zu analysieren gibt, löst es sie mit Witz. Als ihr Kommentatoren-Kollege Konstantin Klostermann weit ausholte, um zu erklären, warum der kanadische Jungstar Macklin Celebrini so eine gute Plus-Minus-Statistik in dieser Saison habe und sich dabei in einer immer enger werdenden Sackgasse verrannte, brachte sie es auf den Punkt: „Wahrscheinlich sind seine Mitspieler dieses Jahr einfach besser.“
Hätte sie pro Spiel noch 17 Mal weniger „am Ende des Tages gesagt“ wäre sogar die Goldmedaille drin gewesen.
Bronze: Benni Zander (ZDF)
Olympia steht für Vielfalt. Zwei Wochen, in denen der Scheinwerfer auch die Nischen der Sportwelt ausleuchtet. Skibergsteigen, Aerials oder Short Track sind nicht nur den meisten Zuschauern unbekannt. Randsportarten, bei deren Vergabe auch in Redaktionskonferenzen der TV-Sender viele Kommentatorenblicke zum Fenster oder auf den Boden gegangen sein dürften: Jetzt bloß nicht blinzeln.
Wer den Zuschlag erhält, hat nun zwei Möglichkeiten: das zu beschreiben, was die Bilder zeigen und sich auf die in vergangenen Jahren erlernte Sprechroutine zu verlassen – oder sich auf die neue Aufgabe einzulassen und tief in die Nische vorzudringen. Mit anderen Worten: den Weg des ZDF-Urgesteins Alexander von der Groeben zu gehen – oder es zu tun, wie Benni Zander. Der 36-Jährige ist ausgewiesener Basketballexperte, einer der besten, die Deutschland kennt. Er kommentierte auch Fußball. Aber Curling?
Seine Vorbereitung dürfte nicht viel weniger Zeit in Anspruch genommen haben als bei einigen Olympioniken. Dann aber war er auf den Punkt fit bei seiner Premiere, die über zweieinhalb Wochen andauerte. Ein Curling-Turnier ist lang, mit Zander aber ein Genuss. Wie selbstverständlich tauschte er im Cortina Curling Olympic Stadium Freiwurflinie gegen Hog Line und wuchs an der Seite von Expertin und Skip Sara Messenzehl täglich mit uns Zuschauern mit.
Zander besuchte Pressekonferenzen, führte Gespräche und lieferte Insides ohne dabei zu vertuschen, dass das Haus am Ende der Eisbahn (Sheet, is klar) zuvor eigentlich nie seine berufliche Heimat war.
„Es ist schon wieder die Sportart, die alle lieb haben, die alle gerne gucken, die alle mögen, die die großen Geschichten geschrieben hat“, sagte er im Halbfinale der Männer: „Mehr konnten wir nicht reinpacken in diese Turniere hier.“ Und das auch wegen Benni Zander. Vielen Dank für die vielen Stunden, und bis hoffentlich in vier Jahren.
Natürlich haben wir auch die drei TV-Verlierer der Winterspiele gekürt: hier entlang.
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