Ilia Malinin ist zurück am und auf dem Eis. Der so herausragende junge Eiskunstläufer, der am Freitag bei der Kür einen dramatischen Zusammenbruch erlebt hatte, tauchte am Sonntagabend in der Eiskunstlauf-Arena Mailands auf, um aus dem Zuschauerraum das Kurzprogramm der Paare zu beobachten. Zurück an jenem Ort, an dem er, der große Goldfavorit, vor 12.500 Menschen in der Halle und Millionen vor dem Bildschirm zweimal stürzte und Sekunde um Sekunde die Kontrolle verlor. Am Ende fiel er von Platz eins auf acht zurück.
„Ich kann es kaum erwarten, dich wieder aufsteigen zu sehen“, schrieb US-Olympiasiegerin Tara Lipinski nach dem Drama. Und Malinins Weg dahin begann bereits am Freitag, als er sich offen und emotional den Reportern stellte. Mit etwas Abstand hat sich der 21-Jährige jetzt sehr ausführlich über die sozialen Medien geäußert und gibt Einblicke in sein Innenleben. Es sind eindringliche Sätze, die auch von Hass berichten.
„Auf der größten Bühne der Welt kämpfen selbst diejenigen, die am stärksten erscheinen, innerlich möglicherweise mit unsichtbaren Schlachten“, schreibt er drei Tage nach jenem Abend, der die Sportwelt noch jetzt beschäftigt. „Selbst deine glücklichsten Erinnerungen können am Ende vom Lärm überschattet werden.“ Flankiert wird der Beitrag von einem Video, das Malinin beim Feiern seiner Siege zeigt sowie in einer Szene, in der er die Hände enttäuscht hinter seinen Kopf legt.
Malinin spricht von „endlosem, unüberwindbarem Druck“
Der Amerikaner hält den Punkte-Weltrekord in der Kür, ist der Weltmeister von 2024 und 2025, der einzige, der sieben Vierfache in einer Kür sauber springen kann und sogar den lange Zeit für unspringbar erachteten Vierfach-Axel beherrscht. In den vergangenen Jahren hat er die Eiskunstlauf-Welt aus den Angeln gehoben und mit seiner Sprunggewalt in neue Dimensionen gebracht.
„Er hat sich aber auch im Künstlerischen, in den eisläuferischen Fähigkeiten enorm verbessert“, sagt ARD-Experte Daniel Weiss im WELT-Interview. Mittlerweile hat er aber eine unglaubliche Selbstsicherheit gewonnen, sodass er in diesem Jahr viel mehr Kunst einbaut als zuvor. Und das finde ich das eigentlich Bemerkenswerte an ihm, dass er immer mehr Kunst einbaut.“ Ein moderner Künstler auf dem Eis, der dieser Sportart zu neuer Aufmerksamkeit verhilft und auch für neue Zuschauergruppen öffnet. Modern, weniger klassisch. Das zeigt schon seine Songauswahl.
Das gefällt zum einen nicht jedem, zum anderen zieht ein derartiger Erfolg Neider an. Und Hass – eines der größten Übel der heutigen digitalen Welt, in der, versteckt in der Anonymität, die widerwärtigsten Worte fallen und Seelen vernichtet werden.
Es geht nicht um Hass nach seinem Olympia-Drama, sondern um die Zeit davor, wenn Malinin nun schreibt: „Widerwärtiger Online-Hass greift den Verstand an, und Angst lockt ihn in die Dunkelheit – ganz gleich, wie sehr man versucht, angesichts des endlosen, unüberwindbaren Drucks bei Verstand zu bleiben.“ Eindringliche Worte. Weiter schreibt er: „All das staut sich an, während diese Momente vor deinen Augen aufblitzen, und führt schließlich zu einem unvermeidlichen Zusammenbruch. Das ist die Geschichte.“
Wie sehr ihn der Druck der olympischen Bühne, der auf jedem Sportler, aber besonders auf einem jungen Superstar wie ihm lastet, bei seinem Debüt überwältigt hat – davon hatte Malinin schon nach dem Kurzprogramm im Teamwettbewerb gesprochen. Nach seiner dann aber deutlich stabileren Kür sowie dem hervorragenden Kurzprogramm im Einzelwettbewerb schien er damit klarzukommen. Am Freitagabend aber sprach er dann erneut davon. Der Druck habe ihn überwältigt, habe ihm die Kontrolle entrissen.
Viel Zuspruch und Aufmunterung nach der Kür
Seine neuen Aussagen nun bei Social Thema erklären zudem etwas genauer, was er meinte, als er nach der Kür sagte: „Besonders als ich die Ausgangsposition einnahm, hatte ich das Gefühl, dass all die traumatischen Momente meines Lebens plötzlich in meinem Kopf hochkamen. Es waren einfach so viele negative Gedanken, die mich überfluteten, und ich konnte damit einfach nicht umgehen.“
In den Stunden und Tagen nach der Kür erhielt er von etlichen Größen des Sports Zuspruch. Ob von Tara Lipinski, Peking-Olympiasieger Nathan Chen, der 2018 Ähnliches erlebt hatte, oder US-Ski-Star Mikaela Shiffrin. Die Liste ist lang. Der US-Verband schrieb: „Wir sind alle Menschen. Wir werden nicht durch einen einzigen Moment definiert. Für immer stolz.“
Und Malinin wird vermutlich noch einmal zurückkehren auf das olympische Eis der großen Arena. Das jedenfalls lässt ein Hinweis am Ende seines aktuellen Videos vermuten – es zeigt das Datum des Schaulaufens, den 21. Februar 2026. Normalerweise treten bei der traditionellen Gala am Ende jeder Winterspiele nur die Medaillengewinner auf, manchmal ergänzt durch einen besonderen Viertplatzierten oder Sportler aus dem Gastgeberland.
Malinin ist weder Vierter geworden noch Italiener – aber er ist in dieser Sportart die prägende Figur, die mit ihrem Können und ihrer Art über die Grenzen des Eiskunstlaufes fasziniert. Und das bleibt er trotz der Geschehnisse am Freitag, dem 13. Februar 2026.
Melanie Haack ist Sport-Redakteurin und seit 2012 für WELT bei Olympischen Spielen für WELT vor Ort – aktuell ist sie bei den Spielen in Mailand. Hier finden Sie alle ihre Artikel.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke