Er hat die Eröffnungsfeier dieser Olympischen Spiele im Herzen Cortinas genossen, saugt all die Eindrücke aus dem olympischen Dorf auf, hat den Eiskanal getestet – und schwebt nun irgendwo zwischen immenser Vorfreude auf sein Debüt auf der größten Bühne des Weltsports, ziemlicher Anspannung und dem Gefühl, in einer komfortablen Situation zu sein: Denn Bobpilot Adam Ammour ist der große Herausforderer der Routiniers. Derjenige, der für die Arrivierten zum Spielverderber werden könnte. „Wir haben nichts zu verlieren“, sagt der 24-Jährige. „Die anderen haben da schon etwas mehr Druck.“
Die anderen – das sind seine deutschen Teamkollegen Francesco Friedrich und Johannes Lochner. Friedrich, zweimaliger Doppel-Olympiasieger. Lochner, zweimal Olympiazweiter. Wenn es in der olympischen Zweier- und Viererbob-Entscheidung kommende Woche um Gold, Silber, Bronze geht, haben die drei deutschen Piloten mit ihren Crews die ärgsten Konkurrenten im eigenen Land. Friedrich und Lochner, die zwei Giganten und Dauerrivalen, und dann Ammour, der im Vierer auch Bruder Issam an seiner Seite hat, und sagt: „Wir werden versuchen, sie zu ärgern.“
Ein deutscher Dreifachsieg bei Olympia? Abwegig ist das nicht. Schon einmal gab es das, und lange ist es nicht her: Bei den Winterspielen 2022 in Peking siegte Friedrich im Zweierbob vor Lochner und Christoph Hafer. Im Vierer schob sich zwischen Lochner und Hafner nur die kanadische Crew. Die Aussichten auf eine ähnliche Dominanz sind mit Blick auf den Weltcup recht rosig: Die Gesamtwertung gewann kurz vor den Spielen Lochner vor Friedrich und Ammour, in der getrennten Wertung von Zweier- und Viererbob das gleiche Bild.
Friedrich und Lochner – einmal gab es Zoff
Da ist also Friedrich, 35, der viermalige Olympiasieger aus Pirna, Vater von zwei Söhnen, der sein Karriereende bisher offenlässt. Seine Olympiapläne waren im vergangenen Sommer arg ins Wanken geraten, als er beim Putzen des Vordachs von der Leiter fiel und sich die linke Hand brach. Doch er wurde rechtzeitig wieder fit und ist nach Platz zwei im Gesamtweltcup angriffslustig: „Wir haben ein Ziel, einen Plan im Kopf, wissen, was wir tun. Ich denke, wir schlagen dann bei Olympia zurück“, sagt er und ergänzt: „Das Imperium hat immer zurückgeschlagen.“
Mit dem ebenfalls 35 Jahre alten Berchtesgadener Lochner ist er in sportlicher Rivalität verbunden. Mehr als das, nämlich Zoff, gab es allerdings, als Friedrich 2024 bei Lochners Topanschieber Georg Fleischhauer anklopfte. Lochner sah das als Abwerbungsversuch. Der Bayer hat zwar viel erreicht – Weltmeister 2017 im Vierer, 2023 im Zweier, dreimal Gesamtweltcupsieger im Zweier, zweimal im Vierer – stand aber oft in Friedrichs Schatten.
„Die Erwartungen sind klar“, sagt er. „Wir haben uns immer auf Augenhöhe mit Francesco duelliert, er war oft beim Höhepunkt vorn, nun wollen wir den Spieß mal umdrehen.“ Verbissen aber geht er es nicht an. Lochner hat, so sagt er, seinen Frieden mit Olympia gemacht. Nach diesen Winterspielen ist für den Familienvater dann definitiv Schluss.
Den größten Konkurrenten im eigenen Team zu haben, dazu denjenigen, der oft einen Schritt voraus war, sieht er als Antriebsfeder seiner Karriere. „Ich glaube, wenn es Francesco nicht geben würde, wäre ich irgendwo im Mittelfeld“, sagte er kürzlich „Sport Bild“. „Denn ich würde nur so hoch springen, wie ich müsste. Ich sehe ja auch, wie er durchdreht, wenn ich vorn bin. Davon profitiert sogar das gesamte deutsche Team inklusive der Frauen, weil wir die Materialentwicklung so pushen. Unser Know-how ist riesig.“
Bei den Frauen hat Pilotin Laura Nolte kürzlich im Mono- sowie mit Deborah Levi im Zweierbob den Gesamtweltcupsieg geholt, geht als Favoritin in die olympischen Rennen – und wurde dieser Rolle am Sonntag bereits gerecht: Nach den ersten beiden Läufen führt sie im Monobob und hat Montagabend beste Chancen auf Gold. Die Weltcup-Dritte Lisa Buckwitz leistete sich trotz Startrekord zu viele Fehler und hat als Sechste fast eine Sekunde Rückstand auf Nolte. Im Zweierbob will dann auch Kim Kalicki, dort Dritte des Weltcups, vorn mitmischen. Ganz so dominant wie die Männer sind die deutschen Frauen damit zwar in der Breite nicht, aber deren Situation ist ebenfalls äußerst komfortabel.
Dass Ammour jetzt in Mailand in der Rolle des Mitfavoriten steckt, hätte er selbst noch vor einiger Zeit nicht zu träumen gewagt. Der Mann aus Gießen, der seit Kurzem für Eintracht Frankfurt startet, hatte sich lange Zeit dem Turnen verschrieben – nicht auf Topniveau, aber doch mit Leidenschaft. Ein Handgelenksbruch beim Fußballspielen mit 18 zwang ihn zum Umdenken. Und da sein acht Jahre älterer Bruder Issam von der Leichtathletik schon länger als Anschieber zum Bob gewechselt war, ließ er sich von ihm mitziehen.
Der Aufstieg gelang rasant: 2024 feierte Ammour mit seiner Crew WM-Silber im Zweier- und Bronze im Viererbob. In diesem Januar ließ er dann mit seinen Anschiebern Joshua Tasche, Alexander Schaller und Issam Ammour seine ersten beiden Weltcupsiege im Vierer folgen – das Nachsehen hatten Lochner und Friedrich …
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Die Bob-Entscheidungen:
- Monobob, Frauen: Nolte führt nach 1./2. Lauf; Mo., 16.2., ab 19 Uhr, 3./4. Lauf
- Zweierbob, Männer: Mo., 16.2., ab 10 Uhr, 1./2 Lauf; Di., 17.2., ab 10 Uhr, 3./4. Lauf
- Zweierbob, Frauen: Fr., 20.2., ab 18 Uhr, 1./2. Lauf; Sa., 21.2., 19 Uhr, 3./4. Lauf
- Viererbob, Männer: Sa., 21.2., ab 10 Uhr, 1./2 Lauf; So., 22.2., ab 10 Uhr, 3./4. Lauf
Melanie Haack ist Sport-Redakteurin und seit 2012 für WELT bei Olympischen Spielen für WELT vor Ort – aktuell ist sie bei den Spielen in Italien. Hier finden Sie alle ihre Artikel.
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