Noch nie in seiner Karriere hat Skispringer Philipp Raimund einen Weltcup-Sieg errungen. Und dann stand er plötzlich bei Olympia ganz oben: Gold von der Normalschanze in Predazzo. Als erst fünfter Deutscher wurde der 25-Jährige Skisprung-Olympiasieger im Einzel. Von der Großschanze am Samstag belegte er Rang neun, im ­Super-Team mit Andreas Wellinger nach Schneechaos und Annullierung des dritten Durchgangs Platz vier.

Frage: Herr Raimund, lassen Sie uns über andere Dinge als Skispringen sprechen ...

Philipp Raimund: Sehr, sehr gerne! Das tut jetzt auch mal kurz gut.

Frage: Sie kommen gebürtig aus Göppingen, wo auch Jürgen Klinsmann auf die Welt kam. Sind Sie Fußballfan?

Raimund: Doch nicht über Fußball! Das ist tatsächlich ein Thema, mit dem ich gar nichts am Hut habe. Überhaupt nichts. Und ich bin auch nicht automatisch Fortuna-Düsseldorf-Fan, nur weil mein Cousin Luca (auch Raimund; d. Red.) dort spielt – ich habe mich aber tierisch gefreut, dass er mir gratuliert hat, ich bin Fan von ihm. Trotzdem ist Fußball einfach nicht mein Sport. Ebenso wie Luca verfolge ich seine Ergebnisse, aber von uns beiden macht jeder sein Ding, und das ist auch gut so.

Frage: Was ist Ihre Leidenschaft neben dem Skispringen?

Raimund: Tatsächlich Computerspiele. Ich habe Game-Design studiert und als Kind mal bei meinen Cousins Wii oder mit meinem Bruder am Laptop gespielt. Ich würde auch Markenbotschafter werden, wenn ein richtig gutes Skisprung-Spiel entwickelt werden würde. So eines, wo alles exakt wie im Realen ist, inklusive Windeinfluss. An der Wii spiele ich nicht sehr begnadet Skispringen. Dafür zünde ich an der richtigen Schanze umso mehr.

Frage: Wofür geben Sie Geld aus?

Raimund: Ich habe einen PC mit drei Bildschirmen. Mehr brauche ich eigentlich nicht. Mein Traum ist eines Tages ein eigenes Haus. Wenn das gesichert ist, bin ich glücklich. Und einen Ford Mustang. Das Auto ist einfach geil.

Frage: Worin sind Sie denn – neben dem Skispringen – noch begnadet?

Raimund: Ich habe ein völlig unnützes Talent: Ich erkenne die meisten Songs innerhalb von drei Sekunden.

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Frage: Was Sie mittlerweile auch sehr gut können, ist die Telemark-Landung. Üben Sie die manchmal auch unbewusst, wenn Sie im Supermarkt an der Kasse stehen?

Raimund: Ich weiß, andere machen das. Also, dass sie unabsichtlich im Alltag die Bewegung einbauen. Ich nicht. Ich übe die tatsächlich nur absichtlich beim Training in der Halle oder eben an der Schanze.

Frage: Haben Sie seit Ihrem Sieg geschaut, wer Ihnen jetzt neu auf Instagram folgt?

Raimund: Nein. Aber ich habe ja schon verraten, wen ich mir wünsche. Ich bin großer Japan-Fan und auch Fan von Yuji Nishida (japanischer Volleyballspieler mit 1,8 Mio. Followern auf Instagram; d. Red.). Wenn der mir folgen würde, das wäre extrem cool.

Frage: Denken Sie beim Sprung eigentlich manchmal: „Hab ich den Herd ausgemacht?“

Raimund: Niemals. Ich koche nämlich nie. Das läuft bei mir immer gleich ab: Am Wochenende ist Wettkampf, am Dienstag bestelle ich immer Essen – und auch immer das Gleiche: eine Pizza mit Schinken, Mais und Zwiebeln. Mittwochs esse ich bei meiner Mama, die zehn Minuten von mir entfernt wohnt. Und sie kocht immer das, was ich mir wünsche, und das immer extrem gut. Ich habe in der Luft wirklich nichts im Kopf. Ich höre auch nicht, wenn die Fans „Ziehhhhhh“ rufen. Dafür höre ich manchmal andere Dinge ...

Frage: Was meinen Sie?

Raimund: Manche Kommentare der Fans. Wenn der erste Sprung zum Beispiel in die Hose ging und es dann beim Vorbeilaufen heißt: „Jetzt machst du es aber besser.“ Da denke ich oft: „Leute, natürlich bin ich hier, um zu gewinnen, was glaubt ihr denn?“ Die meinen das sicher nicht böse, aber das beschäftigt mich. Ich bin sehr harmoniebedürftig, würde ich mal sehr schnulzig ausdrücken. Aber so bin ich einfach. Das ist mein Wesen. Deswegen bin ich auch viel am Reden mit den ganzen anderen Springern aus allen Nationen. Ich brauche einfach das Gefühl, dass ich hier richtig bin, dass ich mich wohlfühle und sich alle mögen.

Frage: Wofür im Leben haben Sie eigentlich noch so lange gebraucht wie für Ihren ersten Sieg?

Raimund: Für nichts. Es ist irre, oder? Seit 20 Jahren bin ich Skispringer. Das hat jetzt echt verdammt lang gedauert. In jedem anderen Job wäre man wohl verzweifelt, wenn man erst nach 16 Jahren die erste Beförderung erhält, in meinem Fall die Teilnahme im Weltcup, und dann noch mal vier Jahre für die zweite. Andere hätten da längst gekündigt.

Frage: Und jetzt ist es direkt die Olympia-Goldmedaille. Wofür – Weltfrieden und Gesundheit ausgeschlossen – würden Sie sie eintauschen?

Raimund: (schaut auf die Medaille, die um seinen Hals hängt, nimmt sie vorsichtig in die Hand): Ich muss?

Frage: Ja.

Raimund: (überlegt lange) Für alles Glück der Welt für meine Familie und Freunde.

Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) erstellt und zuerst in SPORT BILD veröffentlicht.

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