Die beiden deutschen Ausnahmesportler, die sich gerade über einen kleinen, beleuchteten Waldweg den Weg zur Fan-Zone bahnen, den Beifall der Menschen dort und die Stimme des Moderators hören, haben in ihrer Karriere so manches gewonnen und erlebt. Dies aber ist speziell für sie. Als Bobpilot Francesco Friedrich (35), Doppel-Olympiasieger von 2018 und 2022 sowie Zweiter im Zweier dieser Spiele, und Johannes Lochner (35), jetzt auch endlich mit Olympiagold dekoriert, aber hier in Cortina schließlich durch das Spalier der Menschen gehen, strahlen sie wie Jungs auf großer Abenteuerreise.

„Es sind so viele Freunde da, Familie, Fans – alle. Absolute Gänsehaut. Ich bin gerade nervöser als am Start, weil ich unfassbar glücklich bin, dass es so viele Leute gibt, die uns unterstützen, die hierherkommen und sich am Eiskanal und jetzt hier den Arsch abfrieren“, sagt Friedrich. „Das ist das Highlight meiner Karriere, dieses Event hier mit euch. Genau so habe ich es mir immer vorgestellt. Geil, geil, geil.“

Und das sagt Friedrich, der so viel gewonnen hat. Und der im Zweierbob von Cortina seinem bis dato zumeist unterlegenen Teamkollegen Lochner den Vortritt lassen musste. Aber: Friedrich erlebte mit Südkorea und China zweimal Spiele sehr weit weg von der Heimat, dazu in Peking sterile Corona-Spiele ohne „Deutsches Haus“ und ohne die erstmals bei Winterspielen erschaffene Fan-Zone. Hier in Cortina, wo mit dem Eiskanal auch Deutschlands Goldgrube zu finden ist, steht das Haus perfekt. Bei Olympischen Sommer- und Winterspielen ist es seit Jahren eine Institution.

Es ist Treffpunkt für die Mitglieder des Team D und ihre Familien, für ehemalige Athleten, für Sponsoren, Partner, Gäste und offen für Sportler anderer Nationen. Und neuerdings eben auch für Fans. Hier wird gefeiert, gelitten, gespeist, getanzt. Hier oben, etwa 30 Minuten Fußweg oder fünf Shuttle-Minuten vom Zentrum. Die Zahlen zur Halbzeit von der Bar lauteten: mehr als 1000 Liter Bier, über 2000 Aperol Spritz, 330 Flaschen Champagner.

„Wir hatten letztes Mal die Corona-Spiele – da war der Empfang ein wenig kleiner. Außer den Chinesen, die uns jeden Tag das Stäbchen reingerammt haben, haben wir nicht viele Menschen gesehen“, sagt Friedrich auf der Bühne der Fan-Zone. „Jetzt haben wir hier das. Das ist einfach fantastisch. Vielen Dank, dass ihr hergekommen seid und ihr es beim Wettkampf bis fast Mitternacht an der Bahn ausgehalten habt. Vielen Dank.“

Lochner, mit der Goldmedaille um den Hals, war sichtlich bewegt. „Ich finde keine Worte dafür, wie sehr mich das alles berührt und wie stolz es mich macht, dass es mit dem Sieg geklappt hat und wir so einen Rückhalt haben“, sagte er. „Ich bin nur ein kleiner Baustein. Es sind so viele drumherum, meine Frau, meine Familie, Sponsoren, Fans, alle.“ Einige von ihnen stehen in diesem Moment in der Fan-Zone.

Es gibt ein paar weitere Nationen-Häuser in Cortina: das „Casa Italiana“, das „Schweizer Haus“ und das „Slovenia House“ liegen im Stadtkern. Das „Österreich-Haus“ ist wie das der Deutschen etwas weiter weg. Wobei weit relativ ist. Der kostenlose Shuttle fährt regelmäßig und ansonsten bietet der Bergweg traumhaftes Panorama, Höhenmeter und Ruhe vom Trubel.

Steinmeier, Becker, Klopp, Hackl und Co.

Zur Halbzeit hatte das „Deutsche Haus“ 3000 Gäste gezählt, dazu rund 4000 Besucher in der Fan-Zone, die es erstmals 2024 bei den Sommerspielen in Paris gegeben hatte. Es war ein Kraftakt, diese kleine Welt auf dem Gelände des Golfclubs Cortina in den Dolomiten zu erschaffen: 23 Aufbautage waren nötig, 250 Menschen waren beteiligt, 75 Lkw-Ladungen wurden nach Cortina gefahren, 80 Personen halten das Haus in Betrieb, 30 Freiwillige unterstützen an verschiedenen Stationen, das Team des Münchner Caterers „Angerer & Obermayr“ zählt auch noch mal 25 Personen.

Das „Deutsche Haus“ selbst ist in das Clubhaus eingezogen, direkt daneben wurde temporär das kleinere, urige Kufenstüberl temporär erbaut. Hinzu kommen zwei temporär aufgebaute Holzhütten – eine für einen Sponsor, die andere für das Catering der Helfer, das Lager und ein Fitness-Center für die Athleten.

Die kostenlose Fan-Zone bietet einen LED-Würfel mit Live-Bildern der Wettbewerbe, Holzbuden und Mitmach-Angebote wie Eisstockschießen. Und immer mal wieder mit der Chance, Athleten für einen sogenannten „Medal Walk“ zu empfangen. Auch Deutschlands Biathlon-Staffel von 2014, die in Antholz nachträglich Gold bekommen hatte, mischte sich unter die Fans. Bestbesuchter Tag bisher: der 15. Februar bei Gala-Wetter mit etwa 700 Personen über den Tag verteilt.

Nach drinnen ins „Deutsche Haus“ mit großem Gastrobereich, täglich wechselnder Küche, Fernsehern und weiteren Bildschirme kann auch kommen, wer nicht zum Team D oder den geladenen Gästen zählt. Kosten für Erwachsene allerdings: 349 Euro.

Sie tragen einen Teil der Finanzierung des Ganzen bei, vornehmlich aber wird das deutsche Partyzentrum laut DOSB-Vermarktung „durchfinanziert von Partnern und Sponsoren“ des DOSB und Team Deutschlands. Es werde „nicht als klassisches staatliches Infrastrukturprojekt“ geführt. Einzelne Unternehmen übernehmen Sachleistungen (z.B. Ausstattung, Bodenbeläge, Innenausbau) als Teil ihres Sportsponsorings.

Prominenz aus Politik, Sport und Gesellschaft war in den vergangenen Tagen regelmäßig zugegen, um die deutschen Athleten zu feiern: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Finanzminister Lars Klingbeil, Tennis-Idol Boris Becker, Jürgen Klopp, Georg Hackl, Fürst Albert von Monaco, Gina Lückenkemper, Christian Ehrhoff – um nur einige zu nennen.

Im Haus findet sich auch eine „Wall of Champions“. Verewigt mit Fotos sind hier alle deutschen Olympiastarter dieser Spiele sowie die Athleten der folgenden Paralympics. Da die olympischen Sportstätten weit verstreut im Norden Italiens sind und deshalb viele Athleten erst nach ihren Wettkämpfen hierherkommen konnten, entstand die Idee zu dieser Wand.

Der Außenbereich zwischen „Deutschem Haus“ und „Kufenstüberl“ mit Panomarablick, Bar, Nachtisch- und Vorspeisenbuffet mutiert zu späterer Stunde zur Tanzfläche. Zwischen Journeys Klassiker „Don‘t stop believin‘“, Stromaes „Alors en Danse“ und Après-Ski-Songs ist die Bandbreite groß – und bleibt gern mal bei Letzterem hängen. Da kann bisweilen die bayrische Blasmusik-Band im „Kufenstüberl“ eine willkommene Abwechslung sein. Dort ist ohnehin immer Stimmung. Auf den Tischen tanzend gesehen: Sportler, Musiker und Besucher. Das „Kufenstüberl“ mit Brezn und Weißwurst gehört längst dazu. Genau wie die „Medal Walks“ direkt im „Deutschen Haus“ mit anschließenden Interviews von Moderator Matthias Killing.

Die längste Nacht: Der Kür-Abend der Paarläufer

Der bestbesuchte Tag im „Deutschen Haus“ war der 12. Februar, der Abend der goldenen Rodel-Staffel. Der längste war der 15. Februar (bis 3.45 Uhr), als gut 400 Kilometer entfernt Minerva Hase und Nikita Volodin im Paarlauf um Gold kämpften und Bronze gewannen.

Einen Tag später waren die beiden dann nach einer fünfstündigen Autofahrt erst in der Fan-Zone und dann abends im „Deutschen Haus“ zu Gast. Charmant, wie Volodin von sich selbst und seiner Partnerin mit einem Lächeln als „Miniki“ sprach. Und sehr ehrlich wie Hase erzählte: „Dieser verdammte Salchow. Manchmal hat man einen kleinen Blackout.“

Dann berichtete sie von den Momenten nach der Kür, direkt auf dem Eis. „Ich habe mich für meinen Fehler entschuldigt, aber er antwortete direkt: ‚Du hast 100 Prozent gegeben, heute war 100 Prozent ebendiese Leistung. Davon lassen wir uns nicht fertig machen.‘ Ich war sehr glücklich, dass mein Partner so toll reagiert hat.“

Während die beiden den Abend in Cortina ausgiebig und entspannt genießen konnten, bevor es zurück nach Mailand ging, wo sie am Samstag noch bei der großen Gala aufs Eis gehen werden, sah es bei den Bob-Crews anders aus. Lochner und Georg Fleischhauer, Friedrich und Alexander Schüller sowie Adam Ammour und Alexander Schaller müssen sich die große Party für Sonntag aufsparen. Denn bisher stand seit ihrem Dreifachsieg im Zweier jeden Morgen Training im Viererbob an. „Sonntag“, versprach das Trio, „wird dann gefeiert.“

Melanie Haack ist Sport-Redakteurin und seit 2012 für WELT bei Olympischen Spielen vor Ort – aktuell ist sie bei den Spielen in Italien. Hier finden Sie alle ihre Artikel.

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